Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Anlage zu M 53 des „Israelit^. Zeitungsnachrichte» und Correspondenzen. Deutschland. Jnowrazlaw, 28. Juni. Dem Aufrufe der „Alliance Jsraelite" entsprechend hat unser Rabbiner, Herr Dr. K o h n , eine Sammlung zur Linderung der Hungersnoth in Rußland, Rumänien u. Galizien eingeleitet, die bis jetzt etwa 1300 Mk. ergeben. Die am jüngsten Wochenfeste von Herrn Dr. Kohn gehaltene Predigt ist auf allgemeines Aerlangen unter dem Titel „Die Geheimlehren des Judenthums" im Druck erschienen. Bestellungen (per Broschüre 50 Pfg.) sind an den Verfasser zu richten. Würzburg, 29. Juni. Gestern Abend in später Stunde spielte sich am hiesigen Hauptbahnhof ein ebenso ergreifender als erhebender Akt ab. Im Laufe des Nachmittags war von einer österreichischen Bahnstation aus eine Depesche bei der hiesigen Cultus-Verwaltung eingelaufen, daß 80—100 rumänische israel. Auswanderer den hiesigen Bahnhof passiren werden und man dieselben mit Lebensmitteln unterstützen möge. Sofort entwickelten die Vorstände, besonders Herr Maier Oppenheim, eine rührige Thätigkeit, um an Lebensmitteln so viel als nöthig und auch an baar zu einer Unterstützung für jeden Mitreisenden einen Betrag aufzubringen. Als der Zug gegen 11 Uhr einlief, begaben sich die Vorstände, Herr Rechtsanwalt Stern, H. Kaufmann, M. Oppenheim und Fabrikant Herr Heinrich M a i e r mit noch vielen Herren und Damen aus der Gemeinde auf den betreffenden Perron, um die Ankommenden zu begrüßen und ihnen die Labung an Fleisch, Vrod, Bier, Kaffee und Milch zu reichen. Mit einem wahren Wetteifer betheiligten sich die anwesenden Herren und Damen an dem Liebeswerke, um so mehr, als die unglücklichen Auswanderer einen vorzüglichen Eindruck auf alle Anwesenden machten, in ihrer äußeren Erscheinung sowohl, als besonders in ihrer Bildung, Bescheidenheit und namentlich in der Ergebung in ihr Schicksal; sie ließen nicht nur keine Verstimmung, keinen Mißmuth, sondern nur frohe Zuversicht auf eine bessere Zukunft, ein Vertrauen anf den göttlichen Beistand und ihre Arbeitskraft erkennen. Auch ihre Organisation gefiel; sie waren in Gruppen eingetheilt, von denen jede ihren Führer hatte, die sich als Vertrauensmänner legitimirten und die sich thatsächlich durch Bildung auszeichneten. Denselben wurde der Geldbetrag als Unterstützung fiir den Einzelnen behändigt. Die Unterhaltung zwischen den Anwesenden und den Durchreisenden war, so lange der Aufenthalt dauerte, eine lebhafte und erregte das wärmste Interesse ,fllr die unglücklichen Brüder. Für die so wohlthuende Theilnahme suchten dieselben ihre Anerkennung und Dankbarkeit durch einen schönen jüdischen Gesang und ein Hoch auf das gastliche Deutschland, resp. dessen Kaiser, sowie auf das Wohl der hiesigen Gemeinde Ausdruck zu geben. Unter den besten Wünschen verließ der Zug den Bahnhof, auch die Menge ging mit einem Hochgefühl vollbrachter edler That. Mögen die Auswanderer sich in ihren Hoffnungen nicht getäuscht sehen und jenseits des Oceans eine glücklichere Heimath finden. <£oblcnz, 29. Juni. (Rumänien — Könitz —C h i n a.) Diese Jdeenverbindung beschlich mich unwillkürlich, als ich heute Mittag der Ankunft, Speisung und Abfahrt eines großen Trupps rumänischer Auswanderer beiwohnte. An 160 meist junge, kräftige Menschen, sonnengebräunte energische Züge, armselige Kleidung und doch voll Zuversicht und Hoffnung. Die Gemeinde hatte rasch — Zeit war nicht viel da, nachdem die Ankunft erst eine Stunde vorher avisirt worden — für einen Jmbis und Trunk gesorgt, und mit einer Ordnung und geradezu militärischen Disziplin ging die Speisung vor sich, daß die zahlreichen Andersgläubigen, die umherstanden, ihrer Verwunderung des öfteren Ausdruck gaben. Dürfen wir die Jdeenverbindung: Rumänien— Könitz—China so ganz von der Hand weisen?! Dort wie hier Fremde, die der Volksfanatismus sich zum Opfer erkoren, hier wie dort wüstes Treiben und entfesselte Leidenschaft. Man möchte beinahe versucht sein, in dem fanatischen Treiben der Chinesen gegen die Miyionare ein Strafgericht gegen Europa zu erblicken, gegen das Land der Kultur und Wissenschaft, der Aufklärung und Freiheit, aber auch von-Könitz, Polna und Rumänien!! Hätten die Antisemiten nur einmal Gelegenheit, einer solch traurigen Scene, wie der heutigen unten an der Rheinwerft beizuwohnen — noch gibt es manchen Anständigen, nur Verführten unter dieser Clique, dem das Herz überginge bei so viel Elend und Unglück! Köln, 1. Juli. Vorigen Freitag, um 6 Uhr Nachmittags, kamen mit dem Schiffe im hiesigen Hafen 111 jüdische Auswanderer aus Rumänien an, deren Reiseziel Canada ist. Der größte Theil dieser Auswanderer bestand aus jungen Leuten, die in ihrer Heimath ohne Existenz, brodlos waren, und nunmehr ihr Glück im fernen Lande versuchen wollen, woselbst sie zum Ackerbau verwendet werden sollen. Der Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde war kurz vor ihrer Ankunft von Mainz aus telegraphisch benachrichtigt worden. Herr Dr. R o s e n t h a l, Rabbiner der Synagogengemeinde, nahm die Angelegenheit in die Hand, sorgte durch die gütige Vermittlung der Frau Rabbiner Dr. Plato und die liebenswürdige Unterstützung mehrerer Damen, dafür, daß in der größten Eile