Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 47 (11.6.1900)
- Date
- 1900-06-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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983 bischen Zuhörern gehalten »verden, fast kein Haus, in dein nicht christliche Bedienstete oder Angestellte jedem Gespräche lauschen könnten. Es ist auch bekannt, daß das ganze Schriftthum der Juden aller Zeiten und Zonen jedem Wißbegierigen ebenso offen liegt, wie die Litteratur aller Völker und Länder und daß es wahrlich nicht Schuld der Juden ist, wenn bisher nicht sonderlich viel aus öffentlichen Mitteln verwendet ivurde, um die auf diesem Gebiete noch vergrabenen Schätze zu heben und zu verbreiten. Ihr wißt, daß die Juden zu allen Zeiten sich freudig an allen Liebeslverken betheiligen und der Christenhaß der Juden nur in euren Köpfen spukt, und, wenn auch das Blut der Juden in Strömen floß, christliches Blut von jüdischen Händen schwerlich jemals vergossen worden! Aber weil alle eure anderen Lügen und gehässige Anklagen kurze Beine haben und von den sichtbaren Thatsachen widerlegt werden, brauchtet ihr eine Verdächtigung, die nur der tiefer Denkende als unmöglich erkennt, eine Bezichtigung, welche an Schwere alle Anklagen überwiegt und welche durch alte Ammenmärchen aus der guten Zeit der Tortur und Scheiterhaufen einigen Anhalt hatte. Euch zu bessern, euch zu belehren, daran wird wohl Niemand denken. Aber an der Aufklärung des Volkes zu arbeiten, das wäre doch wohl Sache aller Edeldenkenden und den Lügen und Verdrehungen an den geweihten Stätten des Rechtes und der Gesetzgebung mit aller Entschiedenheit entgegenzutreien, wahrlich Pflicht der leitenden Männer des Staates. Diese müssen doch wissen, was sie von Behauptungen zu halten haben, daß die Juden Krawalle hervorzurufen suchen, bei welchen sie an Hab und Gut, an Leib und Leben geschädigt werden, nur um die Spuren ihrer Mvrdthat zu verwischen, diesen kann man doch nicht iulpvniren mit dem Hinweis, daß der Verdacht in den Geheimbiichern der Juden eine Stütze finde! Der blinde, zu allen Mitteln greifende Judenhaß, hat fast noch mehr als die Juden die Staaten geschädigt, welche ihn ruhig gewähren ließen. Wie viel Unglück hat er über Frankreich gebracht und wie schwer fiel es, dem Unheil Einhalt zu thun, nachdem man es zu lange geduldet! Möge unser Vaterland vor gleicher Schmach bewahrt bleiben! Rabbiner Dr. E a r l e b a ch - Lübeck. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Juni. Von einer Interpellation über den Mord in Könitz und die damit zusammenhängenden Vorgänge will plötzlich im Abgeordnetenhause Niemand mehr etwas wissen. Die Konservativen verlangen nicht danach und agrarische Organe behaupteten, die Nachricht sei zuerst von Organen ausgesprengt worden, die der Regierung nahestehen. Nun will's Keiner gelvesen sein. Es ist das ein beachtenswerthes Symptom eines Umschwunges der Stimmung. Das ist begreiflich, seitdem feststeht, daß gegen den Fleischermeister Hoffmann die Untersuchung wegen Todtschlags an dem Gymnasiasten Winter eingeleitet worden und daß ferner am Freitag ein Arbeiter Maslow, der von den antisemitischen Blättern als Hauptzeuge gegen den verdächtigten jüdischen Schlächter Levi gefeiert, verhaftet worden ist, nicht etwa weil er gestanden hat, in der Nacht bei Levi Fleisch gestohlen zu haben, sondern wegen des Verdachts, in Bezug auf den Fleischermeister Levi einen Meineid geleistet zu haben. Aus diesen Thatsachen erklärt sich zur Genüge, daß die ganzen und halben Antisemiten keine Lust mehr an Interpellationen haben. Dagegen wird wohl bald die Zeit kommen, wo man von anderer Seite von der Regierung Aufklärung über schwer verständliche Zustände und Vorgänge in Könitz verlangen wird. Die „Staatsbürgerztg." ist unlvillig über die Bestrafung des Maslow und möchte gerne einige Juden verhaftet haben. Das Blatt setzt das Bestreben fort, eine sog. Volksstimmung den Untersuchungsbehörden als Richtschnur aufzuzwingen und leistet nun Folgendes: „Sollte es denn wirklich nicht möglich sein, daß seitens der beiden Herren Ressortminister Maßnahmen ergriffen werden, die die Fährte einmal aufnehmen, welche die allgemeine Bolksstimmung für die rechte hält? Wenn dann vor der breiten Öffentlichkeit festgestellt werden sollte, wie ungerecht die Anschuldigungen gegen die Juden sind, dann wäre wirklich viel erreicht. Wenn der Mörder auch dadurch nicht entdeckt werden sollte, so würde wenigstens die Beunruhigung in der Bevölkerung weichen, da diese allgemein glaubt, die Behörde wolle nicht gegen die Juden Vorgehen, und wenn die Konitzer Beamten auch persönlich gern wollten, ein Wink von oben habe ihnen den Weg gezeigt. Wir meinen, daß es im eigenen Interesse der Behörde liegt, diesem Glauben den Boden zu entziehen." Recht kennzeichnend und Stoff für eine weitere Interpellation ist auch die Behauptung antisemitischer Blätter, daß von der Verhaftung des des Todschlages verdächtigen Hoffmann nur deßhalb Abstand genommen werde, weil durch seine Abführung in das Untersuchungsgefängniß ein Aufstand der Bevölkerung hervorgerufen werden würde. Der Minister des Innern oder der Justizminister werden später gewiß Auskunft geben, ob die Justiz in Preußen sich durch angedrohte Straßenexcesse beeinflussen läßt. Wir unsererseits denken von den beiden Ressortministern zu gut, als daß wir ihnen eine solche angebliche Rücksichtnahme Zutrauen. .Könitz, 8. Juni. Gestern ereigneten sich in den späteren Abendstunden wieder lärmende Straßenkundgebungen gegen die Juden. Um 10 Uhr ertönte Feuer-Alarm. Es brannte ein zur Synagoge gehöriger Schuppen. Das Feuer griff auf die benachbarten