Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 48 (13.6.1900)
- Date
- 1900-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41* Jahrgang. Erste Beilage M JSs 48 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Ac ^nnniiHK in sitiim; imii i)ir Üifflkrnnf). Berlin,! 1. Juni. Heber die an Aufruhr grenzenden Excesse, die sich gestern in Könitz abgespielt und zur Prollamirung des Belagerungszustandes geführt haben, entnehmen wir einem Privatbrief, den die „Nationalzeitung" veröffentlicht, Folgendes: „Die antisemitischen Hetzereien haben schließlich ihr trauriges Ziel erreicht, ein Erfolg, der seit Wochen befürchtet werden konnte. Die Vorgänge selbst waren die folgenden: Gewöhnlich pflegt das Landvoll am Sonntage in größerer Anzahl in unser Städtchen zu kommen. Es hatte aber den Anschein, als ob heute Morgen noch außerdem in ganz organisirter Weise durch Radfahrer die Betvohner der umliegenden Ort schäften angefeuert lvorden wären, nach Könitz hineinzuströmen. Wir bemerkten, daß die Lage allmählich bedrohlicher wurde, und eine Anzahl vor, uns ruhig denkender Ehristen sah sich daher veranlaßt, in die Häuser unserer jüdischen Mitbürger zu gehen, »in sie zu bitten, sich auch am hellen lichten Tage nicht auf der Straße sehen zu lasten. Daß unsere jüdischen Mitbürger des Abends nach Dunkelwerden nicht niehr aus den Häusern können, ist leider schon seit längerer Zeit der Fall, und Jnsultirungen und Beschimpfungen, auch thätliche Angriffe sind an der Tagesordnung. Die so durch die antisemitische Agitation vorbereitete Stinimung kam heute nach 2 Uhr zur Explosion. Bor Allem die Schlochauer- und Danzigerstraße waren von wogenden Menschenmasten erfüllt. Nachdem zuerst hier und dort Hepp-Hepp-Rufe laut getvorden, begann dann das übliche Bombardement mit Steinen zunächst gegen die Häuser jüdischer Geschäftsinhaber und Miether. Sodann ging man gegen die Synagoge los, die ebenfalls mit Steinen bombardirt wurde, und die Exekutivbeamten konnten nur mit äußerster Energie die Exzedenten verhindern, in die Synagoge einzusteigen. Der Bürgermeister und der Landrath gaben sich zwar die größte Mühe, die Bevölkerung zu beruhigen, aber loeber der eine noch der andere hatte irgend welchen bleibenden Erfolg. Der Bürgermeister mußte schließlich sogar vor den Exzedenten das Weite suchen und, wie mir mitgetheilt wird, wurde Polizeikommistar Bloch angegriffen und ihm, wie dem Criminalkommistar Wehn, wurden Personen, die sie verhaften wollten, von der Menge wiederum entrissen. Es herrschte also vorübergehend bei uns vollständige ''Anarchie und in dieser Zeit gelang es denn auch dem fanatisirten Pöbel, in die Synagoge einzudringen, nachdem die Thüren eingeschlagen worden waren, und das Innere durchaus zu demoliren. Wir werden jetzt natürlich von Neuem Militär erhalten, und es ist nicht zu zweifeln, daß alsdann die Ordnung wieder ein tebren wird, Allein wenn man in die Zukunft blickt, ko toirb bleibend uns nur das Eine helfen können: Unsere Bevölkerung ist durchaus gutmüthig und wir haben bis in die neueste Zeit hinein mit den Juden in bestem Einvernehmen gelebt. Wenn jetzt unsere Stadt so schtver geschädigt wird, so ist das ein Werk der systematischen antisemitischen Verhetzung, die sich gleichmäßig gegen die Juden und gegen jede staatliche Autorität richtet, die nicht bereit ist, sich vor den antisemitischen Hetzern zu beugen. Unsere verführte städtische Vevölkerung und vor Allem die gutartige Landbevölkerung sind auf das Tiefste zu bedauern. Sie werden schließlich die Zeche zahlen müssen, während die Anbläser des Aufruhrs, die die eigentlichen Schuldigen sind, sich schon schlau zu salviren wissen werden. Eins ist daher vor Allem nothwendig: Gegen diese Hetzer, die auch die Untersuchung in so unerhörter Weise gestört haben, müßte, wenn die gesetzliche Möglichkeit hierzu irgend besteht, vorgegangen werden. So lange das nicht geschieht,, bleiben auch die besten Absichten unseres Landraths und des Bürgermeisters erfolglos. Darauf hinzuweisen, erschiene mir als eine Pflicht der Presse. Endlich möchte ich noch einen Punkt betonen: Man ist hier in Könitz allgemein der Ansicht, daß, wenn nicht auch in der Umgebung auf dem Lande und in den kleinen Städten die Exekutivbeamten verstärkt und mit energischen Instruktionen versehen werden, alsdann auch dort anarchische Scenen sich abspielen werden." Die „Nationalztg." bemerkt dazu: „Um die Schmählichkeit der westpreußischen Vorgänge und die Niederträchtigkeit der daran schuldigen rohen und feineren Hetzer, inbesondere auch in der Berliner antisemitischen Presse, vollständig zu würdigen, muß man sich immer wieder erinnern, daß auch nicht der leiseste thatsächliche Anhalt für die Behauptung vorliegt, Juden seien an der Ermordung Winters schuldig, daß vielmehr nach wie vor das vollständige Dunkel die Urheber und die Beweggründe des Verbrechens bedeckt." Das Blatt, das am meisten gehetzt hat, die Berliner „Staatsbürgerztg.", schreibt jetzt heuchlerisch: „Wir richten an unsere Freunde in Könitz die dringende Bitte, ihren ganzen Einfluß geltend zu machen, daß sich die Massen beruhigen. Alle diejenigen, die für Hoffmann eintreten, werden uns doch gewiß das Zeugniß ausstellen, daß wir seine Interessen entschieden und mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln vertreten. Wir können dies aber auch nur, soweit es