Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 46 (7.6.1900)
- Date
- 1900-06-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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MWWWWW §32 durch die Gemeinden nicht Alter und Verdienst den Ausschlag gäben, sondern derjenige, „der am schönsten singe," gewählt würde. Auch seien ihm Klagen darüber zu Ohren gekommen, daß Männer der Hochfinanz der Oberkirchenbehörde als Mitglieder angehörten, welche den Fragen, um welche es sich dort handle, nicht das nöthige tiefe Verständniß und Interesse entgegenbringen könnten, welches von den Mitgliedern der Kirchengemeinden vorausgesetzt werde. Hierauf ergriff der Chef des Departements des Kirchen- und Schulwesens. Herr v. Weizsäcker, das Wort: Die Gesetzgebung von 1828 sei eine sehr wohlthätige und segensreiche gewesen für ihre Zeit; jetzt sei dieselbe, theoretisch betrachtet, freilich veraltet. Sie habe einen etwas patriarchalischen Charakter. Einige Bestimmungen über das Aufsichtsrecht der Oberamts¬ und der Oberkirchenbehörde wurden in dieser Richtung hin beleuchtet. Trotzdem diese Mängel erkannt werden, bestehe aber immerhin kein praktisches Bedürfniß, dieselbe abzuändern, denn Mißstände seien nirgends hervorgetreten, auch die Petenten hätten keine vorgebracht. Ueberdies hätte die Israel. Oberkirchenbehörde die bestehenden Gesetze stets in liberaler Weise ausgelegt und wäre immer bestrebt gewesen, den Wünschen der Gemeinden in jeder Weise auf das Wohlwollendste entgegenzukommen. So würden die Gemeinden gehört, ob sie einen Rabbiner als Vorsänger wollten u. dergl. Auch sei die Zahl der Petenten (ca. 170) gegenüber der gesammten israelitischen Bevölkerung des Landes (12—13 Tausend) eine verschwindend kleine und nur Ulm, Göppingen und Tübingen hätten Unterschriften geliefert. Redner erklärte sich aber gerne bereit, in eine Erwägung der Angelegenheit einzutreten und mit den zuständigen Stellen sich in's Benehmen setzen zu wollen. Die Erwägungen würden hauptsächlichst dahin zielen müssen, daß in ökonomischen Dingen eine größere Autonomie der Gemeinden anzustreben sei. Ganz besonders betonte der Minister, daß an diese Dinge der Staat nur mit großer Vorsicht gehen dürfe und daß vor allem die Wünsche der betr. Glaubensgenossen zu berücksichtigen seien. Darauf nahm er die angegriffenen Mitglieder der Oberkirchenbehörde in Schutz und hob hervor, wie dieselben die Geschäfte ihres Ehrenamtes mit ankennens werthem Eifer und Interesse verwalteten und zwar vollständig unentgeltlich. Es folgten Herr Abg. S ch i ck - Laupl)eim, der einer Revision kräftig das Wort redete und eine solche für aussichtsvoller hält, als die im Jahre 1869 versuchte. Herr Abg. Betz- Heilbronn bemängelte insbesondere die Art der Besteuerung, die in den Gemeinden üblich sei (Vermögenssteuer) und hob das Ungerechte derselben hervor. Auch Abg. v. Gaß- Eßlingen ist für Wiederaufnahme der Revision. Herr Abg. R e m - b o l d trat für das Recht auf Autonomie der Gemeinden ein. Zuletzt erklärte Herr Abg. Rußbaumer, daß er mit seinen Ausführungen keinen Tadel von Mitgliedern der Qberkirchenbehörde beabsichtigt habe. Die Petition wurde nach dieser einstündrgen Debatte einstimmig der Kgl. Regierung zur Erwägung überwiesen. Von dem Tone, der in der Kammer herrschte und in den Reden der Abgeordneten zum Ausdruck kam, mußte man angenehm berührt sein. Aus allen Reden klang ein Wohlwollen für die Israeliten heraus, die Anerkennung der Thatsache, daß sich dieselben in jedweder Weise ihrer Emanzipation und staatsbürgerlichen Rechte loürdig gezeigt hätten, die Geneigtheit, auf ihre Wünsche einzugehen und nichts zu beschließen, was denselben entgegenstände. Ganz besonders war die Haltung des Kultusministers eine wohlwollende, liberale und entgegenkommende. Der Sitzung wohnte am Regierungstisch auch Herr Ministerialrath Kern, Präsident der Jsr. Oberkirchenbehörde, an. Der Sitzungssaal war gut besetzt, die Tribünen nur mäßig, und es wäre ein größeres Interesse unserer Glaubensgenossen zu erwarten gewesen. Die Angelegenheit ist mit dem obenerwähnten Beschlüsse der Kammer in Fluß gekommen. Was nun zu thun sei, damit die Gesetzestreuen nicht in den Hintergrund gedrängt werden von der andersdenkenden Majorität? Sich zusammenthun, über ihre Wünsche sich zu einigen, eine Vertretung wählen, die ihre Wünsche zum Ausdruck bringt. Aber keine Zeit verlieren! Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Könitz, 1. Juni. In der Konitzer Mordsache wechseln die Nachrichten von einem Tag zum andern. Trotzdem der Schlächtermeister Hofsmann auf freiem Fuße belassen ist, soll doch der Verdacht der Täterschaft weiter auf ihm lasten. Neuerdings hat ein Gasanstaltsarbeiter Masloch, der bereits früher der Behörde Angaben über den Mord gemacht und insbesondere den Schlächter Levy belastet hatte — Beschul digungen, die sich später als unhaltbar erwiesen haben — den Letzteren aus's Neue verdächtigt. Masloch wollte bei einem nächtlichen Fleischdiebstahl, den er im Levy'schen Hause vorgenommen zu haben angibt, be obachtet haben, wie drei Männer ein schweres Packet unter Begleitung Levy's zum See hinabschafften. Seine Aussage hat sich jedoch bei weiteren Verhören als so widerspruchsvoll und unglaubwürdig herausgestellt, daß ein Verfahren wegen Meineids gegen ihn bevorsteht. — Die Ausschreitungen, die letzte Nacht stattfanden, haben sich nach Einrücken des Militärs (11. Komp, des 14. Jnf.-Regts. Graf Schwerin) nicht mehr erneuert. Eine große Volksmenge hatte sich Mittwoch Abend in der Danzigerstraße versammelt, in der (irr-