Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 48 (13.6.1900)
- Date
- 1900-06-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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977 In ihrem Gassenjungenton äußert sich die „StaatSbürgerztg." vom 31. Mai wie folgt: „.Die DHatsache ist richtig, ebenso richtig ist es aber auch, daß die Juden bis jetzt int Abgeordnetem Hause eine recht llägliche Nolle gespielt haben — wir erinnern nur an die Szene: Herr Hersch, es herrscht! — und so wird es nach dem Ginzuge des Herrn Wols wohl auch bleiben. Gin Hirsch und ein Wolf werden das Parlament noch immer nicht zur Menagerie machen." Also, »net 1 die Herren aus der Nechten bei einer Rede des Abgeordneten Dr. Hirsch sich durch rüpelhafte, kindische Zwischenruse bemerkbar machten, haben die Juden bis jetzt im Abgeordnetenhause eine recht klägliche Nolle gespielt! Die Mehrzahl der Kollegen denkt iiber die Thätigkeit der Abgeordneten Dr. Hirsch und Peltasohn anders. Was sagt Herr Stöcker zu der Wahl! Gr rechnete cs sich seiner Zeit zürn Verdienst an, daß im Abgeordnetenhause nicht ein einziger Jude mehr sitze. Und nun ist er bei den letzten Wahlen durchgefallen, während drei Juden der preußischen Volksvertretung angehören. Frankfurt rt. M. Aus dem merkwürdigen Buch Uber Rußland, von dem Sie vor einigen Tagen eine Schilderung entwarfen, sei hier Einiges mitgetheilt: W o l f o »ü, Alexander Pawlowitsch, Kammerherr, Wirkt. Staatsrath. Gouverneur von Poltawa: In den kleinrussischen Gouvernements unterscheiden sich die Juden in Sprache, Kleidung und Sitten scharf von den Juden der übrigen Gouvernements und sind fast ganz mit der Stammbevölkerung verschmolzen, so daß seines Erachtens alle für die Juden der kleinrussischen Gouvernements bestehenden (Sinschränkungen ohnemeiterS aufgehoben werden sollten. P o st e l s, Alexander Philippowitsch, Geheimrath. Mitglied des Nathes des Ministeriums für Volksaufktärung: „Indem ich hiermit den Bericht über die staatlichen jüdischen Schule schließe, kann ich nicht umhin, meine Ansicht dahin zu äußern, daß, welche Opfer unb Anstrengungen auch seitens der Regierung zur Verbesserung der staatlichen Schulen aufgewandt »verden, der Endzweck ihrer Begründung doch nicht erreicht werden wird, so lange die Juden in den engen Grenzen ihres gegenwärtigen Niederlassungsgebiets und unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen zusammengedrängt bleiben werden. Abgesehen davon, daß diese Abgeschlossenheit ihnen die Möglichkeit nimmt, das Gebiet ihrer Bethätigung im Handel und Gewerbe zu erweitern, und sie in einen mit jedem Tage sich verschlimmerndem Zustand der Armuth versinken läßt, verhindert sie ihre Assintilirung mit der russischen Bevölkerung, der naturgemäß erst eine gegenseitige Annäherung vorausgehen muß. Gerade diese Annäherung aber kann nicht stattsinden, da im größten Theile der westlichen Gouvernements bas polnische Elernent das herrschende ist und in zahlreichen Orten die Zahl der Juden die der Christen, insbesondere der russischen Christen, »veit übersteigt. Alle Bemühungen der Regierung um die Hebung des geistigen Niveaus der Juden, um Befreiung aus den Fesseln des Aberglaubens, der Borurtheile und der nationalen Absonderlichkeiten, unt die Verbesserung ihrer »nateriellen Lage und endlich um ihr Verschmelzen mit der russischen Bevölkerung könnten in kurzer Zeit, ohne Opfer von Seiten der Regierung und ohne jede Gewaltsamkeit zum Ziele geführt werden, wenn ihnen ein größeres Ansbreitungsgebiet gewährt, mit anderen Worten: die Ertaubniß, in ganz Rußland sich ungehindert niederzulaffeu, erlheilt würde." K u r o p a t k i n, Alexei Nikolajewitsch, General- Major, später Chef des transkaspischen Gebiets und Kriegsminister: „Es liegen durch Zeugen erhärtete Fälle vor, in denen Tataren bei unserm Rückzuge auf die eigenen Leute schossen, und es ist auch vorgekommen, daß Tataren zu den Türken übergegangen sind. Doch sind wir geneigt, solche Fälle als vereinzelt dastehende Ausnahmen zu betrachten. In der überwiegenden Mehrzahl haben sowohl Tataren als auch Juden ebenso heldenmüthig zu kämpfen und zu sterben gewußt, wie die übrigen russischen Soldaten und werden es in Zukunft ebenso halten, sofern nur die richtigen Führer an ihrer Spitze stehen." Kalmykowa, Alexandra Michailowna: „Ehe wir unsere Hausmittel in Anwendung bringen, als da sind: Austreibung, Drattgsaliruug, Unterdrückung, deren Annehmlichkeit uns aus unserer persönlichen Erfahrung wohl bekannt sein sollte, wäre es doch angebracht, noch eittmal zu erwägen und Umschau zu halten. Können wir uns nicht vielleicht ein Bild davon mache»», welche glücklichen Zustände in Rußland platzgreifen würden, wenn es uns durch das eine oder andere unserer Mittel gelingen würde, unser Rußland ganz plötzlich, an einen» Tage, von allen Juden zu befreien? Das ist zum Glück durcha»»s nicht so gar schwer. Wir brauchen unsere Blicke nur auf das gesammte »nittlere, östliche und nördliche Rußland zu wenden, mit einem Wort, auf ganz Rußland mit Ausnahme seiner südlichen und westlichen Theile, wo den Juden der Aufenthalt gesetzlich gestattet ist. Da gibt's feine Juden, keine Ausbeutung, und der Russe »st natürlich glücklich. Doch hört und seht nur, was ist das? Es ächzt und stöhnt dort das rechtgläubige Ritßland, — aber, o weh, nicht die Juden sind's, die es stöhnen machen .... Die soziale Lage der Juden ist der Barometer, der den sittlichen Zustand der Nationen anzeigt. Jede