Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1900)
- Date
- 1900-06-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „Kreuzztg." wehrt sich dagegen, daß auch sie zu den Zeitungen gehöre, die die diabolische Logik lehren: „Da man noch nie einem Juden einen Ritualmord hat Nachweisen können, ist der Verdacht mehr oder minder berechtigt, daß Regierung und Justiz, weil sie von den Juden bestochen seien oder Furcht vor ihnen haben, die jüdischen Mörder nicht suchen und selbst die bereits Angeklagten entschlüpfen laßen." Das konservative Blatt ist allerdings in Folge eines Artikels mit Recht in den Verdacht gekommen, daß es sich diese diabolische Logik aneigne. Das scheint ihm unbequem zu sein, und daher will es seinen damaligen Gedanken in folgender Weise ausgelegt wissen: „Daß in Fällen, in denen das Vorhandensein eines Verbrechens unzweifelhaft festgestellt war und der Verdacht eines Blutmordes vorlag, die Ermittelung des Thäters niemals gelungen ist und daß diese Erscheinung um so mehr beunruhigen müsse, als Fälle dieser Art gerade um die Osterzeit mehrmals wiedergekehrt sind." Der Unterschied zwischen dieser Auffassung und jener diabolischen Logik ist nicht groß. Er besteht hauptsächlich in der Vorsicht, mit der die letzten logischen Schlüsse den verehrten Lesern überlassen werden. Vorsicht ist es auch, daß das Blatt nun weiter erklärt: „Eine Behauptung des Inhalts, daß die Regierung und die Justiz, weil sie von den Juden bestochen seien oder Furcht vor ihnen haben, die jüdischen Mörder nicht suchen und selbst die bereits Angeklagten entschlüpfen lassen, ist von uns selbstverständlich niemals aufgestellt worden. Wir nehmen auch keinen Anstand, zu erklären, daß wir sie mit Entrüstung zurückweisen müssen." — In Folge der Konitzer Vorfälle hat der Rabbiner Dr. Feßler die Vertreter der alttestamentlichen Disziplinen an der evangelisch-theologischen Falkultät zu Halle um eine Antwort auf die Frage gebeten, ob im Judenthum auf Grund von Schriften oder Ueberlieferung die Verwendung von Christenblut zu Religionsgebräuchen gefordert wird. Die Antwort lautete: „Die Unterzeichneten bestätigen gern, daß das Gerede von jüdischen Geheimschriften auf leichtfertigen Verdächtigungen beruht. Vielmehr ist es eine Thatsache, die für den Kundigen nicht erst eines Beweises bedarf, daß es innerhalb des gesummten Judenthums weder eine schriftliche noch eine mündliche Tradition gibt, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Ergebenst Prof. Dr. theol. Kautzsch, Prof. Dr. theol. Rothstein." Auf dem vorjährigen in Rom abgehaltenen zwölften Kongresse der Orientalisten, der berufensten Kenner der orientalischen Sprachen der ganzen Welt, an welchen Dr. Kautzsch sich hervorragend betheiligt hat, wurde, wie die „Köln. Ztg." mittheilt, auf seinen Antrag unter allgemeiner Zustimmung u. Zuruf folgende Erklärung angenommen: „Die zum 12. internationalen Kongreß in Rom versammelten Orientalisten erachten es angesichts neuester Vorgänge für ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, daß jemals durch irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benutzung von Christenblut für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden war, sei eine schlechthin unsinnige und des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdige." — Hier herrscht fortdauernde Ruhe, Ausschreitungen kamen nicht vor. Die Wachen und Patrouillen waren in Anbetracht des Fronleichnamsfestes verstärkt, doch brauchten sie nirgends in Aktion zu treten. — Der Geheime Regierungsrath Maubach hat im Auftrag seiner Vorgesetzten Behörde Könitz wieder verlassen und ist zur Berichterstattung nach Berlin zurückgekehrt. — Der thätliche, mit einer Verletzung verbundene Angriff auf den Kriminal-Kommissarius Wehn darf nun auch auf Sühne hoffen, denn der Thäter ist ermittelt worden. — Die Anwesenheit zahlreicher Juden an dem voraussichtlichen Mordtage, dem 11. März, wird jetzt dadurch erklärt, daß am 12. März in Goldap Pferdemarkt abgehalten wurde und am 11. März 18—20 jüdische Pferdehändler auf der Reise nach dorthin gegen 7 Uhr in Könitz eintrafen, um später weiter zu reisen. — Fleischermeister Adolf Levh wird sich die schweren Beschuldigungen des Fleischermeisters Hoffmann durch dessen lange Eingabe an den Untersuchungsrichter Dr. Zimmermann, in welcher er ihn und seinen Sohn Moritz des Mordes an dem Gymnasiasten Winter zeiht, nicht gefallen lassen und hat, wie verlautet, bereits die Beleidigungsklage erneut gegen Hoffmann einleiten lassen. — Der Regierungspräsident Horn aus Marienwerder weilte am Donnerstag mehrere Stunden in Könitz. Er hatte mit dem Landrath Frhrn. von Zedlitz und dem Bürgermeister Deditius, sowie einigen Stadträthen eine längere Konferenz, u. a. auch bezüglich der Renovierung der demolierten Synagoge. Vorderhand soll das Gotteshaus nicht ausgebessert werden. Den jüdischen Bürgern bleibt nichts übrig, als zu den Gottesdiensten die benachbarten Synagogen zu benutzen. Am Freitag fuhren viele Hunderte nach Tuchel. — Wie sehr auch der Kaiser Interesse an der Konitzer Untersuchung hat, geht daraus hervor, daß er sich des Oefteren über den Stand derselben Vortrag halten läßt. Zu diesem Zwecke wird von hier aus täglich an das Ministerium des Innern Bericht gesandt. DaS Militär soll wegen des guten Verhaltens der Bürgerschaft wieder auf eine Compagnie vermindert werden.