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Der Israelit · 1900-06-07 · Heft 46 (7.6.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 46 (7.6.1900)
Date
1900-06-07
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41. Jahrgang. Zweite Beilage M M 46 des Jfsrattit“. Leitender Artikel. Ms ich non meinen Slinkrn lerne. Bon Bezirkörabb. Dc. Ehrmann, Baden (Schiveiz). (Fortsetzung und Schluß.) „Die .Binder schütteln, selbst wo ein gewaltsamer Eingriff in ihre naturwüchsige Heiterkeit dieselbe stört, ihr Weh leichter ab, als die Erwachsenen es vermögen." Es ist dies eine für den Umgang mit Kindern nickt genug zu beachtende Thatsache. Sie kennen nichts Böses, vor allem aber tragen sie keinen Haß nach. Der Erzieher, welcher ein Kind zu strafen genöthigt ist, wird von der Strafe mehr und länger verbittert als dieses selbst. Unbeschadet der heilsamen Folgen einer vernünftigen Strafe, ist diese selbst mit dem Schmerzgefühl für das .Kind abgeschlossen. Es trägt dem gerecht und auf rationelle Weise strafenden Erzieher keinen Groll nach, es kann ohne Selbstüberwindung wenige Mimrten nachher die strafende Hand mit der alten Innigkeit küssen und hat absolut kein Berständniß dafür, wie man Haß im Herzen pflegen kann. Wo dies im vorgerückten .Kindesalter nicht mehr der Fall ist, hat das Beispiel der Großen seinen unseligen Einfluß bereits geltend gemacht. Es gehört nur ivenig Unvernunft dazu, dem Kinde die himmlische Gabe des Bergessens aller Widerwärtigkeiten zu entwinden und ihm das Gift des Grolls und der Tücke beizubringen. Es bedarf für das Kind nur weniger Stunden, oft nur weniger Minuten, um alles Trübe zu vergessen. Mit jedem neuen Tag beginnt für das Kind ein neues Leben, welches durch keine Spur von dem Weh des gestrigen Tages verunstaltet wird. Wer nun dem Kinde fiir sein heutiges Bergehen, statt einer sofort abgeschlossenen Strafe eine fortgesetzte, z. B. mehrtägigen Hausarrest gibt, der läßt sich in der Auffassung des so bestraften Kindes eine vollendete Unbegreiflichkeit und daher eine umnotivirte Härte zu Schulden kommen. Es fanu nicht begreifen, wieso es in der ganz neuen, heutigen Aera noch für die Sünden der bereits abgethanen, gestrigen büßen soll. Es muß in diesem Borgehen eine Vergewaltigung erblicken; es sieht seinen Erzieher Strafe und Korn nachtragen für ein bereits gestern begangenes, vergessenes Unrecht, und — lernt es ebenso inachen. Nirgends auf Erden erscheint das Ebenbild Gottes getrübter, als in der Brust, in welcher die schwarzen Nachtgedanken des Grolles und des Hasses nisten und nirgends tritt es herrlicher und herzgewinnender auf, als in dem Leben des Kindes, dessen Fähigkeit, zu vergeben und zu vergessen, nur von Gottes himmlischer Liebe und Gnade übertroffen wird. Nur weil sie ihrem göttlichen Ursprung näher stehen, üben Kinder die Tugend, alles Leid zu vergessen und alles Unrecht zu verzeihen, so leicht und so gern. Und nur in dem Maße, in welchem die Erwachsenen durch Zurückdrängen des Göttlichen in der Brust diesem Ursprung entfremdet werden, wird an Stelle kindlicher Heiterkeit scheuer Ernst der Grundzug des ganzen Lebens und Strebens. Wie sichern sich nun Kinder den beglückenden Besitz dieses göttlichen Angebindes? Ein Blick auf meinen kleinen Pädagogen belehrt uns so vollständig darüber, daß man die daraus resultirende Wahrnehmung generalisirend in die Bemerkung fassen kann: „Kinder sind immer beschäftigt, sie können nicht müßig gehen." Ich habe noch nie ein normales, gesundes Kind sich selbst überlassen gesehen, ohne daß es rastlos thätig gewesen wäre. Wie ein perpetuum mobile gef^t das von früh bis spät. Als ob sie nicht Blut, sondern Quecksilber oder lebendige Ameisen in den Adern hätten, Hüpfen, springen, reißen, bauen, lachen, fragen, essen und trinken sie, bis der Schlaf ihnen die Augen schließt. Diese fortwährende Arbeit und die Art und Weise, wie sie dieselbe betreiben, ist es, die ihnen das Leben süß macht und erhält. Oft muß ich staunend stille stehen, vor der Emsigkeit, Gründlichkeit, Hingebung und Beharrlichkeit, mit tvelcher zarte Kinderhändchen ihre Hantirungen verrichten. Dieser bienenartige Fleiß, der sie Steine, Gläser, Lappen und alles Mögliche und Unmögliche sammeln läßt, dieser innere Wissensdrang, mit dem sie die Blume zerpflücken, ein Bild zerschneiden, ihre Trommel zerschlagen und den Spiegel zertrümmern, nur um zu erfahren, „was darin ist" und „wie es inwendig aussieht," die mütterliche Sorgfalt für die Puppe, die Ausdauer bei der Aufstellung des Baukastens, diese zahlreichen, mit der wichtigsten Miene der Welt ausgeführten Geschäfte lassen keinen Sinn und, was noch mehr ist, keine Zeit zu Launen und morgen. Das Kind geht so vollständig in dieser seiner Thätigteit auf, daß es Vergangenheit und Zukunft darüber vergißt, daß es nur den Augen blick ausnützt, diesen dafür aber voll und ganz genießt. Wer aber unbekümmert um Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart mit vollen Zügen genießen kann, der ist glücklich. Deßhalb nennt unser Sprachgebrauch eine freudige Veranstaltung, die den Augenblick f e st : halten möchte, damit er weder der Vergangenheit verfalle, noch früher der Zukunft angehöre, sondern in der Gegenwart ganz und gar durchgekostet werde — Fest. Das Fest will die dahinfliegende Zeit an den Fittichen sesthalten und sie sich auf diese Weise dauernd anekgnen, weil in dieser dauernden Aneignung das vollendetste Glück wurzelt und gipfelt. In Wirklichkeit sind jedoch

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