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Der Israelit · 1900-06-07 · Heft 46 (7.6.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 46 (7.6.1900)
Date
1900-06-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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940 alle Feste nur ein ungenügendes Surrogat zur Sicherung einer ununterbrochenen, sorglosen Heiterkeit. Sie sind nur Oasen, die durch ihren Gegensatz die angrenzenden Zeitgestade erst recht als Wüste scheinen lassen. Das Glück sorgloser Heiterkeit will durch fortwährende Thätigkeit und durch Freude an der Thätigkeit bei den Kleinen wie bei den Großen erworben werden. Wo unsere Neigung der Berufsthätigkeit und die Berufsthätigkeit der Neigung entspricht, wird sich auch überall die höchste Freude finden. Müstiggang ist nicht nur der Anfang aller Laster, sondern auch aller Sorge und Schwermuth. Wie man sie aus dem Herzen und aus dem Hause bannt, können wir nirgends bester als an dem Beispiel unserer Kinder lernen. Aber nicht nur die lebensfrohe Heiterkeit, auch ihre Kehrseite, die Thräne im Auge des Kindes, wird dem denkenden, aufmerksamen Beobachter zur bedeutsamen Lehrmeisterin. Mein junger Herr Erzieher trollt sich, wie ich hinter den Jalousien beobachte, im Garten umher. Es ist ihm strenge verboten, die abgefallenen unreifen Aepfel auch nur aufzuheben. Aber da lacht ihn ein zu rothbackiges, im Grase halbverstecktes Exemplar an. Einen Augenblick kämpft er, blickt dann zu meinem Fenster empor, und da er nichts Verdächtiges bemerkt, nimmt er die verbotene Frucht. Da ihn ein zweiter Blick in die Höhe vollkommen sicher gemacht hat, beißt er herzhaft hinein. Da öffnet sich der Fensterladen, die Nemesis hat ihn ereilt. Er wird aus seinem Paradies getrieben und auf mein Zimmer gerufen. Damit ist er eigentlich schon genug bestraft, das höre ich an feinem schleppenden Gang schon, ehe ich die Armsündermiene sehe, mit der er vor mich hintritt. Er erhielt eine schwere Strafe; er muß auf einem Schemel in der Ecke sitzen. Das ist hart. Er ist jetzt verurtheilt zu dem, wovor sich Kinder am meisten fürchten, zur Langeweile und Unthätigkeit. Im Bewußtsein seiner Schuld sitzt er still wie eine Wachsfigur. Ich ignorire den kleinen Sünder scheinbar vollständig. Bon oben lacht die Sonne, von unten dringt das laute Spiel seiner Genosten herauf; es ist hart. Da dringen zwei große, stille Thränen aus den niedergeschlagenen Augen und die machen mich weich, so weich, daß ich ihm erlaube, in sein verlorenes Paradies wieder zurück zu gehen. Er wird keine Aepfel mehr auflesen. Mich aber haben die zwei Thränen um eine kostbare Wahrheit bereichert. Wenn die Kindesthräne auf das Vaterherz einen solchen Einfluß hat, welche Kraft mag dann erst der Thräne innewohnen, die das zum himmlischen Vater emporblickende Auge vor Gott weint. Wenn unsere Anliegen und Sorgen uns selbst so fest umstrickten, daß auch die hingehendste Thätigkeit uns nicht mehr die Freude am Leben brächte, sondern uns im Gegentheil immer tiefer und tiefer in das Getriebe des Kampfes um's Dasein hineinzöge: die Thräne vor Gott geweint, besäße die Kraft, uns das verlorene Paradies kindlicher Heiterkeit wiederzugewinnen. — Wenn uns unsere Kinder nichts lehrten, als Heiterkeit, Thätigkeit u. diese Macht der Thränen, es würde genügen, unS das schöne Wort Zschokkes in seinen „Stunden der Andacht" zu bestätigen: „Wir werden im Umgang mit den frommen Kleinen frommer, edler, weiser; wir scheuen uns, mit unseren Fehlern vor ihnen zu stehen, und wer diese nicht auszutilgen den Muth hat, verbirgt sich wenigstens vor ihnen. Wahrlich: wir können im Umgang mit den Kindern mehr lernen, besser und weiser werden, als oft mit den weisesten Leuten unserer Bekanntschaft." Einer dieser weisen Leute meiner Bekanntschaft war Zeuge dieses ganzen Vorganges. Es war ein wandernder Greis aus dem fernen Galizien, dem die drückende Sorge für Weib und Kind schon seit Jahren den Wanderstab in die Hand gedrückt hat. Seine Lebensklugheit, Anspruchslosigkeit und Thoraweisheit prägen sich in jedem Worte und in jeder Bewegung aus. Er kommt fast jedes Jahr so um die Zeit der Selichothtage, und wie alljährlich, hänge ich an seinen Lippen, um den goldenen Worten seines reichen Wissens und seiner vielseitigen Lebenserfahrungen zu lauschen. Vertieft in unsere Unterhaltung hatten wir den kleinen reuigen Sünder, der sich im Hofe mit seinen Spielgenosten trollte, längst vergessen. Da kommt er plötzlich wieder in's Zimmer gestürzt, aber so herzlich schluchzend, daß er zunächst gar keine Worte für sein Leid finden kann. Es muß ihm was Schlimmes zugestoßen sein. Nach einigen Zureden beruhigt sich das Schluchzen, und ich erfahre nun die Ursache dieses herzzerreißenden Unglücks: Er hat mit seiner Schwester Versteckens spielen wollen, hat sich auch richtig versteckt und die Schwester — sucht ihn nicht! Aergerlich, durch solche Lappalie in meiner angenehmen Unterhaltung unterbrochen zu werden, wollte ich meinem Verdruß schon in heftiger Weise Luft machen. Aber mein Gast kam mir zuvor. Teilnehmend nahm er den Knaben an der Hand, führte ihn zur Thüre und geleitete ihn mit den Worten hinaus: „Was, deine Schwester will dich nicht suchen?! Sage ihr, sie müsse dich sofort suchen, der Vater will es haben." Jubelnd flog der so Getröstete über den Corridor, aber der Greis mit dem milden, klugen Auge ließ sich mit einem schweren Seufzer wieder auf seinen Platz nieder. — Auf meine Frage, ob ihm etwas fehle, antwortete er mit einem zweiten Seufzer: „Mir fehlt eigentlich nichts, aber der Schechina fehlt sehr viel." Verwundert blickte ich auf den Sprecher dieser räthselhaften Worte. Dieser aber fuhr fort: „Von Eurem Kinde Hab' ich gelernt, was die Schechina leidet. Euer Kind hat vorhin geweint und hat jetzt geweint. Aber Eure Strafe hat ihm nicht so weh gethan, als der Umstand, daß es sich versteckt und es Niemand sucht. Das muß sehr weh thun. Nun hat aber Gott ,ts doch gesagt: »nn ovn tticx inon ..Ich werde mich verbergen an jenem Tage" (6. B. M., C. 31, V. 18), und seit Tausenden von Jahren hat Er sich von uns zurückgezogen und wartet, daß man ihn suche, und es sucht ihn Keiner!"

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