Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 48 (13.6.1900)
- Date
- 1900-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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969 und ©fiten zu wirksamen Volksreden auszugestalten. Er bediente sich kleiner Erzählungen, um seine Deutung von Bibelversen zu veranschaulichen und streute auch kulturhistorische und profangeschichtliche Notizen in seine Vorträge ein. Von der Vielseitigkeit des beliebten Predigers zeugt sein feines Verständniß für das von Josua ben Gamla begründete Volksschulwesen. Es ist ihm Herzensbedürfniß, gewissenhaften Kinderlehrern in ihrem schweren Berufe Worte der Anerkennung und Ermunterung zu sagen. Wie streng er aber über die gewissenhafte Erfüllung der Lehrerpslichten dachte, ist aus dem Vorwurf ersichtlich, den er dem als Schulmeister vielgepriesenen Samuel Sohn Schelats machte, als dieser während der Unterrichtszeit, um sich für einige Augenblicke zu erholen, im Garten sich erging. Freilich konnte sich Rab bald von den hervorragenden Lehrerfolgen dieses Meisters überzeugen und er schätzte dies so hoch, daß er ihn sich als Leichenredner bestimmte mit der Bitte: „Sei warm in Deiner Klagerede, denn ich werde anwesend sein." Rab ist auch der Antor der ältesten jüdischen Volksschulpädagogik, deren Grundzüge uns im Talmud (B. B. 21a) aufbewahrt sind: der Unterricht beginne nicht vor dem sechsten Jahre ^npn xb rvt? ly, dann aber zwinge man auch den Widerwilligen zum Lernen 'ccx* xiiTQN'b. Das Züchtigungsrecht des Lehrers muß sich auf einen leichten Schlag mit dem Schuhriemen xnpny beschränken. Wie durchdrungen Rab von den hehren Aufgaben des Schulunterrichtes ist, hat er in einer Psalmenauslegung in köstlicher Weise dargethan: Berührt nicht meine Gesalbten, das sind die Schüler, verletzt nicht meine Propheten, das sind die Lehrer! Seine hohe Auffassung von religiösem Pflichtleben, wie es das jüdische Gesetz vorschreibt, bezeugt sein Ausspruch LN2 r'xb 'is xfx n^e lim xb bx-,L" die Gottessatzungen haben alle einen Zweck, Israel zu läutern und als ein geistiges Bindemittel aller Gottesbekenner zu dienen. Das Ziel der Thoragebote ist Liebe: i:\xir yrrz nrn-- by omc irxtp tw x x Wer dieser Liebe gegen alle Wesen (nicht nur gegen die Menschen) bar ist, der ist kein Geisteserbe des liebevollen Abraham, diese Liebe ist selbst gegen den Feind zu üben: XL'b fc ab: xnb fo xrtn Gehöre lieber zu denen, die sich schmähen lassen, als zu denen, die tränken, ist sein Grundsatz. Auch gegen das Vieh sott der Mensch mild und freundlich sein. Er bestimmt als Satzung: b:x2 frrtr cnp d,£?: onxS “tscx Es ist dem Menschen untersagt, sich zum Mahle zu setzen, bevor er seinem Vieh Futter gegeben. Da er diese edlen Lehren seinen Jüngern und seiner Gemeinde auch vorlebte, so war der Erfolg seiner Thätigkeit in Sura ein so glänzender, daß man rühmend sagte, in: nnn X2t2 nypa m Rab fand einen öden Grund, er hat ihn zum sicher umhegten Fruchtland umgewandelt. —-- So ist der tiefe Schmerz, von dem der große Palästinenser Rabbi Jochanan beim Hintritt Rabs ergriffen wurde, vollauf begreiflich. Auch der babylonische Zeitgenoffe Samuel stimmte eine ergreifende Klage bei der Kunde des schweren Verlustes an, der durch den Tod Rabs das Judenthum traf. Auf Anregung R. Jsaks bar Bisud wurde im Trauerjahr Rabs die Heiterkeit bei Hochzeiten beschränkt. Sein Ansehen als Gesetzeslehrer war bei den Späteren so groß, daß seine Aussprüche denen der Tanaim gleichgeachtet wurden. Während Rab in Sura so glücklich an der geistigen und religiösen Erhebung seiner Zeitgenossen gearbeitet hatte, gelang es dem demüthigen und tugendreichen Samuel, der die Sidra (Hochschule, wegen der Ordnung des Lehrstoffes oder wegen der Schülerreihen so genannt) zu Nehardea leitete, seine Anstalt zu einer segensvollen Thorapflanzstätte auszugestalten. Beide ergänzten sich auf's glücklichste. Rab pflegte mehr die Erforschung des speeifisch religiösen Theiles der Gesetze 'TB'x, während Samuels Größe auf dem Gebiete des Rechtes ’JH lag. Daher gilt in wn wv'x Rab als Autorität, Samuels Meinung wird hingegen im Civil- und Criminalrecht Norm. Auch darin weicht Samuel von dem Hochschulleiter zu Sura ab, daß er sich nicht lediglich mit der Gesetzesforschung befaßt, sondern auch als Arzt thätig ist und außerjüdische Wissensgebiete studiert. Daher sagte man bxiv«' ’ipjr D2n Samuel kann Weltweiser genannt werden. Als Arzt, besonders als Augenarzt, war Samuel sehr gesucht. Das Collirin de Mar Samuel, eine Augensalbe, wurde selbst von palästinensischen Lehrern gebraucht. In der Arzneikunst wandte er das natürliche Heilverfahren an und schätzte die Heilkraft des Wassers sehr hoch. Als Krankheitserreger sah er die Luft, vielleicht die in ihr befindlichen Bacillen, an. Auch ein chirurgisches Instrument zur bequemen Handhabung des Aderlasses ist von ihm erfunden. In der in Babel so verbreiteten Sternkunde war er außerordentlich bewandert. Daher sein Beiname „Jarchinai"-Kalendermann. „Mir sind die Straßen des Himmels vertraut wie die Straßen Nehardeas," durfte er von sich sagen. Gegen das heidnische Unwesen der Astrologie, welche des Menschen Geschick aus der Stellung der Sterne zur Geburtsstunde enträthseln zu können vermeinte, trat er ebenso energisch auf wie sein Genosse in Sura, der das bekannte Wort prägte px bx"!L"b „Für Israel gibt es keinen Planeteneinfluß." Auch in fremden Sprachen war er heimisch. Zumal persisch, lateinisch und griechisch hat er verstanden. Alle diese seine naturwissenschaftlichen und sprachlichen Kenntnisse stellte er in den Dienst der Thorawissenschaft. Sein anatomisches und pathologisches Wissen förderte ihn bei der Feststellung solcher Krankheitserscheinungen, durch die ein Thier als rtsnio d. h. tödtlich krank zum Genüsse verboten ist, wie zur Konstatirung solcher Leibesfehler, durch die ein erstgeborenes Thier zur Opferung ungeeignet wird. Eine Fülle von Fremdwörtern in Mischnah und Boraita (den von R. Jehuda in die Mischnah nicht aufgenommenen Aussprüchen der Tanaim) sucht er mit seinem durch das Erlernen vieler Sprachen geschärften