Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1084 kurzer Zeit zu erreichen, vielmehr bedarf es unausgesetzter Arbeit durch ein Menschenalter, sollen die galizischen und rumänischen Juden zu selbstdenkenden, selbstthätigen Menschen herangebildet werden; denn das soll das Endziel der Rettungsaktion sein: die kulturelle und sittliche Hebung dieser hilflosen, geistig verarmten Menschen zu bewerkstelligen, damit sie aus eigener Kraft dem Fortschritt in allen Berufen sich zuwenden können. Für dieses groß angelegte Werk reichen die Kräfte der Juden eines Landes nicht aus. Die gesummte Judenheit aller Kulturländer muß für dieses Rettungswerk aufgerufen werden. Auch unsere deutschen Juden werden sicher nicht zurückstehen; sie haben die unabweisliche Pflicht, ihren unglücklichen Glaubensbrüdern die Hand zur Hilfe zu reichen. Es soll nun ein ganz Deutschland umfassendes Komitee gebildet werden, das Sammlungen von Geldmitteln in weitem Umfange veranstaltet und gleichzeitig kn Anlehnung an die bestehenden israelitischen Hilfsvereine für Osteuropa das Rettungswerk in systematischer Weise in die Wege leitet. In Amerika, England und Frankreich sind gleiche Veranstaltungen für dieses große Rettungswerk von den dortigen großen jüdischen Vereinigungen in Bälde zu erwarten. Wir fordern jeden edel denkenden Juden auf, sich an diesem humanen Werke zu betheiligen, und sind überzeugt, daß dieser Appell kein vergeblicher sein werde. Es gilt, ein und eine halbe Million arbeitsamer und unglücklicher Menschen aus geistigem Elend und materieller Roth zu befreien. Wer wollte da Zurückbleiben?" Der Ausruf trägt nahezu zweihundert Unterschriften der angesehensten Männer aus Berlin, Beuthen, Bielefeld, Bingen, Bremen, Breslau, Bromberg, Bruchsal, Cassel, Chemnitz, Danzig, Dessau, Dortmund, Dresden, Eschwege, Esten, Frankfurt a. M., Gleiwitz, Görlitz, Halberstadt, Halle, Hamburg, Hannover, Heidelberg. Karlsruhe, Kattowitz, Kempen, Köln, Krotoschin, Leipzig, Liegnitz, Magdeburg, Mainz, Mannheim, München, Nürnberg, Ostrowo, Posen, Ratibor, Stargardt, Stettin, Straßburg i. E., Stuttgart, Thorn, Wiesbaden, Worms und Würzburg. Wie verlautet, sind bereits namhafte Summen für das Hülsswerk, gespendet worden; auch ist es dent Eintreten des Delegierten der deutschen Logen auf dem Konventionstage des B'ne Brith-Ordens in Chieago, Herrn Sigm. Bergel-Berlin, gelungen, die Mitwirkung der amerikanischen Logen zu sichern. Wie man aus dem Aufruf ersieht, verfolgt das Komitee, das diesen nach reiflicher Prüfung der Verhältniste erlasten hat, keine Utopien, keine momentane Hilfeleistung, sondern durchaus praktische Ziele, deren Erreichung und Durchführung die überaus traurige Lage der Juden in jenen Ländern endgültig verbessern würde. Es wird nun Sache unserer Glaubensgenosten sein, sich mit allen Kräften an diesem großen und echt humanen Rettungswerke zu betheiligen. Das Ziel ist ein so großes, daß es der größten Mühe, der unermüdlichen Arbeit Aller bedarf, um es zu erreichen. Gilt es doch, anderthalb Millionen Menschen aus Druck und Noth, aus Elend und Armuth zu befreien. So darf man wohl mit den Worten des Anfrnfs fragen: Wer wollte da Zurückbleiben? Berlin, 24. Juni. Ueber die heutige letzte Repräsentantensitznng ist wenig zu berichten. Der Paragraph 2 der Satzungen der Commission zur Unterstützung durchreisender Juden wird mit veränderter Fassung in erster und zweiter Lesung angenommen. Die Abrechnung über die diesjährige Mazzothvertheilung weist eine Minderausgabe von 776 Mt. auf. Vertheilt wurden 331 Zentner. Auch bei der Speisung Gefangener am Peßachfeste war eine Minderansgabe von 69 Mk. In der geheimen Sitzung passirte ein Wunder. Dort wurde der Vorstandsstellvertreter neu gewählt. Beide Kandidaten erhielten beim ersten und zweiten Wahlgange neun Stimmen, so daß das Loos, welches der Vorsitzende zieht, entscheiden mußte. Gewählt tvurde Herr Dr. med. Julius Stern. Unseren Repräsentanten wünschen wir nun vergnügte Ferien. C. R. Könitz, 28. Juni. Hierselbst hat der Bürgermeister Dr. L e in in eine Versammlung angesehener Bürger berufen, um zu berathen, wie der Druck erleichtert werden könne, der auf dem gesellschaftlichen und wirthschastlichen Leben der Stadt liegt. Es waren einige 20 Herren, darunter der Landrath Frhr. von Zedlitz, erschienen. Dieser sprach über die traurigen Zustände und erbat, nach einem Bericht der Danz. Ztg., tue Mitwirkung der Anwesenden, bei der Aufhellung der Wahrheit überall, auch in den öffentlichen Blättern der Partei, welcher jeder angehöre, zu wirken. Er zeigte an verschiedenen Beispielen, tvelche Lügen die Sensationspresse verbreite, und hielt es für unmöglich, daß die Stimme der Vernunft und der Wahrhaftigkeit nicht doch die Kraft haben sollte, sich Geltung zu verschaffen. Tischlermeister Zindler hob hervor, daß eine unwahrhafte Presse, deren Vertreter hier seit dem 11. März von der Mordsache lebten, am meisten Schuld trüge an den beklagenswertsten Zuständen, unter denen die Stadt und die einzelnen Bürger zu leiden hätten. Kaufmann und Stadtverordneter Pätzold wies darauf hin, daß kgl. Beamte, Männer von Bildung, durch ihr absprechendes llrtheil über das erschütterte Vertrauen zu der Justiz und zu der Regierung, die ein Interesse haben an der Verschleierung der Wahr heit, beigetragen hätten, das Urtheil des gemeinen Mannes zu trüben und die Zustände in unserer Stadt so schmählich zu gestalten. Dem trat Oberlehrer Meyer entgegen, da die anwesenden älteren Beamten sich ausschwiegen. Der Landrath hob in kraftvoller Weise hervor, daß er, wenn es königliche Beamte gäbe, die so untvürdig ihre Stellung auffaßten, er Alles thun tvürde, um dieses Uebel zu heben. Stadtrath Klotz schob alle Schuld auf das angebliche Ungeschick des Kriminalinspektors Braun, der durch die Erhebung der Voruntersuchung gegen den