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Der Israelit · 1900-06-28 · Heft 51-52 (28.6.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 51-52 (28.6.1900)
Date
1900-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1054 I. Wie Rabbi Elieser, so konnte unser Rabbi ausrufen: min narnn mnc*? min nan „Viel Thora habe ich gelernt und viel Thora habe ich gelehrt." War es doch das wesentlichste Ziel seines Lebens, die Thora zu erforschen und bsnp'a nun pano zu sein, Thora-Kenntniß zu verbreiten in Israel. Wie hat er im heiligen, unermüdlichen Eifer wv'a nW> tvo die Nächte zu Tagen gemacht, unablässig in der Thora forschend. Noch in der Zeit, da ich das Glück hatte, sein Schüler zu sein — und er war damals schon ein hochbetagter Mann — stand er täglich Morgens um 3 Uhr auf; und in den Tagen seiner Jugendkraft, so ist mir von Mitgliedern seiner Familie erzählt worden, hat er das Unglaubliche vollbracht und zwanzig Stunden täglich dem Studium gewidmet! Und wie hat er bei seiner gewaltigen Begabung, bei seinem ausserordentlichen Gedächtniß, welches der Cisterne glich, die nichts verlor, Wissensschätze angesammelt, die das Staunen und die Verwunderung derer erregten, die ihn kennen lernten. Wer macht sich einen Begriff von seinem mspa seinem Vielwissen! Da war keine Stelle in den Werken der cwiwn die er nicht kannte, kein markantes Wort in den v'^iins, dos er nicht wörtlich hersagen konnte, und wenn an jedem Sabbat Vormittag von einem Schüler des Seminars ein Wochenlang vorbereiteter halachischer Vortrag gehalten wurde, wie überraschte er die Zuhörer und den Vortragenden selbst dadurch, dass er auf jedem Gebiet sich heimisch und bewandert zeigte, als wenn er gerade dieses zum ausschliesslichen Gegenstand seines Studiums gemacht hätte. So war er thatsächlich eine Sonne der Wissenschaft, ein weithin leuchtendes Licht der Gotteslehre. Und was hat er als Lehrer der Thora geleistet!? Von ihm selbst hörte ich einmal den Ausspruch, dass er mehr als zwölfhundert Schüler herangebildet habe. Erinnert diese grosse Zahl nicht an R. Äkiba, und mit den Worten dieses Grossen können auch seine Schüler sagen: „was wir geworden sind, verdanken wir unserem Rabbi." Was ihm besonders hoch angerechnet werden muss, ist, dass er sich nicht darauf beschränkte, reifen Schülern, die sich zu Rabbinern heranbilden wollten, seine Zeit zu widmen, sondern dass er mit einer Anzahl junger Leute, Lehrlingen und Schülern der höheren Lehranstalten, regelmässig „lernte" und dass er es sich nicht nehmen liess. in den Religionsschulen den Knaben der obersten Klassen selbst snvr vorzutragen; ja, eine Zwischenstunde zwischen dem Früh- und dem Hauptgottesdienste am Sabbat-Morgen, die Anderen eine willkommene Müsse geboten hätte, benutzte er, um mit mir und einigen Genossen die m-is mit ntn zu lernen. Schon im Alter von 13 Jahren ward ich sein Schüler, und noch jetzt, so tief und unauslöschlich prägen sich die Eindrücke der Kindheit ein, sehe ich ihn vor mir, wie er in seinem Studirzimmer uns in «nw unterrichtete. Einen anregenderen, feurigeren Unterricht, durchglüht von der Liebe zum Gegenstände, kann man sich nicht vorstellen. Wie verstand er es, die schwierigsten Stellen klar und anschaulich zu entwickeln und in das anscheinend unentwirrbare Labyrint einander widersprechender Meinungen Licht zu bringen. Jedoch nicht das war das Wesentliche, was seine Schüler an positiven Kenntnissen bei ihm sich angeeignet haben. Viel wichtiger und bedeutungsvoller für das ganze Leben war seine subjektive Art: die minn -ans, die unauslöschliche Liebe zur Thora und zum „Lernen," die er seinen Zuhörern einflösste, das 2'van n;:cs die Verehrung der Aussprüche unserer grossen Weisen, das waren wesentliche Eigenschaften, die wohl alle seine Schüler von ihm annahmen; und in dieser Beziehung hat er wie die Sonne gewirkt, die Licht und Wärme spendet und die aus dem Boden die keimenden Pflanzen hervorlockt. Ist es doch heute so viel schwerer zu „lernen," als in früheren Zeiten. Früher war das Studium unserer heiligen Thora der ausschliessliche Gegenstand des Unterrichts; erst in vorgerückten Jahren erwarb man auch profane Kenntnisse, nachdem die Thora als sc~’; smpm sich unverlierbar dem Gedächtniß eingeprägt. In unserer Zeit absorbirt die wissenschaftliche Ausbildung den grössten Theil der Junglingsjahre, und auch dem Eifrigsten bleibt nur wenig Zeit übrig, die er der Thora widmen kann. Welcher Segen war es dann für seine Schüler, einen Lehrer zu haben, der. wie der Rabbi, es verstand, ihre Herzen mit Liebe und freudiger Begeisterung für das Thorastudium zu erfüllen. Und wenn beute in vielen Gemeinden wieder das „Lernen" gepflegt wird und um die Schüler des Rabbi sich wieder Schüler schaaren, ivelche rrcc wpz' mm mit Lust und Wonne den Geist unserer uralten und doch ewig jungen Thora in sich aufnehmen, wessen Verdienst ist es, wenn nicht das des Rabbi, der als die Sonne der Wissenschaft unseren! Geschlecht geleuchtet? Und wie eignete sich der Rabbi zum Lehrer der Thora gerade in unserer Zeit! Nach einer Bemerkung unserer Weisen im Talmud (Sota 13) sprach Gott, als Moses starb, die Worte: amn' m vrnia ci? H 21p' io srn 'bvrn cj? 'b „wer wird für mich aufstehen gegen die Frevler, wer wird sich für mich erheben gegen die Uebelthäter?" Die Frage liegt nahe, warum gerade bei Moses Tod Gott diese Worte gesprochen, da doch viele grosse und heilige Männer vor- und nachher für Gott und Seine Lebre gewirkt. Allein zu allen Zeiten stand Bildung u. Wissenschaft in scheinbarem Gegensatz zur Religion, schienen Glauben u. Wissen einander auszuschliessen. Die Religion, so meinte und so meint man, sei eine Notwendigkeit für das auf einer niedrigen Bildungsstufe stehende Volk, aber die hochstehenden Männer der Wissenschaft bedürften des Glaubens nicht. Doch wer war gebildeter als Moses, er, der am Hofe Pharaos alle Bildung, in welcher das in einer uralten Cultur hochentwickelte Egypten so reich war, in

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