Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 54 (5.7.1900)
- Date
- 1900-07-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Zweite Anlage zu M 54 des „Israelit^. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Mainz, 2. Juli. Von einem hochgeschätzten Freunde, der mit den Verhältnissen unserer Glaubensgenossen in Rumänien, durch längeren Aufenthalt in diesem Lande, sehr vertraut ist, gehen uns folgende Zeilen zu: Allenthalben rüstet man sich zum Hülfswerte für die hart bedrängten Glaubensbrüder in Süd-Rußland, Rumänien und Galizien, und in altbewährter Treue öffnet sich die gabenfrendige Hand Israels, um den Brüdern in ihrer Roth beizustehen. Allein, wenn es schon im Talmud heißt nvwv'2 np^mci rc:: npi*\ „Wohlthätigkeitsgelder müssen wenigstens von Zweien eingezogen, aber mindestens von Dreien vertheilt werden," wenn damit schon die schwierige Ausgabe, die die richtige Verwendung der Wohlthätigkeitssummen in sich schließt, gekennzeichnet wird, so tritt bei dem jetzigen Hülfswerk diese Schwierigkeit noch ganz besonders zu Tage. Wo soll man einerseits in den vorn Unglück betroffenen Landstrichen immer die richtigen Männer finden, die mit Herz und Seele in uneigennütziger Thätigkeit ihre Zeit den bedrängten Glaubensbrüdern ividmen u. andererseits allenthalben die Gesichtspunke im Auge halten, die nach menschlicher Berechnung dem Rothstande an erster Stelle ein Ende zu bereiten berufen sind! Greifen wir Rumänien heraus. Wenn uns unsere Annahme nicht trügt, will man dort den Rothstand beseitigen, indem man die Auswanderung fördert und Schulen für die Znrückbleibenden eröffnet. Run bedenken wir. In Rumänien leben 4—500,000 Juden, unter diesen werden wenigstens 200,000 mit der bittersten Roth zu kämpfen haben; ist es möglich, all diesen zur Auswanderung zu verhelfen! Bei 5000 würden die vorhandenen Mittel schon mehr als aufgezehrt sein, ohne daß den Zurückbleibenden eine wesentliche Besserung ihrer wirthschaftlichen Lage dadurch geschaffen würde. Noch weniger können Schulen helfen. Die rumänischen Juden verstehen und sprechen fast durchwegs die Landessprache und haben die allgemeine Bildung, die für die niederen Klassen nothwendig ist. Dagegen schwebt mir ein anderer Plan vor Augen, der ausführbar ist und der auf der Kenntniß der wirklichen Verhältnisse beruhend, Aussicht auf Besserung der Lage gewährt. Rumänien ist vornehmlich Agrarstaat; Industrie aber fehlt dem sonst so reich gesegneten Lande ganz und gar und für viele Millionen müssen jährlich Jndustrieerzeugnisse eingeführt werden. Würden unsere Glaubensgenossen dort industrielle Unternehmungen schaffen, gar bald würden sie zu Wohstand gelangen und ein Segen für die Andern werden können; aber leider fehlt ihnen dazu das Kapital, nicht der Unternehmungsgeist. Mein Vorschlag, den ich wenigstens zur Erwägung anheimstelle, geht daher dahin, aus den einlaufenden Geldern eine Darlehensbank zu gründen und erstens den Industriellen, die kleine Unternehmungen in Angriff genommen haben, aber aus Mangel an Mitteln ihren Wirkungskreis nicht vergrößern können, Darlehen zu gewähren und ihnen dafür die Verpflichtung aufzuerlegen, nur jüdische Arbeiter anzustellen; dann auch all den zahlreichen jüdischen Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten ebenfalls in der Form von Darlehn unter die Arme zu greifen, damit über die augenblickliche Nothlage, die hauptsächlich durch die diesjährige schlechte Ernte hervorgerufen wurde, hinwegzuhelfen und ihre dauernde Existenz dadurch zu erhalten. Wie wir die Verhältnisse in Rumänien kennen, würde eine Auswanderung wenig helfen und dabei viel Schaden durch die Entwerthung der Grundstücke in ihrem Gefolge haben. Dagegen könnten mit den Mitteln, die sonst die Transportgesellschaften verschlingen, Tausende im Lande selbst erhalten werden und zur Wohlthat gelangen, sich dort, wo sie gern sind, durch ihrer Hände Arbeit, die ihnen niemand stört, zu ernähren. Mainz, 28. Juni. Wir erhielten einen dringenden Aufruf zu Gunsten der „allgemeinen israelitischen Volksküche" (Aschkenasim und Sephardim) in Jerusalem. Wir wollen nicht verfehlen, unsere geehrten Leser darauf aufmerksam zu machen, daß diese Institution einem wahren Bedürfnisse entspricht und innerhalb der jüdischen Gemeinde der heiligen Stadt eine überaus segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Wir hoffen, daß es nur dieses Hinweises bedarf, um wohlthätige Glaubensgenossen zur kräftigen Unterstützung dieser Volksküche zu veranlassen. Köln, 1. Juli. Heute schied aus unserer Mitte Herr Rabbiner Dr. Nobel, der nach vierjähriger ersprießlicher Thätigkeit als Lehrer der hiesigen Chewrath Talmud Thora einem ehrenvollen Rufe nach Königsberg gefolgt ist. Wir verlieren in ihm nicht nur echen großen, bedeutenden Lehrer, einen hervorragenden, von talmudischem u. philosophischem Geist durchdrungenen Gelehrten, es scheidet vielmehr mit ihm unser treuester Freund. Denn wo die herrlichsten Tugenden in dem Menschen vereinigt sind, wo sich mit der Erhabenheit der Gedanken, mit dem Bewußtsein der Kraft seiner Persönlichkeit zugleich die vornehmste menschliche Eigenschaft, die Bescheidenheit, verbindet, da wird die Hochachtung erzwungen und aus dieser erwächst die innigste und aufrichtigste Freundschaft. Ja, Gefühle der Liebe und Dankbarkeit sind es, die in den Herzen der Schüler auf ewig ihrem Lehrer bewahrt bleiben werden, und wer es weiß, mit welchem Durst die Schüler an dem lebendigen Quell des Thorawortes,