Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1900)
- Date
- 1900-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449095--50934-2501380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
994 erklärte, das; wir in Preußen momentan keine Konfeffion sind, daß wir demzufolge auch keinen Kirchendienst haben. Es gelte hier also zuerst das Material, das zahlreich vorhanden ist, zu sammeln und erst künftiges Jahr die Sache nochmals zur Sprache zu bringen. 2) Antrag bezüglich Errichtung einer mit dem Seminar in Eastel organisch zu verbindenden Präparandenanstalt, u. daß der Musikunterricht in stärkerem Maße betrieben werde. Auch hier schlichtete Herr Dr. Prager die Debatte mit der Versicherung, das Borsteheramt beabsichtige auch dieses Ziel und er gibt der Hoffnung Raum, daß es bis nach einem Jahre entschieden werde. Er möge daher den Antrag momentan zurückziehen bis zum nächsten Jahre, was Antragsteller auch that. Da die Debatten lange Zeit in Anspruch nahmen und die Zeit schon bis U4 Uhr vorgerückt war, zog Herr Oppenheim seinen Antrag bezüglich Gründung einer Vereinsbibliothek zurück. Das nächstjährige Thema: Inwiefern dürfen Talmud und Midrasch im Bibelunterrichtc herangezogen werden? übernahm Herr Strauß- Marburg. Herr Tr. M lt n k sprach dem Vorsitzenden seine höchste Bewunderung für seine Leistungsfähigkeit und treue Hingebung aus, worauf die Sitzung geschloffen wurde. Schon auf den Programmzetteln war die Mittheilung gemacht worden, daß das Marburger Vorsteheramt die Betheiligten zu einem gemeinsamen Mahle einladet. Selbstverständlich leisteten die Eingeladenen gerne Folge. Die gute Bewirthung des Hotel Goldschmidt und die würzigen Toaste machten das Fest zu einer wahren rrxs bv r;rar So verbrachte man zwei Stunden in geselligem Zusammensein mit dem vollen Bewußtsein, einen segensreichen Tag verlebt zu haben. Abrh. H a l b e r t h a l. Krefeld. Wer jemals in dem weltbekannten Holel „Spiero" hier Gast!var, wird mit Entsetzen die traurige Kunde von dem plötzlichen Hinscheiden der allverehrten Frau Max L a n g e vernommen haben. Am Mittwoch, 16. Siwan, Nachmittags, wurde diese edle Gattin und Mutter, diese von Allen, die je im Leben, und wäre es auch nur für kurze Zeit, sie gekannt, so liebgewonnene Wirthin zu Grabe getragen. Wenn es der Beweise bedurft hätte, daß die so früh Dahingegangene viele Freunde besessen, die nach Hunderten zählenden Theilnehmer am Leichenzuge sprachen eine beredte Sprache. Mit der Verstorbenen ist eine Frau von uns geschieden, die alle Ideale eines jüdischen Weibes in sich verkörperte, die es verstand, das Haus ihres Gatten zu einem mustergiltigen zu gestalten und jedem Fremden, der bei ihr einkehrte, eine Heimath in der Fremde zu bereiten. Wie oft hörte Schreiber dieser Zeilen, der seit Jahrzehnten dort verkehrt, den Ausspruch von den Gästen: „Hier fühlt man sich wie zu Hause," und der wahrhaft jüdische Geist, der dort seine Fittige ausgebreitet und den man leider in so vielen israel. Hotels entbehrt, ging nicht zuletzt von der edlen Verstorbenen aus; sie war würdig, an der Seite ihres Gatten besten religiösen Gefühle zu betyätigen. Möge unser himmlischer Vater ihr den Platz dort droben einräumen, den der Allgütige für die Frommen bewahrt. Sr. Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr. H o r o w i tz , sprach es an der Bahre aus, was alle Leidtragende empfanden, sie war eine ^n-iirx in des Wortes edelster und weitgehenster Bedeutung. Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Lange aus Marburg, der als Verwandter der Verstorbenen ihr in einigen Worten seinen Scheidegruß Zurufen wollte, erhielt von Herrn Dr. Horowitz hierzu nicht die Erlaubnis;, da nach den „Statuten" dieser Antrag 24 Stunden vorher eingereicht werden muß. Ich nehme nicht an, daß Herr Dr. H. sich eines zu großen Statutenbruches schuldig gemacht, wenn er dem Wunsche Vieler Folge gegeben. Aus der Abweisung spricht vor Allem wenig kollegialischer Sinn. E. L. Ans Bayern. Im Finanzausschuß der bayerischen Abgeordnetenkammer wurde in der Sitzung vom 11. Juni beschlossen, aus Staatsmitteln 12,000 Mark zur Aufbesserung des Einkommens gering dotierter Rabbinerstellen zu bewilligen. Jngleichen wurde ein Ausgabeposten von 2000 Mk. zur Fürsorge für dienstunfähige Rabbiner und für die Relikten von Rabbinern genehmigt. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 14. Juni. (Die Broschüre des Professor s M a s a r i k.) So gering die Bedeutung des Processes vor dem Cassationshofe vom Standpunkte der Wirkung für den Angeklagten ist, da es sich nur um die Nichtigkeitsbeschwerde gegen eine Verurtheilung zu 60 Kronen und vierzig Kronen Geldstrafe nach Artikel 8 der Strafprozeß-Novelle handelt, so erhebt sich doch dieser Fall seinem Gegenstände nach weit über das Niveau der ineisten anderen gleichen Verhandlungen. Als Beschwerdeführer erscheint in erster Reihe Professor Masaryk, welcher nach dem Prozesse Hilsner in einer Schrift mit ebensoviel Freimuth als glänzendem Wissen die Führung jener Strafsache bei dem Kuttenberger Kreisgcrichte und die angeblich sachverständigen Gutachten der Polnaer Gerichtsärzte einer ätzenden Kritik unterzog. Es bedurfte großer Unerschrockenheit und leidenschaftlicher Liebe zur Wahrheit, um seine Ueberzeugung in dieser Sache auszusprechcn, und Professor Masaryk mußte auch seinen Muth durch ein moralisches Märtyrerthum büßen. Die wildesten Angriffe und die niedrigsten Schmähungen richteten sich unaufhörlich gegen den großen Gelehrten und schwirrten wie vergiftete Pfeile um ihn her. Seine Kinder mußten in den Lehrsälen, welche sie besuchten, die erbärmlichsten Verleumdungen ihres Vaters hören, welche ihnen von fanatischen Studenten zugerufen wurden. Der wüthende Haß der Widersacher verfolgte den Forscher, der schon einmal bei der Prüfung der