Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1066 Herrn A. S. W. energisch zu protestiren. Die Thatsachen sind, so weit sie den hiesigen Verein berühren, entstellt oder unwahr. Von vorneherein sei bemerkt, daß es statutarische Verpflichtung der Vereinsmitglieder ist, innerhalb des Vereins die jüdischen Ritualgesetze zu befolgen, daß somit zur Genüge documentirt ist, daß der Verein als solcher auf dem Boden des gesetztreuen Judenthums steht. Praktisch genommen, scheint es uns auch völlig werthlos, ja sogar schädlich, über derartige Fragen zu sprechen. Diejenigen, die dem Gesetze den Rücken gekehrt haben, werden nie und nimmer dem Judenthume dadurch zurückgewonnen werden, daß man ihnen ihre Pflichtvergessenheit in die Ohren brüllt, daß man sie in herzloser Weise als Frevler gegen das Gottesgesetz an den Pranger stellt. Wenn es etwas gibt, wodurch wir uns eine Wirkung auf die dem Gesetze und dem Judenthum überhaupt Entfremdeten versprechen können, so ist es einzig und allein die Methode, die der hiesige Verein befolgt, indem er den Unwissenden und Irrenden die ungeahnten Herrlichkeiten, den hohen und reinen Geist des Judenthums zu Geist und Gemüthe führt, indem er sie vertraut macht mit der großen Vergangenheit ihres Volkes, indem er sie über die segensreiche Wirksamkeit des Judenthums und der Judenheit auf allen Gebieten des Lebens aufklärt, indem er mit dem Herzenston der Liebe und der Brüderlichkeit dem Judenthume einen Platz zu erobern sucht in den Herzen derer, die noch nie auch nur eine Minute jenes beseligende Gefühl empfunden hatten, daß es eine Ehre sei, Jude zu sein und daß ein edler Stolz uns erfüllen müsse in dem Bewußtsein, ein Kind dieses Volkes zu sein. Von dieser Aufgabe ist der Verein erfüllt. Hiernach strebt er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln und es ist unwahr, wenn behauptet wird, es dürfe in dem Verein über Judenthum und jüdische Religion nicht gesprochen werden. Sogar statutarisch festgelegt ist, daß die Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur in erster Linie behandelt werden sollen. Mit besonderer Freude wird es begrüßt, wenn Themata zu Vorträgen oder zur Discussion gewählt werden, die in engster Beziehung zum Judenthume stehen. Wahr ist es allerdings und soll gewiß nicht geleugnet werden, daß jedes Thema, das einer Besprechung überhaupt werth ist, jedes Thema, das geeignet ist, auf irgend welchem Gebiete Interesse hervorzurufen und allgemeine Bildung zu verbreiten, besprochen werden kann und besprochen werden soll. Und das ist jüdisch, nur jüdisch. Am Geistesbaume der jüdischen Lehre wachsen und reifen alle Früchte, die erleuchtend und erwärmend auf Geist und Gemüth aller Menschen wirken. Aber selbst bei der Besprechung dieser allgemeinen Gebiete läßt der Verein keine Gelegenheit vorüber gehen, ohne, wenn irgend möglich, dieselbe für das specifisch Jüdische verwerthbar zu machen. Einzig verboten ist die Besprechung parierreligiöser und parteipolitischer Fragen, weil es nicht angeht, Hader und Zwietracht zu streuen, ivo in geistiger Arbeit sich ein schönes, friedliches, harmonisches, feurig lebendiges Vereinsleben entwickeln soll. Jüdische Tagesfragen, als welche vielleicht der „Zionismus" aufgefaßt werden könnte, oder Fragen, die die Stellung des Judenthums zu irgend einer politischen oder socialen Strömung betreffen, sind, so bedeutungslos sie in der That meist sind, nie zurückgedrängt worden. Bei einem Vortrag über einen Propheten, der hier in Halberstadt gehalten wurde und der, wie ich nicht anstehe zu verrathen, die einzige Veranlassung des geharnischten A. S. W.'schen Artikels ist, wurde nicht, wie der Herr behauptet, „mit dem Spürsinn des Allerthumsforschers in unserer Geschichte herumgestöbert," sondern der Vortrag und ganz besonders die darauf folgende hochinteressante Discussion bildete in der Hauptsache eine Aussprache der Mitglieder über das Wesen und den Geist jüdischer Prophetie. Die Behauptung des Herrn A. S. W. ist daher, so weit sie den hiesigen Verein betrifft, notorisch unwahr. Allerdings wurde einem Herrn, der — in bester Absicht sicherlich — versuchte, Parallelen zu ziehen, die ebenso geschmacklos, als auch für nicht Religiöse verletzend waren, dies verwiesen und dieses „hochwichtige" Vorkommniß allein bildete, wie ich bestimmt behaupte, die Veranlassung des ganzen Artikels. Wir haben es für nöthig gehalten, ausführlich auf die Angriffe des Herrn A. S. W. zu erwiedern, weil es uns erstens am Platze erscheint, gegen eine weit verbreitete engherzige Auffassung, über die Art der Wirksamkeit zur Verbreitung jüdischen Geistes, Stellung zu nehmen und weil es außerdem nicht geduldet werden kann, daß ein Verein, der eine hohe Aufgabe erfüllt, und der, als er jüngst in's Leben trat, in weiten Kreisen mit Freude begrüßt wurde, öffentlich herabgesetzt wird. Hochachtungsvoll S. O. (Anmerkung der Redaction. Wir glaubten, nach dem Grundsätze: „Schomaua ben achechem," die Ausführungen des Herrn S. O. nicht unterdrücken zu dürfen, müssen aber doch bemerken, daß die.Thatfachen, die Herr A. S. W. in seinem Artikel anführte, keineswegs sich auf einen bestimmten Verein bezogen, sondern daß sich seine kritischen Auslässe gegen alle jene Vereine richteten, die die von ihm angeführten oder 'ähnliche Paragraphen in ihre Statuten ausgenommen haben. Daß der Behrend Lehmann-Verein zufällig auch zu diesen Vereinen gehört und daß derselbe dem Herrn vielleicht in einigen Theilen vorgeschwebt haben mag, kann an dessen Ausführungen nichts ändern.)