Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449098--51031-2501480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1090 größere Portionen Fleisch etc. gekocht wurden, und so wurden die Auswanderer bei ihrer Ankunft im Hafen mit Speise und Trank empfangen. (Zs war für die armen Leute ein Lichtstrahl in der Finsternis; ihres Daseins und wer (Gelegenheit gehabt hat, die über diese Bethätigung brüderlicher Liebe dankerfüllten, von froher Hoffnung auf ein baldiges, menschenwürdiges, besteres Loos beseelten Menschen zu sehen, Der wird diesen Anblick nicht vergessen. Um ck Uhr Abends fuhren sie lveiter und zlvar nach Rotterdam, nachdem ein Jeder noch Zehrgeld auf den Weg mitbekommen hatte. (Auch hier in Mainz hat sich ein aus den angesehensten Mitgliedern der beiden Gemeinden bestehendes Komitee gebildet, das, den (Zentralpunkt für Hessen bildend, eine weitgehende Unterstützung für die im Lande verbleibenden rumänischen Juden einleiten will. Der hier durchwandernden Rumänen nimmt sich der hiesige hierein zur Beschränkung des Wanderbettels an. Red. d. Jsr.) ttölit, 28. Juni. Eine Deputation der Synagogengemeinde Köln stattete dem Erzbischof Simar einen Besuch ab, um ihn als Erzbischof zu begrüßen. Rabb. Dr. Frank betonte, das; die Kölner Kirchenfürsten fast stets eine freundliche und wohlwollende Gesinnung gegen die Judenschaft gehegt, das; sie sich besonders im Mittelalter bei den Berfolgungen ihrer angenommen hätten. Redner hofft, daß der jetzige Erzbischof die Traditionen der Vergangenheit fortsetze, und das; unter seinem Hirtenstab die Herde in Friede und Eintracht Zusammengehen und liebevolle Gesinnung unter den Bekennern aller Konfessionen der Diöcese gefördert iverde. In der Antwort des Erzbischofs hieß es, er erkenne den Borzug des israelitischen Volkes an, daß sie das Volk des Bundes seien. „Sie sind nun einmal das von Gott auserlvählte Volk, ausgezeichnet durch den Besitz des Gotteswortes und die Verheißung des Heiles für die ganze Menschheit." Von diesem religiösen Standpunkte aus sei seine Stellung gegen Israel gegeben und von dem christlichen Grundgesetze der Liebe bestimmt. So lvie er, denke jeder katholische Bischof. Diese Gesinnung werde er den Israeliten der ganzen Diöcese bewahren und sie gegebenenfalls auch praktisch bethätigen. Und wenn auch einstlveilen in Bezug auf den religiösen Glauben eine Scheidewand uns trenne, so halte er doch an der Hoffnung fest, daß eine Zeit kommen wird, wo es einen Hirten und eine Herde geben werde. F-nrtli, 28. Juni. Vor einiger Zeit brachte der „Israelit" die Mittheilung, daß die beiden hiesigen Kaufleute, die zu Eommerzienräthen ernannt wurden, Glaubensgenossen seien. Zu diesem Beweise von Toleranz und Gerechtigkeit, die in unserem lieben Vaterlande herrschen, will ich noch hinzufügen, daß es außer jenen beiden noch vier lveitere jüdische Eommerzienräthe am hiesigen Platze gibt. Einer dieser Herren gehörte früher der Orthodoxie an und wurde damals als Vorstandsmitglied der jüdischen Bürgerschule gewählt. Er ist wohl schon seit Jahren anderen Sinnes gelvorden, aber aus Erkenntlichkeit für sein andauerndes Interesse an der Schule hat man ihn in dieser Eigenschaft belassen. — 'An der kgl. Realschicke wirkten bis vor kurzer Zeit drei jüdische Lehrkräfte; leider sind zwei derselben durch Tod bezw. Pensionirung abgegangen, und ebenso bedauerlich ist es, das; der dritte kaum den Namen Jude verdient. Bon anderen jüdischen Beamten finden sich in unserer Stadt: Ein Landgerichtsrath, ein Oberamtsrichter, zwei 'Amtsrichter, ein Gerichtssekretär und untergeordnetere Organe. Es herrscht in allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung ein friedlicher, vorurteilsfreier Geist, der sich auch darin zeigt, daß Magistrat und Gemeindekollegium Israeliten zu Mitgliedern haben, das; Juden den angesehensten Vereinen der Stadt in großer Zahl angehören und unsere Kinder in allen Schulen gern gesehen sind und gerecht beurtheilt werden. Einen schönen Beweis von Rücksichtnahine will ich Ihnen heute noch mittheilen, obgleich er schon ziemlich weit zurückliegt. Am Sabbat Ehanuka bat ein Schüler den Direktor einer der hiesigen kgl. höheren Schulen um Erlaubnis;, um 4 Uhr des Nachmittags vom Unterricht dispensirt zu werden, um das Ehanukalicht anzünden zu köitnen. Sofort lies; der Direktor in sämmtlichen Klassen seiner Anstalt bekannt geben, daß alle diejenigen israelitischen Schüler, welche das „Makkabäerlicht" anzuziinden lvünschcn, schon um drei Uhr voin Unterrichte befreit werden sollen. Es ist sonderbar, das; unsere Glaubensgenossen in Preußen, Hessen uttd anderen Bundesstaaten, lvo ihre Kinder in den Schulen gar manche Zurücksetzung und Benachtheiligung zu erdulden haben, diese nicht in bäuerische Schulen schicken; sie würden häufig auch leichter und schneller zum Ziele kommen, als es in ihrem Heimathlande der Fall ist. Zudem haben die bayerischen Schulanstalten den Vorzug, daß auch der jüdische Religionsunterricht obligatorisch ist, ja sogar als Hauptfach gerechnet wird, so das; alle Schüler ein größeres Mas; von jüdisch-religiösen Kenntnissen mit in's Leben nehmen. Nur einen Üebelstand im hiesigen Religionsunterricht finde ich sehr bedauerlich und kaum erklärlich. Seit einigen Jahren wird nämlich eine der höheren Töchterschulen von einein jüdischen Lehrer dirigirt. Dieser Herr war früher Religionslehrer, Chasan und Schochet in einen; unterfränkischen Dörfchen, und da er von einem fronw men Rabbiner autorisirt wurde, lvird er damals auch hübsch orthodox gewesen sein. Ein Liebesverhältnis; soll ihn veranlaßt haben, das Töchterinstitut zu kaufen, denn dadurch wurde er Herr Direktor. Von nun an ging es mit der Frömmigkeit abwärts, und wenn ich mittheile, das; inan ihn am Sabbat im Hotel beim Tarok sitzen und diesen heiligen Tag öffentlich ent iveihen sehen kann, so kann man sich von seiner Religiösität schon einen Begriff machen. Man muß sich deßhalb sehr darüber wundern, daß viele hiesige wirkliche