Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 47 (11.6.1900)
- Date
- 1900-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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955 Münstereifel, 4. Juni. Unsere Gemeinde feierte dieser Tage ein Fest, wie ein solches in derselben nur selten begangen wird. Die Eheleute Herr Dav. Apfel und seine Gattin Frau Sibilla geb. Nathan, hatten das Glück, die Wiederkehr ihres 60. Hochzeitstages in voller Gesundheit, in geistiger und körperlicher Rüstigkeit zu erleben. Herr Lehrer Voß überreichte dem Jubelpaare im Namen Sr. Majestät des deutschen Kaisers die von Allerhöchst demselben gestiftete Ehejubiläumsmedaille. Die jüdische Gemeinde ehrte das Jubelpaar noch durch die Ueberreichung eines sinnigen Geschenkes. Glückwünsche, sowohl von Seiten der christlichen Bürgerschaft, als auch von der katholischen Geistlichkeit, bewiesen die Liebe und Hochachtung, deren sich die Gefeierten in ihrer Heimathstadt erfreuen. Ein fröhliches Familienfest beschloß die Feier. Möge es dein Jubelpaare, dem auch noch das seltene Glück zu Theil geworden ist, seine Nachkomnien in Köln in geistig hervorragenden Ehrenstellungen zu sehen, vergönnt sein, sich noch viele Jahre in gleicher Rüstigkeit des Lebens zu freuen. O e st e r r. - U n g a r. M o n a r ch i e. Wien, 4. Juni. Die Affaire Araten harrt noch immer der Lösung. In einem sehr scharfen Artikel geht selbst der „Pester Lloyd" deshalb gegen die österreichische Regierung vor. Derselbe schreibt: „Unsere Leser wissen, daß wir keine prinzipiellen Gegner des Ministeriums Koerber sind, daß wir vielmehr die vielen Borzüge desselben, namentlich seines hochbegabten Ehefs, bei jeder sich darbietenden Gelegenheit gern und aufrichtig anerkennen, aber im Falle Araten stellt uns dieses Ministerium geradezu vor ein Räthsel, welches wir nicht zu lösen verinögen. Daß eine Regierung, welcher hundert und hundert Mittel aller Art zur Verfügung stehen, nicht im Stande sein sollte, in einem Falle wie dem vorliegenden, sich selbst binnen acht Tagen volle Kenntnis; über den Stand der Dinge, namentlich über den Aufenthalt des armen Mädchens zu verschaffen, das wird man heute keinem Menschen mit gesunden Sinnen einreden können. Wenn das Ministerium Koerber will, wird es in kürzester Zeit Nüssen — ja, es weiß dies vielleicht heute schon — wo sich die kleine Araten befindet. Das ist unsere feste Ueberzeugung, und das österreichische Ministerium selbst wird sich wohl hüten, das Gegentheil zu behaupten, weil es sich damit ein Zeugniß der Imbezillität ausstellen würde, durch welches es vor aller Welt unsterblich lächerlich gemacht wäre. Wenn aber diese Regierung, oder, sagen wir es direkt heraus, Ministerpräsident Dr. Koerber weiß, wo sich das Mädchen befindet, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder er billigt, wenigstens im Stillen, die Tendenzen, welche auf die gewaltthätige Convertirung nichtchristlicher Kinder gerichtet sind, und dann verdient er, so ausgezeichnete Eigenschaften er auch sonst besitzen möge, nicht eine Stunde länger an der Spitze eines Staatswesens zu bleiben, welches sich, trotz der vielen Infamien, welche dort, mindestens unter stillschweigender Duldung der Regierung, in jüngster Zeit vorgefallen sind, wenigstens nominell noch immer zu den gebildeten zählt. Oder er billigt diese Tendenzen nicht, dann kann es ihm nur an Courage fehlen, mit eiserner Faust in die schmutzige Affaire hineinzugreifen, und dann gelangen wir doch wieder zu derselben Conclusion, nämlich daß ein Mann, welcher nicht den Muth hat, dem ungesetzlichen Treiben von ein paar gewissenlosen Kaplänen und fanatischen Betschwestern entgegenzutrcten, nicht Ministerpräsident sein kann. So steht die Alternative. Ein Drittes gibt es nicht, oder doch ja: wenn Herr Dr. Koerber die Tendenzen, welche in dem Falle Araten zum Durchbruche gelangten, nicht billigt und wenn er den Muth besitzt, denselben entgegenzutreten, so möge er dies, wenngleich zieinlich verspätet, aber doch wenigstens nachträglich beweisen. Das ist es, was!vir von ihm erwarten." Prag. Der jüdische Volksverein Hierselbst hat am Samstag den 6. v. Mts. im Hotel Roubitschck einen Dcbattcnabend veranstaltet, der sich durch die gebotenen Vorträge und den zahlreichen Besuch allen vorhergcgangenen Veranstaltungen nüirdig anschloß. Herr Carl R e s c k erstattete das Referat über die Colonisation Palästinas und fand für seine gediegenen und fachlichen, den blühenden Stand der Colonien schildernden Ausführungen allseitigen Beifall. Der Vereinsobmann Herr L c b e n h a r t berichtete über die unter allen Gesellschaftsklassen zunehmende colonisatorische Bewegung in Prag, die sich am besten in der Gründung verschiedener selbstständiger Vereine gezeigt habe. So z. B. seien in der letzten Zeit entstanden ein Frauenvercin, ein Gesangverein und ein Verein jüdischer Handelsangestelltcr. Der letztere veranstaltete Dienstag, den 15. Mai, in der Produktenbörse (Caffeeloealität) einen Vortragsabend. Türkei. Kvnstmrtiiwpel. Das Einschreiten der türkischen Behörden gegen die Blutbeschuldignng könnte manchen Westeuropäischen Behörden zum Muster dienen. Bei Monastir war ein Bauer verschwunden, der nach der Stadt gekommen war, um Getreide einzukaufcn. Sofort erhoben die Griechen gegen die Juden die Anklage wegen rituellen Mordes. Aber die tiirkischen Beamten gaben nicht so leicht nach und veranstalteten erst nähere Nachforschungen, durch die der Verschwundene in einem benachbarten Dorfe gefunden wmrde. A f r i k a. Algier. Die hiesige Gemeindevertretung hat ihren durchgegangenen ehemaligen Führer Max Regis zum Maire von Algier gewählt. Mehr Bedeutung als ein schlechter Scherz hat glücklicherweise die ganze Angelegenheit nicht, da Regis nicht zurückkommen wird, um nicht wegen verschiedener Strafthaten verfolgt zu werden, mithin die Wahl umsonst ist. Als Symptom der hiesigen Zustände hat sie aber immerhin eine gewisie Bedeutung.