Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 54 (5.7.1900)
- Date
- 1900-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1103 keine Zimmer frei waren und daß er daher im zweiten Stock logieren müsse. „Und richtig, im Englischen Hof gehen sie hinauf in den zweiten Stock, in ein schönes großes Zimmer und der Herr sagt zu Herrn Frankenberg, er solle sich setzen, er wolle dem Lord sagen, daß er da wäre mit den Brillanten. Und damit geht er in ein Nebenzimmer, macht aber die Thüre nicht fest zu, so daß Herr Frantenberg hinein sehen und auch alles hören kann, was drinnen gesprochen wird. Und da sieht er, wie Jemand im Schlafrock und mit einer Hauskappe auf dem Kopfe im Lehnsessel sitzt, und wie der Herr, der ihn geholt hat, vor dem Lord steht und ihm sagt, daß der Juwelier Frankenberg mit den Brillanten da wäre, ob er ihn herein führen soll. Und da hört Herr Frankenberg, ivie der Lord mit einer ganz sonderbaren Stimme ächzt und flucht und sagt, er habe Schmerzen und keine Lust, den Kram anzuschauen. Und der Hotelier hätte ihm gesagt, der Frankenberg habe keine so schöne Sachen, ivie er sie für seine Braut haben wolle, bei dem Juivelier Goldschmidt in der Hochstraße gäbe es weit kostbarere, er möge dem Frankenberg sagen, er solle sich packen mit seinem Kram. „Herr Frankenberg hat sich da schon gehörig geärgert, denn er hatte sehr kostbare Sachen mitgenommen und die Etuis schon vor sich auf den Tisch gestellt. Aber schon hat er sie wieder einstecken wollen, da hört er, wie der Herr drinnen dem Lord zuredet, er möchte die schönen Sachen von dem Herrn Frankenberg nur ansehen, es wären lvunderschöne Sachen dabei und er wüßte bestimmt, wenn der Lord sie sehen würde, so kaufte er für seine Braut davon. „Und darauf kommt der Herr wieder zu Herrn Frankenberg und sagt ihm leise, der Lord wäre so'n römischer Mensch, erst habe er ihn zu Herrn Frankenberg geschickt und jetzt wolle er den Juwelier Goldschmidt holen lassen. Ihm wäre es aber zu leid, daß Herr Frankenberg sich vergebens herbemüht haben sollte, seine Schmucksachen ivären ja wunderschön, er »volle sie dein Lord einmal zeigen, da wäre er sicher, daß er davon kaufen würde. „Und damit nimmt er alle Etuis vom Tisch und trägt sie hinein in's andere Zimmer, macht aber wieder die Thüre nicht fest zu, so daß Herr Frankenberg hören kann, ivie der Herr jedes einzelne Stück dein Lord anvreist und wie der Lord brummt, der Andere soll schweigen, daß er in Ruhe die Sachen ansehen kann. „Und darauf hört Herr Frankenberg gar nichts mehr. Und er wartet und wartet und denkt immer, was der Lord wohl kaufen wird und wie ärgerlich es sein ivürde, wenn er ihn fortschicken und den Schmuck bei Goldschmidt kauten würde. Und er wartet wohl eine Viertelstunde und dann wird er ungeduldig und weiß gar nicht mehr, was er davon denken soll." „Aber, liebes Kind. Du wolltest mir doch von Dir erzählen." „Gleich, liebe Mama, gleich." Kopfschüttelnd fügte sich Elsa dem Wunsche ihres Knaben, der gleich darauf fortfuhr: „Frankenberg steht endlich auf, geht ganz leise zu der Thüre und sieht in's andere Zimmer. Da sitzt der Lord noch immer im Schlafrock und vor ihm auf dem Tische stehen die Etuis. Der andere Herr aber, der ihn geholt hat, ist nicht da. Das kommt dem Herrn Frankenberg ganz seltsam vor, er denkt sich, am Ende ist der Lord beim Anschauen der Brillanten eingeschlafen, aber wo mag der Andere sein? Er räuspert sich und hustet laut, um den Lord zu wecken, aber der dreht sich nicht um. Und endlich wird es dem Herrn Frankenberg doch zu lang, er geht hinein und will wenigstens die Etuis mit den Brillanten nehmen, und wie er zu dem Tische geht, sieht er auf den Lord und — denke Dir, Mama, es war ja gar kein Lord. Nur ein leerer Schlafrock ist es gewesen, der ist so auf dem Lehnsessel gelegen, als ob ein Mensch ihn anhätte, und oben am Hals war er zugeknöpft und darin war ein hoher weißer Halskragen und darauf ist die Kappe gesessen. Du kannst Dir denken, Ivie der Frankenberg erschrocken ivar und ivie er nach den Etuis gegriffen hat, sie waren alle leer. — Herr Frankenberg rennt zur Thür, um Lärm zu machen, damit der Dieb verfolgt wird, aber die Thüre ivar verschlossen; ec rennt in's andere Zimmer zu der Thür, aber die ist natürlich auch zugeschlossen; er ivill den Schellenzug ziehen, da fällt ihm gleich der Knopf in die Hand. Du kannst Dir denken, liebe Mama, wie Herr Frankenberg in Wuth war, er schreit und klopft und macht allen möglichen Lärm, aber die Leute im Hotel haben ihn nicht so bald gehört. Es soll beinahe eine halbe Stunde gedauert haben, bis ein Kellner ihn gehört und ihm aufgemacht hat." „Dergleichen Gaunerstücke sind schon oft vorgekommen," sagte Elsa, „aber Du wolltest mir doch erzählen, Ivas Du angestellt hast —" „Angestellt habe ich gar nichts, liebe Mama," sagte Henrv, indem er den Kopf an ihre Schulter lehnte und ihre Hand, die er in der seinen hielt, streichelte. „Ich bin nur gerade beim Englischen Hof vorübergegangen, als Herr Frankenberg mit ganz vielen Menschen herausgekommen ist, und alle haben davon gesprochen, und der Portier im Englischen Hof hat gesagt, der Fremde, der da im zweiten Stock gewohnt hätte, wäre vor einer halben Stunde ganz ruhig fortgegangen und hätte sich noch von ihm ein Streichholz geben lassen, um die Cigarre anzuzünden, es wäre ein großer, schlanker Mann und blond —" „Ich weiß noch immer nicht, wozu Du mir das alles erzählst," sagte Elsa ungeduldig. Henrv athmete tief auf und drückte ihre Hand fester. „Ich bin ziemlich spät zu Massings gekommen, die Andern waren schon alle da und haben von dem Diebstahl noch gar nichts gewußt. Ich habe es ihnen natürlich erzählt, und dabei —■ ich weiß selbst nicht, wie es gekommen, es ist mir wirklich nur so aus dem Munde gesprungen, daß ich aus Scherz gesagt habe, ich hätte den Dieb gesehen, wie er mit em Herrn Franken-