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Der Israelit · 1900-06-18 · Heft 49 (18.6.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 49 (18.6.1900)
Date
1900-06-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4U Jahrgang. Erste Beilage M M 49 des „Israelit". Leitender Artikel. Aonitz im Ariegszustcind. .H onitz, 13. Juni. Nachdem die 11. Compagnie des Jnfantrie-Regiments Graf Schlverin Nr. 14, welche leider nur vier Tage für die Ruhe der Stadt gesorgt, am ersten Pfingsttage wieder abgerückt, erhoben die Hetzer wieder kühn ihr Haupt und die Corona Plebs wurde wieder Herrscherin der Stadt. Täglich gab sie ihre Visitenkarte in Form von Feldsteinen in den jüdischen Häusern ab und der Schlächter Levy wurde derart bedroht, das; der Landrath einen Gensdarmen in seine Wohnung siationirte. Doch Alles, was wir hier seit Monaten erlebt: Demolirung des jüdischen Eigenthums, Brandlegung der Synagoge. Mißhandlungen einzelner Personen, war Kinderspiel gegen den Aufruhr, der am Sonntag, den 10. Juni, Mittags 12 Uhr, ausbrach. Tausende von Menschen, zum Theil vom Lande, sammelten sich in den Hauptstraßen. Bei einem geöffneten Laden des Kaufmannes Bluhm begann das Bombardement und es wurde der ganze Laden demolirt. Die anderen jüdischen Kaufleute schlossen schleunigst ihre Geschäfte und nun zog die ganze Bande nach der Synagoge. Es ist unmöglich zu schildern, wie diese Vandalen das Gotteshaus zugerichtet. Die Thüren- und Fenstereinrahmungen (die Scheiben waren längst zertrümmert) wurden mit bereitgehaltenen Aerxten eingeschlagen und nun feierten sie im Innern ihre Zerstörungs-Orgien. Keine Bank blieb verschont; Vorhänge, Decken und Teppiche wurden zerschnitten, die Kronleuchter zersplittert — mit einem Worte: das ganze Innere vollkommen demoliert. (Die Thorarollen waren nach der ersten Brandstiftung G. s. D. gerettet). Wäre nicht, freilich zu spät, Hilfe gekommen, der Pöbel hätte den Tempel mit den primitivsten Werkzeugen nieder gerissen und dem Erdboden gleich gemacht. Der Landrath, ein äußerst energischer Herr, der schon in der vorigen Woche durch sein persönliches Auftreten die verhetzten Menschen zu beruhigen versuchte, machte alle möglichen Anstrengungen, das Volk zur Raison zu bringen. Vergebens. Die durch zahllose Flugblätter und haarsträubende Lügen des Triumvirates von der Staatsbürgerzeitung: Bruhn, Zimmer und Werner, angefachte Wuth brach mit elementarer Kraft durch. Der Landrath ivurde niedergeschrieen, der Bürgermeister verhöhnt, der Criminal-Commissar Wehn mißhandelt und die anrückende Feuerwehr ausgelacht. Es war eine allgemeine Auflehnung gegen die Staatsgewalt, die so gefährliche Dimensionen annahm, daß man thatsächlich einen verhafteten Aufrührer wieder freigeben mußte. Man wollte durchaus den wegen Meineides in Untersuchung befindlichen Maßloff, der in der That den Antisemitensührern gefährlich werden kann, befreien. Um 2 Uhr telegraphierte der Landrath an den Minister des Innern und um 9M Uhr Abends rückte eine in Graudenz bereitstehende Compagnie hier ein. Auf dem Markte verkündete der Landrath mit weithin schallender Stimme drei Mal die Aufruhrartikel und übergab dann dem kommandirenden Hauptmann den Befehl über die Stadt. Dieser proklamirte darauf das Standrecht in Könitz und gab den Befehl, scharf zu laden und im Laufschritt, mit aufgeflanztem Bajonet, wurden nunmehr die Straßen gesäubert. Bald darauf kam eine zweite Depesche von dem Minister des Innern, daß nach einem „Vortrag bei dem Kaiser (am Sonntag) Se. Majestät befohlen, es sollen noch drei Eompagnien nach hier beordert werden, die vier Wochen hier bleiben!" Und so geschah es. Gestern, Montag, rückte das ganze Bataillon mit dem Stabe hier ein und nunmehr bewachen 600 Mann die Stadt. An allen Ecken, auf dem Markte, vor dem Hause Levys, stehen Posten und es ist die Volkswuth momentan gelähmt. Die Kosten, die die Stadt zu tragen hat, betragen täglich ca. 3000 Mark. Wer aber glaubt, daß die Brand- und Mordredner ihre Thätigkeit einstellen, kennt diese Demagogen schlecht. Die antisemitische Partei und ihre Organe kämpft ihren Verzweiflungskampf um ihre erbärmliche Existenz und haben sie auch durch ihre Agitation fast eine ganze Provinz ruinirt, es ist das Todeszucken eines tollen Hundes. Die Revolutionäre sind jetzt auch an allerhöchster Stelle erkannt. Wie ich mich selbst überzeugt, werden jetzt aus dem Lande tausende aufwiegelnder Flug- (Fluch-) Blätter vertheilt, und das Flachland ist ebenso in Aufregung, wie Könitz. Ein Bild von der Synagoge bringe ich in der nächsten Woche. Soeben erläßt der hiesige Magistrat die Bekanntmachung, daß nach Allerhöchster Bestimmung die Kosten für die Unterhaltung des Militärs, die Stadtgemeinde, und nicht, wie die „Staatsbürgerin" wieder lügt, der Staat zu tragen hat.

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