Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1087 Feuilleton Wach einer wahren Wegebenh eit 36| Von Friedrich Rott. Henry besuchte die Schule in dem nahen H . . . Er hatte in der Vorwoche seinen neunten Geburtstag gefeirt und bei dieser Gelegenheit mit Erlaubnis der Eltern eine Anzahl Schulkameraden eingeladen, die in den weiten Räumen des Pachthofes durch munlere Knabenspiele sich königlich amüsirten. Am darauffolgenden Sonntag war die ganze Gesellschaft bei einem anderen Knaben eingeladen. Gleich nach dem Mittagesien hatte Henry sich auf den Weg gemacht. Elsa war allein, Viktor war schon am Morgen abgereist zu dem am folgenden Tage in Br. . . . stattfindenden Saatenmarkte; vor Dienstag oder Mittwoch konnte sie ihn nicht erwarten. Elsa überlegte eben, ob sie sich zu Werners begeben sollte, um bis zum Abend bei ihnen zu bleiben, als sie den Verwalter und seine Frau in die Einfahrt des Hofes treten sah. Sie eilte ihnen entgegen und begrüßte sie auf's herzlichste. Frau Werner umarmte ste und behauptete, ihr liebes Töchterchen werde alle Tage schöner. Werner schüttelte ihr kräftig die Hand und erklärte, er könne seiner Frau nicht widersprechen. „Wie lange ist es jetzt her, seit Baron Waldstein Dich zu uns geführt hat?" „Es dürfen zwanzig Jahre sein," erwiederte Elsa. „Weißt Du," fuhr der Verwalter fort, „oft, wenn ich höre, wie Du mit Deinem Jungen sprichst, wie Du ihn auf dieses oder jenes Ge- oder Verbot aufmerksam machst, dann muß ich an jenen Abend denken, als Du bei uns nichts essen wolltest, und erklärtest. Du dürftest es nicht, Deine Eltern hätten Dir gesagt, der liebe Gott habe es verboten. Da fragte Dich der Baron, ob Du das auch Deine Kinder lehren würdest, da sagtest Du mit unerschütterlichem Ernste: „ganz gewiß!" Du warst sogar ernstlich beleidigt, daß der Baron darüber lachte." „Daran erinnere ich mich sogar," erwiederte Elsa lächelnd, „aber was hätte ich anders antworten sollen? — An dem Abend war ich sehr böse auf den Baron, weil er mich beständig ausgelacht hat, später habe ich ihn sehr, sehr lieb gehabt." „Dazu hattest Du auch Ursache, er war ein herrlicher Mensch und ich glaube, wenn er nicht so jung gestorben, er wäre um Deinetwillen zum Judenthume übergetreten und hätte Dich geheirathet." „Das glaube ich nicht," entgegnete Elsa lachend, „dann hätte ich ihn doch auch heirathen müssen." „Und das hättest Du wohl auch gethan." Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe den Baron sehr lieb gehabt, ich erinnere mich seiner noch so genau, sein liebes freundliches Gesicht hat mich immer an das meines Onkel James erinnert; ich glaube, wenn ich Portraits zeichnen könnte, ich würde es heute noch zeichnen können, aber gegen Viktor —" „Wir wollen darüber nicht streiten. Sage mir lieber, wo ist Dein Junge, der Henry?" „Henry ist heute in Gesellschaft bei seinem Freunde Peter Massing. Vorige Woche haben die Jungen hier bei uns das Oberste zu unterst gekehrt, Viktor war gar nicht erbaut davon. Ich bin neugierig, ob sie es bei dem Justizrath Massing ebenso machen werden." „Dafür wird sich die Frau Justizräthin schönstens bedanken," sagte Frau Werner, „aber es thut mir leid, daß das Kind nicht da ist, den ganzen Vormittag habe ich mich schon auf sein Schwatzen gefreut, das versteht er —" „Freilich versteht er's," stimmte Elsa bei, „zuweilen nur zu gut. Aber ich bitte sehr, es ihn nicht merken zu lassen." „I, warum nicht gar, ich habe keine Sorge, wir werden ihn nicht verziehen — haben wir Dich doch auch nicht verzogen, obgleich Du jeden Sommer sechs Wochen bei uns gewesen bist." „Dessen können wir uns eigentlich nicht rühmen, denn Elsa war absolut nicht zu verziehen. Man konnte Dir alles nachgeben oder Dir alles verweigern, Du bist Dir innerlich gleich geblieben — hast immer nur das gethan, was, wie Du Dich auszudrücken pflegtest, der liebe Gott haben will." „Dein Junge ist Dir ja wie aus den Augen geschnitten und auch in seinem Wesen gleicht er mehr Dir, als Deinem Manne, aber Du hast ganz recht, mit ihm muß man vorsichtig sein, ihn darf man es nicht zu sehr merken lassen, was für ein herziges Bürschchen er ist. Aber ehe ich daran vergesse, ich habe ihn einladen wollen, mich morgen nach Cuxhaven zu begleiten, er hat das Meer noch nicht gesehen — da wird er Augen machen. Also wie ist's, hast Du nichts dagegen, daß er meine Einladung annimmt?" „Gar nichts habe ich dagegen, lieber Onkel, um so weniger, da er in den nächsten Tagen keine Schule hat; ich bin Dir sehr dankbar für Deine Einladung, Henry wird überglücklich sein." „Also abgemacht. Lasse den Jungen nur heute nicht so spät zu Bette gehen, damit er morgen zeitig aufsteht, denn um sieben Uhr muß er bei uns sein." In traulicher Unterhaltung verstrichen noch einige Stunden, dann machte sich das Ehepaar Werner auf den Heimweg. Elsa begleitete sie eine Strecke, doch nicht allzuweit, das gaben Beide nicht zu. „Nur bis zum Kreuzweg lasset mich noch mit,