Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1085 Fleischermeister Hossmann die Krawalle hervorgerufen habe. Das Verhalten des „Konitzer Tageblatt," das seit einem Monat vollständig in das Lager der Antisemiten übergcgangen ist. fand seitens des Landrathes die gebührende Kennzeichnung. Seinem Geschrei sei es zuzuschreibeu, daß der Landrath um Zurückziehung des Militärs gebeten habe, lvie es am Pfingstsonntag geschah. Er habe sich in dem Vertrauen ans die Ruhe und den gesetzlichen Sinn der Einwohnerschaft schwer verrechnet. Das habe er bitter bereut bei der in der Nähe der Synagoge verübten Brandstiftung und der Demolirung der Synagoge am Sonntag daraus. Er gab vor allem Ausdruck der schweren Enttäuschung, die er empfunden habe bei der Wahrnehmung, wie weit das Rechtsbcwußtseiu des Voltes durch die tvüste Agitation geschwunden sei. da es der Gerechtigkeit in den Arm zu fallen sich berechtigt halte, nöthigensalls durch offene Empörung gegen jede gesetzliche Ordnung. Er sprach auch unumwunden seine Ueberzeugung von der Unmöglichkeit eines Nitualmordes in diesem Falle und von der Schuldlosigkeit Levys aus. Zum Schlüsse der sehr interessanten Erörterungen, bei denen das Verhalten der Antisemiten sich charakterisirte durch Wünsche und Aufschiebung jeder Erklärung, bis der Fleischermeister Hofsinann vollständig außer Zusammenhang mit der Mordsache erklärt sein tverde, beschloß man: I. eine Petition an den Justizminister, durch Darstellungen der zuständigen Behörden die Gemüther beruhigen und die Liigen klarstellen zu lassen, 2. einen 'Aufruf seitens der Versammelten zu veröffentlichen, um auch dadurch zur Beruhigung des Voltes beizutragcn. Rechtsanwalt Stadtrath Gebauer als Anwalt Hoffmann's erklärte, sich davon fernhalten zu müssen. Die Unterschriften lverden am 27. Jnni von denen vollzogen lverden, die mit jenen beiden Erklärungen sich einverstanden erklären werden. Für die Abfassung der Petition wurde eine aus dem Landrath v. Zedlitz, Bürgermeister Dr. Lemm n. Rechtsanwalt Dr. Vogel bestehende Kommission gewählt. Halberstadt, 12. Juni. In Ihrem geschätzten Blatte berichtet in einer Rümmer <7. Juni) ein Herr unter dem vornehmen Titel „Moderne Vereinsmeierei" über Wirksamkeit und Tendenzen jiidischer Vereine, die —- seiner 'Ansicht nach ----- „im Großen und Ganzen nur den einen Z)veck verfolgen, das gesellige Leben und die wissenschaftlichen Bestrebungen der jungen Leute zu fördern und ihr jiidischeS Nationalbewusstsein zu heben." Dem betreffenden Herrn tvill die Art der Wirksamkeit dieser Vereine nicht behagen und er geht in seiner Entrüstung über die Art dieser Wirksamkeit so >oeit, er hält diese Vereine für so schädlich, daß er sich zu einer Aeußerung >vie die folgende berechtigt glaubt: „Lieber gar keine Vereine, als solche Eonventikel mit gesetzlich geschützter Kirchhofsruhe, die mit dem Spürsinn der Alterthumsforscher in unserer Geschichte herum stöbern und unseren Glauben und unser Wissen als ein „Kräutchen rühr mich nicht an" betrachten, das vor jedem frischen Luftzug wie ein krankes Kind behütet werden muß." Der Artikelschreiber läßt uns auch nicht im Unklaren über die Momente, die seine Entrüstung Hervorrufen, er deckt uns die „Krebsschäden" jener Vereine auf, belegt seine Behauptungen mit „Beispielen," die uns in krasser Weise die unheilvolle Wirksamkeit der betreffenden Vereine „beweisen" sollen, zitirt Statutenparagraphen, die es von vorneherein unmöglich machen, innerhalb solcher Vereine die hohe Mission zu erfüllen, zu der ivir alle berufen sind, die Mission, nach unseren Kräften zur Belebung und Stärkung jüdischen Geistes beizutragen. Schweres hat er den Vereinen vorznwerfen. „Ueber alles darf in solchen Vereinen geredet und gesprochen werden u. s. w., nur nicht über unser Judenthum und unsre Religion." Mit welch' einem fanatischen Haß gegen Judenthum und alles, was daran grenzt, müssen diese jüdischen Vereine erfüllt sein, lvenn es wahr ist, was Herr A. S. W. scrupellos behauptet, daß in diesen Vereinen alle Themata besprochen lverden dürfen unter einziger Ausschließung derjenigen über das Judenthum und die jüdische Religion. Alles in Allem gehen die Ausführungen des Herrn dahin, daß die fraglichen Vereine nicht nützlich, sondern schädlich wirken und daß es daher besser sei, sie bestünden überhaupt nicht. „Lieber gar keine Vereine als solche," so klingen die Angriffe des betreffenden Herrn aus. Wären die Ausführungen des Herrn A. S. W. unantastbar richtig, dann müßten in nächster Zeit alle jiidischen Geschicksts- und Litteratnrvereine aufgelöst lverden, aufgelöst lverden müßten alle Vereine, die bezlvecken, Geist und Gemllth veredelnd auf jüdische junge Leute verschiedenster Richtungen einzuwirken, auflösen müßten sich alle Vereine, die den verderblichen Zweck verfolgen, den völligen Jndifferentismus aus dem Kreise der Heranwachsenden jüdischen Jugend zu verbannen und Geist und Herz derselben für die erhabenen Ideen des Judenthums empfänglich zu machen. Und warum? Weil es in den betreffenden Vereinen untersagt ist, über Befolgung nnd Nichtbefolgung der jüdifckien Gesetzesvorschriften zu diseutiren, weil es untersagt ist, den nickst religiösen Mitgliedern des Vereins kränkend und verletzend zu begegnen, weil die betr. Vereine in ihrer „Heuchelei" behaupten, es könne ein Boden, eine Form geschaffen lverden, auf lvelchem und durch ivelche selbst die heterogensten religiösen Elemente eine friedliche, harmonische Vereinigung bilden können. Wir sind überzeugt, daß auch nicht ein einziger aller in Frage kommenden Vereine durch die Angriffe des Herrn getroffen wird. Da die Notiz jedoch von Halberstadt kommt, da die angezogenen Beispiele einem Halberstadter Verein entnommen sind, da ferner gerade in jüngster Zeit sich in Halberstadt ein Verein gebildet hat, der es sich zur Aufgabe gemacht, die idealen Interessen jiidischer junger Kaufleute zu fördern, halten wir es für unsere Pflicht, vom Standpunkte dieses Halberstadter Vereins aus gegen die Angriffe des