Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 53 (2.7.1900)
- Date
- 1900-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1083 Diese treue Anhänglichkeit seiner Schüler hatte er aber auch verdient, denn jedem Einzelnen unter ihnen hatte er Liebe erwiesen. Mit Dankbarkeit denke ich daran, wie der Rabbi, um mir ptrnp zu geben, obgleich damals schon bald 70jährig, zwei Nächte im Eisenbahnwagen zubrachte. Mit noch größerer Rührung — man möge mich deßhalb nicht kleinlich schelten — denke ich an die zahlreichen Züge von Herzensgüte, mit der der Rabbi mir begegnete. So denke ich an eine kleine Scene, die sich mehrmals abspielte, als ich noch ein zarter Knabe war. Wenn an den Festtagen das Minchagebet verrichtet war und der Rabbi, seiner Gewohnheit entsprechend, eilend das Gotteshaus verließ, um die Stunde bis zu 7,272 2nj« noch zu benutzen, kehrte er an der Thüre um, kam schnell zu mir und sagte: „Es scheint, Du fastest nicht gut, mein Kind, gehe jetzt nach Hause, Du kannst zu Hause i'iys beten und brauchst das Fasten nicht unnöthig zu verlängern." Welche Herzensgute mußte der Mann besitzen, der in seiner aufreibenden Beschäftigung mit so liebevoller väterlicher Zärtlichkeit an jeden unter seinen zahlreichen Schülern dachte. Dieses Kapitel wäre unerschöpflich, wenn ich nicht fürchten müßte, die Geduld des Lesers allzu sehr in Anspruch zu nehmen. Ln cnm'o ,273-126 pL'V p« VN127 e,n Man errichtet den Frommen keine Denkmäler, ihre Thaten bilden ihre Erinnerung. Der Name unseres Rabbi wird in der Geschichte des Judenthums stets mit Ehren genannt werden; die Liebe, die er ausgesät, wird den Tod überdauern. Wie die Thätigkeit des Lebenden ein Segen war, so möge n2*nf? pnx 137 das Andenken des Heimgegangenen großen Lehrers als Muster und Vorbild segensreich wirken. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 28. Juni. Die deutschen Logen des Vne Brith Ordens versenden folgenden Aufruf: „Die trostlosen Nachrichten, die in letzter Zeit fast alltäglich aus Galizien u. Rumänien zu uns gelangen, haben von neuem die allgemeine Aufmerksamkeit auf die unglückliche soziale Lage gelenkt, unter welcher die dortigen Glaubensgenossen leben. Von jeher hat die jüdische Bevölkerung dieser Länder, fast iy2 Million Menschen, mit großer wirthschaftlicher Roth zu kämpfen gehabt. Durch Feindseligkeiten vielfacher Art und durch antisemitische Aufreizungen ist die Noth der an und für sich schon Armen auf's Höchste gestiegen, so daß eine große Anzahl buchstäblich Hunger leidet und schweren Krankheiten erliegt. Es dürfte sich erübrigen, eine in's Spezielle gehende Schilderung der dortigen Zustände zu geben, da sie hinlänglich bekannt und durch die jüngsten Nothschreie aus jenen Gegenden grell genug beleuchtet sind. Gleichzeitig herrscht dort bei dem allergrößten Theil der Juden eine Geistesarmut!) und ein kultureller Rückstand, der wahrhaft erschreckend ist und die Bevölkerung in eine stumpfe Resignation gebracht hat, so daß sie apathisch alles über sich ergehen ließ, ^oll sich dieses materielle u. geistige Elend verewigen? Sollen unsere dortigen Glaubensgenossen in Noth umkommen, in geistiger Nacht unrettbar verloren gehen? Wir dürfen uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß in dem permanenten osteuropäischen Judenelend auch eine große Gefahr für die Gesammtjudenheit, namentlich aber für die Nachbarländer liegt. Sollte es nicht möglich sein, die bedürfnißlosen,arbeitsamen und begabten Menschen aus dieser unendlich traurigen Lage zu befreien, aus der dumpfen Verzweiflung herauszureißen? Freilich sind schon vor 10—15 Jahren manche Ansätze gemacht worden, um dieser hart bedrängten Bevölkerung Rettung zu bringen. Sie sind gescheitert, weil sie sich entweder nur auf einzelne Theile der Länder erstreckten, oder auf einzelne Zweige beschränkten. Sie sind gescheitert, weil die Mittel und Wege zur Rettung von Gesichtspunkten ausgingen, die sich nicht verwirklichen ließen, und weil Versuche gemacht wurden, die bei dem Unverstand und den Vorurtheilen, die dort herrschen, scheitern mußten. Jetzt macht sich auch wenigstens in Galizien ein Zug nach kulturellem Fortschritt in allen Schichten der Bevölkerung geltend, und es steht zu erwarten, daß, wenn man sich der galizischen und rumänischen Juden in richtiger, sachgemäßer Weise annimmt, es gelingen muß, sie wirthschaftlich und geistig einer besseren Lage entgegenzuführen. Von dieser begründeten Voraussetzung ausgehend, haben die reichsdeutschen und österreichischen Glaubensgenossen, veranlaßt durch die deutschen B'nei Briß-Logen und die österreichischen Humanitätsvereine, vor zwei Jahren ein Rettungswerk angeregt und die nothwendigen statistischen Vorarbeiten und Unterlagen zur Prüfung der Sachlage zunächst in Galizien gemacht. Daraufhin ist in Oesterreich zu Anfang dieses Jahres ein Landesverein gegründet worden, der die Hilfsaktion für Galizien organisirt und leitet. Es sollen praktische, gut durchführbare Vorschläge in's Werk gesetzt werden. In allererster Reihe gilt das Interesse natürlich der Heranwachsenden Jugend. Es wird geplant, Handwerkerschulen, Lehrlingsheim, Handels- und Ackerbauschulen zu errichten, an der Hand der früher gemachten Erfahrungen, die Jugend zum Handwerk und Ackerbau zu erziehen. Ferner empfiehlt sich die Schaffung von Arbeit und Erwerb für die jüdische Bevölkerung, Errichtung von Hausindustrien mit gesichertem Absatz, sowie von Central-Verkaufsstellen für gewerbliche und landwirthschaftliche Erzeugnisse, Einrichtung von Vorschußkassen zur Beschaffung eines billigen und leichten Kredits, Organisation und Einrichtung von Genossenschaften im Gewerbe und Handel. Für Rumänien dürfte es sich außer dieser Aufgabe vornehmlich um eine planmäßig geleitete Auswanderung handeln. Freilich ist das alles nicht in