Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 54 (5.7.1900)
- Date
- 1900-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1100 ziehen können, als nicht eine entsprechende Steigerung der Leistungsfähigkeit der jüdischen Gemeinde eintritt. Demgemäß ist des Weitern zu veranlassen und der Petent zu bescheiden. Im Aufträge: gez. K ü g l e r. An die Kgl. Regierung zu O. Aus der Provinz Hannover, 1. Juli. Nach dem soeben erschienenen statistischen Jahrbuch des „D.-J. G.-B." in Berlin ist zum Neubau der israelitischen Schule zu Wüstensachsen, Kreis Gersfeld, mittels Allerhöchsten Erlasses eine Staatsbeihülse zum festen Betrage von 7500 Mk. bewilligt worden. Auch in anderer Weise gibt das Ministerium der geistlichen Unterrichtsu. Medizinal-Angelegenheiten sein Wohlwollen für das jüdische Volksschulwesen kunv. So wurde der Schulgemeinde P., Provinz Hannover, in Folge der dortselbst bestehenden Beitragsunfähigkeit der Gemeindemitglieder ein namhafter, widerruflicher Staatszuschuß gewährt, nachdem die betreffende Bezirksregierung die Weiterbewilligung vom I. April d. I. an ablehnte. Ausführlicher Bericht über diese bedeutsame Angelegenheit folgt in einer der nächsten Nummern. Tchlochau, 24. Juni. In Landeck entstanden am Donnerstag Abend Unruhen. Ein jüdischer Glaser hatte am Tage vorher einem etwas angetrunkenen, aber sonst ruhigen Fuhrmann aus ganz geringer Veranlassung das Gesicht arg zugerichtet und dadurch die Wuth der Leute gegen die jüdischen Bewohner angefacht, die am Donnerstag Abend zum Ausbruch kam. Ein lärmender Volkshaufe, gegen welchen die Polizei machtlos war, zertrümmerte die Fenster bei mehreren jüdischen Einwohnern. Erst als der Gendarm aus Peterswalde der Landecker Polizei zu Hilfe kam, konnte gegen 1 Uhr nachts die Ruhe wieder hergestellt werden. Schlawe, 27. Juni. Nachdem schon einige Abende zuvor Anzeichen einer gegen die jüdische Bevölkerung unserer Stadt gerichteten Bewegung sich bemerkbar machten, ist es am Samstag Abend zu umfangreicheren Eigenthumsbeschädigungen gekommen. Die Polizei, verstärkt durch vier Gendarmen, mußte bis spät in die Nacht hinein durch die Straßen der Stadt patroulliren, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Auf Antrag des dortigen Bürgermeisters sind vom Regierungspräsidenten in Köslin telegraphisch 24 Gendarmen dorthin beordert worden. Auch Velgard hatte in vergangener Woche einen kleinen Judenkrawall. (sassel, 24. Juni. (Ausstellung in der Gewerbehalle.) Seit mehreren Wochen erregen die in der Gewerbehalle ausgestellten Gegenstände des Handfertigkeitsunterrichts, wie solcher im hiesigen israelitischen Waisenhause geübt wird, die Aufmerksamkeit größerer Kreise und bringen den Veranstaltern allseitige gerechte Anerkennung ein. Es dürfte den Lesern nicht entgangen sein, daß der in der Pfingstwoche in Köln versammelte Lehrertag in seiner überwiegenden Mehrheit gegen die Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in der Schule sich ausgesprochen, da die Schule andere, wichtigere Aufgaben zu erfüllen habe und Kinder ihre freie Zeit dem Spiele und anderen Erholungen zuwenden können. Anders ist es mit Waisen und Rettungshäusern. Durch die Jnternatserziehung sind die Zöglinge solcher Anstalten an sich schon an eine strenge Hausordnung gebunden, und der Wechsel zwischen Arbeit und Spiel ist durch eine weise Eintheilung der Tageszeit geboten. Darum bieten diese genannten Stätten besondere Gelegenheit, den Knaben in den Mußestunden, die einen Aufenthalt im Freien nicht zulassen, oder an langen Winterabenden, anregende und erziehende Beschäftigung zu gewähren. Das Curatorium des israelitischen Waisenhauses hat darum auch keine Mittel für zu hoch erachtet, seine Anstalt auch darin auf's Beste auszustatten. Ein großes Zimmer mit allen erdenklichen und bewährten Einrichtungen steht für diesen Unterricht zur Verfügung und Herr Inspektor S ch e y e, der wiederholt Teilnehmer der Curse am Seminar für Knaben-Handfertigkeit in Leipzig gewesen, versteht es meisterhaft, seine Zöglinge zu fördern und anzuspornen, zumal die Arbeit als Lohn für gutes Betragen und gute Leistungen in der Schule gestattet wird. Daß sein Bemühen mit dem besten Erfolg gekrönt ist, davon geben die zum ersten Male öffentlich ausgestellten Gegenstände das beredteste Zeugniß. Fast alle Sachen sind nützlich; wir sehen dort geschnitzte Stühle, Servirbretter, Kleiderhaken, Briefordner, Tintenfässer mit Briefwaage, Tintenlöscher, Bilderrahmen, Fußbänke, Servirtische, Schlüsselhaken, einen Haussegen mit den Worten: „Grüß dich Gott." Wenn wir aus der Fülle der Gegenstände zwei besonders hervorheben wollen, so sind dieses die „Schreibmappe" und die „Spieltische," die bei genauer Betrachtung zeigen, in welch' hervorragender Weise Augen und Hände der kleinen Zöglinge gebildet sind. Fast alle Schnitte sind in gleicher Tiefe und nur selten ist eine Linie durch das Messer überschritten. Sicherlich darf man der nächsten Ausstellung mit erhöhtem Interesse entgegensetzen. München, 27. Juni. Die Wiener Antisemiten veranstalten bekanntlich eine gemeinsame Fahrt nach Paris, die unter der Leitung des Reichstagsabgeordneten Schneider vor einigen Tagen begonnen hat. Auf dieser Reise sind die Herrschaften auch nach München gekommen und haben sich von den hiesigen Gesinnungsgenossen feiern lassen. Herr Wengg, dessen große Worte im umgekehrten Verhältniß zu seiner Bedeutung stehen, hat bei dieser Gelegenheit im Kreuzbräu eine Versammlung veranstaltet und die Wiener Gäste angetoastet. Die Erfolge der Wiener Antisemiten sind natürlich entsprechend gefeiert worden, und besonders Schneider ist als hervorragender General der antisemitischen Armee gefeiert worden. Den Gipfel des Unsinns erreichte aber Wengg, als er den Besuch der Wiener Antisemiten in München in Paralelle stellte zu dem Einzug, den 1870 unsere siegreichen Truppen nach dem großen Siege in Frankreich gehalten haben. Man braucht diesen Unsinn wirklich nur niedriger zu hängen.