Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 46 (7.6.1900)
- Date
- 1900-06-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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941 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Halberstadt. (Moderne Vereinsmeier e i.) Wohin wir heute unsere Blicke lenken, überall machen wir die Wahrnehmung, daß sich jüdische junge Leute zu neuen Vereinen zusammenschließen, zu Vereinen, die unter den mannigfaltigsten Namen, im Großen und Ganzen nur den einen Zweck verfolgen, das gesellige Leben und die wissenschaftlichen Bestrebungen der jungen Leute zu fördern und ihr jüdisches Nationalbewußtsein zu heben. Man ist eben allmälich zur Einsicht gekommen, daß das schmeichlerische und schweifwedelnde Umwerben unserer christlichen Mitbrüder nicht den gewünschten Erfolg gehabt hat, man hat eingesehen, daß man nur geduldet ist, wo man sich gleichberechtigt glaubte und hat daraus den sehr richtigen Schluß gezogen, daß es unter diesen Umständen bester sei, ein gleichberechtigter Factor in einem jüdischen Verein, als ein untergeordnetes Glied in einer christlichen Vereinigung zu sein, in welchen den Juden einerseits der Eintritt erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, und ihnen andererseits der Aufenthalt bald genug verleidet wird. Diese Verhältnisse sowohl, als auch, was kaum zu leugnen ist, die Agitation der Zionisten, haben das Ihrige dazu beigetragen, die Juden in jüdische Vereine zu drängen. Leider wird jedoch bei der überwiegenden Anzahl dieser in's Leben zu rufenden und neu gebildeten Vereine ein sehr falsches Princip zur Anwendung gebracht, denn der erste und Hauptparagraph der Statuten lautet gewöhnlich: „Eine jede Discustion über religiöse Fragen ist strengstens „untersagt." Ueber Alles darf in solchen Vereinen geredet und gesprochen werden: Ueber „Die Stellung der jüdischen Handlungsgehülfen" und über den „Kaufmann von Venedig," über die „Psalmen" und die „Zündholzfabrikation," aber beileibe nicht über unser Judenthum und unsere Religion: Brennende jüdische Tagesfragen, die auf aller Lippen schweben, die die Gemüther anregen und aus ihrer Trägheit aufrütteln, — sie dürfen nicht berührt werden, damit man ja keinen Anstoß erregt; unsere heutige jüdische — oder unjüdische — Lebensführung oder Auffassung vom Judenthum zu berühren, verstößt „wider den guten Ton und das Tactgefühl," wenn man einen Vortrag über einen Propheten hält, so darf dies nur vom historisch-geschichtlichen Standpunkte aus geschehen. Wehe dem, der es wagen sollte, die Worte des Propheten, die uns so modern anmuthen, wie die Worte unserer jüngsten Tagesschriftsteller, mit den heutigen Zuständen zu vergleichen, und auf unsere heutige Zeit anzuwenden, das darf nicht sein, denn man könnte die unreligiösen Elemente vor den Kopf stoßen, was unter allen Umständen vermieden werden muß. Nach außen hin und scheinbar muß eben Friede, Freude und Eintracht herrschen, und wenn die Gegensätze zwischen den einzelnen Mitgliedern auch noch so schroff und unvereinbar sind, im Verein muß alles friedlich beisammen sitzen, und Jeder sich bei Vorträgen und der Besprechung solcher nur von dem Gesichtspunkt leiten lasten, das friedliche Beisammensein der „verschiedensten Richtungen im Judenthum" zu ermöglichen. Es ist in der That sehr bedauerlich, daß man allerorten streng-religiöse und gute Elemente des Judenthums mit an diesem Strange ziehen sieht. Wozu diese Heuchelei, dieser unwürdige und unfreie Zustand, der es untersagt, unter Juden unsere Meinung über jüdische Angelegenheiten freien Ausdruck zu verleihen? Was kann es denn schaden, wenn wirklich einmal in einer Frage die Geister aufeinander platzen? So lange die Debatten nicht persönlich werden, dürfen wir uns nie und nimmer unser gutes Recht rauben lassen, unsere Meinung frei und offen zu äußern, selbst auf die Gefahr hin, bei dem einen oder anderen einem spöttischen Lachen um die Mundwinkel oder einem verächtlichen Nasenrümpfen zu begegnen. Ein solcher Zustand ist eines freien Menschen unwürdig; lieber gar keine jüdischen Vereine, als solche Conventikel mit gesetzlich geschützter Kirchhofsruhe, die mit dem Spürsinn der Alterthumsforscher in unserer Geschichte herumstöbern, und unseren Glauben und unser Wissen als ein „Kräutchen rühr mich nicht an" betrachten, das vor jedem frischen Luftzug wie ein krankes Kind behütet werden muß. A. S. W O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Budapest, 31. Mai. Die Chewrah-Kadischah der hiesigen großen Kultusgemeinde hielt dieser Tage ihre Generalversammlung ab. Aus dem Jahresberichte geht hervor, daß die Einnahmen und Ausgaben über eine Million Kronen betrugen. Eine gleiche Summe wurde für das laufende Jahr präliminirt. Ueberraschen muß es aber, daß die großen Herren dieser Institution so kleinlich sind, die winzige Chewrah-Kadischah der orthodoxen Gemeinde mit neidischem Blicke zu behelligen, lediglich aus dem Grunde, weil auswärtige gesetzestreue Juden bei Sterbefällen die Dienste der neologen Chewrah-Kadischah nicht annehmen wollen. Es war wirklich nicht großmüthig, die Orthodoxen dieserhalb beim Minister zu verklagen. -Vermischtes. *3- Jerusalem. Von der Verwaltung des Allgem. Deutsch Israel. „Bicur-Cholim-Hospital", erhalten wir einen dringenden Aufruf zur kräftigen Unterstützung desselben. Die Zahl der Kranken nimmt immer mehr zu. Die Preise für die Medicamente sind steigend, während anderseits die Spenden für diese hochwichtige und äußerst wohlthätige Institution im Abnehmen begriffen sind. Wir hoffen, daß dieser Appell an den WohlthätigkeitSsinn unserer Glaubensgenossen reiche Früchte tragen werde.