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Der Israelit · 1900-06-18 · Heft 49 (18.6.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 49 (18.6.1900)
Date
1900-06-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Gr kommt an der Klagemauer vorbei, dem Reste des von Titus zerstörten Tempels, wo fromme Juden jeden Freitag den Untergang des Staates und die Zerstreuung ihres Volkes beweinen, und gelangt zuletzt auf einen Platz, wo er einen Ueberbliök über ganz Jerusalem mit der Grabeskirche, dem Oelberg, der großen Moschee, der Straße nach Bethlehem gewinnt. Das Bild in Abendbeleuchtung ist packend. Man hat Mühe, sich davon loszureißen. In unmittelbarer Nähe von Jerusalem, wie sich's gebührt, stellen die jüdischen Kolonien von Palästina ihre Erzeugnisse aus. Den Hauptplatz nimmt hier die Siedelung Rischon le-Zion ein, die blos Wein- und Obstbau treibt. Man kostet süße und herbe Weiß- und Rothweine, die den köstlichsten Gewächsen von Bordeaux und Jerez nichts nachgeben, und Cognak, von dem glaubwürdig bezeugt ist, daß er bloß aus Traubensaft hergestellt wird, nicht aus Rüben- und Kartofselschnaps und gebranntem Zucker, wie der meiste marktgängige Franzbranntwein, auch wenn er die echtesten Marken trägt. An eingemachten Früchten konnten wir nur die Augen letzen. Die zum Kosten bestimmten Vorräthe, bei denen auch der Gaumen seine Rechnung finden soll, sind noch nicht eingetroffen." Berlin, 12. Juni. (Rettungswerk für Galizien.) Die „Israelit. Wochenschrift" meldet: Die deutschen Bnai Brith-Logen, deren Zahl sich seit kurzer Zeit um neun vermehrt hat — die jüngste wurde am 27. v. Mts. in Leipzig eröffnet — haben sich an die amerikanischen Bruderlogen mit dem Antrag gewandt, es möchte aus gemeinsamen Mitteln ein gemeinsames Rettungswerk für die galizischen Juden in Angriff genommen und nach festem Plan organisirt und ausgeführt werden. Ein Berliner Logenmitglied wurde nach Amerika entsandt, um dort bestimmte Vorschläge zu machen, Anregungen entgegenzunehmen unv Verabredungen zu treffen. Die amerikanischen Bnai Brith- Logen haben auch in diesem Falle dem Vertrauen entsprochen, das man immer zu ihnen hegen darf, wenn man sich in humanitärem Interesse an sie wendet, und haben dem deutschen Delegierten jedes Entgegenkommen bewiesen. Die gemeinsame und Parallelaction wird in nicht ferner Frist kräftigst einsetzen, unterstützt von Gleichgesinnten in Oesterreich, die nur noch die staatliche Genehmigung der neu zu bildenden Vereine abwarten. Bntow i. P. (Antisemitische Ausschreitungen.) Ein bedeutender Krawall fand vorletzten Donnerstag Abend Hierselbst statt. Gegen 9 Uhr sammelten sich große Menschenmassen auf dem Markt und in der Langen-Straße an, und bald begann denn auch das so gefürchtete Steinbombardement auf die Geschäfte von Einwohnern jüdischer Confession, die größtentheils schon ihre Läden vorher geschlossen hatten. Bei vielen Juden wurden die Scheiben mit großen Feldsteinen eingeworfen. Die Synagoge soll vollständig demolirt sein. Auf Anordnung des Bürgermeisters mußten bald alle Geschäfte geschlossen werden. Erst gegen 11 Uhr trat wieder Ruhe ein. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. Dresden, 14. Juni. Gegen das Aushängen der antisemitischen Bilderbogen, jener bekannten Sudeleien aus dem Glöß'schen Verlag Hierselbst, in den Schaufenstern gewisser Antisemitenkneipen, ist, wie verlautet, die Polizei eingeschritten. Unter Bezugnahme auf das alte preußische Preßgesetz von 1861 werden die betreffenden Wirthe aufgefordert, die Bilderbogen aus ihren Schaufenstern zu entfernen, widrigenfalls ihnen eine Geldstrafe von 60 Mk. angedroht wird. Gegen die polizeiliche Verfügung ist seitens der Wirthe Beschwerde erhoben worden. Erfurt. Die in der Pfingstwoche hier abgehaltene Konferenz des Vereins israel. Lehrer Mitteldeutschlands, welche recht gut besucht war, verdient eine interessant und anregende genannt zu werden. Als 1. Gegenstand stand auf der Tagesordnung das Verbandsthema: Soll die systemathische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstand behandelt werden? (Referent: Herr Kantor Jacobs o h n — Leipzig.) Nachdem Referent mit begeisterten Worten ein treues Bild von den großen Schwierig- und Hemmnissen gezeichnet, mit denen die israelitische Religionsschule zu kämpfen genöthigt ist, ging er auf den Gegenstand selbst ein, erörterte die Frage: Was nennt man systematische . Religionslehre, und wies nach, daß eine systematische Behandlung der Religionslehre auf der Mittelstufe ungehörig, auf der Oberstufe aber auch nur insoweit nöthig erscheine, als hier eine Zusammenfassung des durch die methodische Behandlung der übrigen Disziplinen des israel. Religionsunterrichts, ganz besonders der biblischen und nachbiblischen Geschichte gewonnenen ethischen und religiösen Materials als geboten erscheint. Mit der Frage, ob ein Religionsbuch, eventl. welches diesem Unterrichte zu Grunde zu legen sein dürfte, wird sich im Anschluß an das Referat die nächste Konferenz befassen. An diesen Vortrag schloß sich eine Lehrprobe des Herrn Lehrers Meyer — Eisenach über das Wochenfest. Diesem wie dem nächsten Punkte der Tagesord-

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