Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 46 (7.6.1900)
- Date
- 1900-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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933 thümlichen) Vermuthung, daß Hoffmann verhaftet sei; einige Fensterscheiben wurden eingeworfen. Das Militär säuberte mit aufgepflanztem Seitengewehr die Straßen. Drei Personen wurden dabei festgenommen; sie werden wegen Landfriedensbruchs belangt werden. Der Rest der Nacht verlief ruhig. Nach einer dritten Seite führt eine Spur, infolge deren der Schneider Plath (der früher schon vernommen worden ist) und der Lehrer Weiche! lange Verhöre zu bestehen hatten. Alle Angaben über die Untersuchung, wie alle übrigen Meldungen überhaupt sind aber höchst unsicher. — 1. Juni. Mit dem Mord in Könitz suchen die Antisemiten fortgesetzt politische Geschäfte zu machen. Der antisemitische deutsche Volksbund hat vorigen Dienstag in Berlin eine Versammlung abgehalten, in der die wisienschaftliche Untersuchung und amtliche Uebersetzung der Geheimlehren der Juden gefordert wird, und zwar mit der Begründung, daß die „versammelten etwa 900 deutschen Männer u. Frauen durch die wiederholt an christlichen Mädchen und Knaben verübten Verbrechen im höchsten Maße beunruhigt" seien. Prof. Förster warnte vor einer Glorifizierung des ermorderten Gymnasiasten Winter, da keine Veranlaffung vorliege, den Ermordeten zu einem antisemitisechn Märtyrer zu machen, um so weniger, als dieser sich bedauerlicher Weise mit jüdischen Mädchen eingelassen habe. Der Antisemit v. Mosch verstieg sich zu der Behauptung, daß jährlich fünf bis sechs Dutzend Ritualmorde zu verzeichnen seien, bei denen die Thäter unentdeckt blieben. Den Beweis für diese aufregende Behauptung blieb v. Mosch schuldig. Auch bezüglich des Konitzer Mordes ist noch Alles im Dunkeln. Der sistirte Schlächter Hoffmann und seine Tochter sind bereits wieder aus der Haft entlasten worden. Die Kreuzzeitung erklärt denn auch am Mittwoch Abend, es scheine ihr auch heute noch zu früh zu sein, in irgend einem Sinne ein Urtheil über den Konitzer Mord abzugeben, denn nach dem, was vorliege, lasse sich nicht behaupten, daß schon irgend etwas feststände, was den hervorgetretenen Verdachtsmomenten einen hinreichend sicheren Boden darböte. — 1. Juni. Das Militär wird verstärkt, weil weitere Unruhen befürchtet werden. Bürgermeister Deditius hat einen längeren Urlaub angetreten. Zwei Kriminalbeamte werden in den nächsten Tagen nach Berlin zurückkehren. In der Untersuchung scheint Stillstand eingetreten zu sein. — Heute Abend herrschte ziemliche Ruhe. Die Polizeiverwaltung erließ heute eine Bekanntmachung, dahingehend, daß, falls die Menge sich gegen das Militär widersetzlich benehme, dieses von der Schußwaffe Gebrauch machen würde. Die Polizeiverwaltung brachte ferner die Aufruhr- und Landfriedensbruchparagraphen zur öffentlichen Kenntniß. Der Landrath bewegte sich zu Pferde unter der Bevölkerung und sprach beruhigende Worte. Die Gastwirthschaften und Schanklokale müssen bis auf Weiteres Abends um 9 Uhr geschlossen werden. Köln. Nach dem Jahresbericht des „Westdeutschen Vereins für Israel in Köln" wurden in diesem Jahre acht Personen zu Proselyten gemacht. Ein Elektrotechniker trat im letzten Augenblick wieder zurück, ebenso eine Dame aus dem Westen. Die Einnahmen betrugen im vergangenen Jahre Mk. 19,519. Davon sind Mt. 13,671 freiwillige Spenden für den „heiligen" Zweck. Für Missionsprediger und sonstige Seligmacher sind Mk. 14,346.60 ausgegeben worden und für Reisekosten Mk. 1842.17. Aus einer kirchlichen Statistik, die mir zufällig in die Hände kam, entnehme ich, daß von 1889—1897 3734 Juden das Evangelium angenommen haben. Die meisten Früchte zeitigt die edle Proselytenmacherei in Sachsen und Hamburg. Am wenigsten Wurzel schlug bis jetzt das „einträgliche Geschäft" in der Provinz Posen u. in Elsaß-Lothringen. Ems, 23. Mai. (Lehrerinnen - Heim in Bad Ems.) Der Vorstand des Lehrerinnen- Heims in Ems konstituirte sich am gestrigen Abend im Hause „Königin von Holland" in folgender Weise: Vorsitzender: Herr med. E. Aronsohn; erster stellvertretender Vorsitzender: Herr Kurkommissar Oberst a. D. von W i l l i ch; zweiter stellvertretender Vorsitzender: Herr Stadtverordneten - Vorsteher Schmitt (Englischer Hof); Kassirer: Herr Stadtverordneter I. Kirchberger, Banquier; stellvertretender Kassirer Herr Stadtverordneter Rücker (Prince of Wales); Schriftführer: Herr Oberlehrer Wolfs. Herr Oberst v. Willich gab in dieser Sitzung die erfreuliche Erklärung ab, daß die Lehrerinnen von der Bezahlung der Kurtaxe befreit sein werden, so daß sie hierdurch auch für die Eisenbahnfahrt Ermäßigung des Fahrpeises erhalten. Der Verein hatte auch die Ehre, daß Herr Oberst Knorr, der ehrwürdige zweite Großmeister der Royal Jork-Loge in Berlin, der Sitzung beiwohnte, die Statuten mitberathen half, dem Gründungskomitee als Mitglied beitrat und die möglichste Förderung der guten Sache versprach. Dem Gründungskomitee gehören noch an die Herren: Geheimer Medizinalrath Prof. Dr. B. F r ä n k e l, Geheimer Medizinalrath Prof. Dr. E. v. Leyden, Geheimer Medizinalrath Prof. E. v. Bergmann und Kommerzienrath B. L ö s e r in Berlin. Für das Lehrerinnen-Heim ist heute das Haus „Burg Stein" angekauft worden. Dieses große, massive, Ecke der Alexander- und Badhausstraße, neben der königlichen Badeanstalt und gegenüber der neuen evangelischen Kirche gelegene Haus hat 18 große, hohe Zimmer, einen schönen Speisesaal, mehrere Balkons, fünf geräumige Mansardenzimmer und ist sofort zu beziehen. Die Anstalt ist gegründet für kurbedürftige Lehrerinnen, Erzieherinnen, Gesangsschülerinnen etc. jeder Konfession und jeder Nation. Die Lehrerinen etc. erhalten vollkommen freie ärztliche Behandlung und freie Wohnung, Bäder und Jnhallationen und zahlen nur, soweit sie auf Stipendien oder Freibetten keinen Anspruch haben — drei Mark täglich für Verpflegung,