Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 44-45 (31.5.1900)
- Date
- 1900-05-31
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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912 giebt, der das ausnimmt, was der Meister noch übrig gelassen hat, nämlich die Bearbeitung der anonymen Bestandtheile der agadischen Literatur. Wir freilich wünschten, daß der Verfasser selbst trotz der Fülle seiner anderen wissenschaftlichen Arbeiten Zeit und Muße fände, sein ruhmvoll bis jetzt durchgefühltes Riesenwerk selbst vollständig abzuschließen. Ueber den großen Werth des Bacher'schen Werkes für die Freunde der Hagada, besonders für Diejenigen, welche dieselbe in der Ursprache nicht lesen können, sowie für Geschichtsforscher bezüglich der inneren Geschichte des ZeitalUrs der Tannaim und Amoroim haben wir bei der Besprechung des vorigen Bandes unser Urtheil abgegeben- Wir wollen hier nur wiederholen, daß wir alle Theile des Gesammtwerks weitesten Kreisen warm zur Anschaffung und Lektüre empfehlen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hanau, 28. Mai. Letzten Samstag Abend tagte hier eine zahlreich besuchte Gemeindeversammlung mit der verlockenden Tagesordnung: 1. Stellungnahme zu der bevorstehenden Rabbinerwahl, 2. Stellungnahme zu dem Stand des jetzigen Vorsteheramts. Ich kam leider schon etwas zu spät — wahrscheinlich war der hup für die Herren Einberufer der Versammlung etwas früher ausgegangen als für uns — aber doch noch früh genug, um folgenden genußreichen Ausführungen des Herrn Referenten lauschen zu können. Mit mächtiger Stimme trug er vor: „Hüten wir uns vor den orthodoxen Fanatikern, wir können keinen orthodoxen Rabbiner gebrauchen. Die sind ja doch nur Proselytenmacher. Das sieht man an den Früchten in Fulda. Die dortigen Kinder dürfen nicht nach auswärts reisen, denn dort könnten sie n*nt5 essen; und was noch schlimmer ist, dort haben sie auch eine israelitische Volksschule, das ist doch wirklich unerhört. Alles das steht auch uns bevor, wenn wir einen orthodoxen Rabbiner bekommen. Nein, einen solchen können wir nicht gebrauchen. Wir müssen einen Rabbiner der Horwitz'schen Richtung haben, wie z. B. Dr. Goldschmidt—Offenbach l Fragen Sie doch nur die Gemeinden Steinheim u. s. w., wie glücklich diese sind unter einem solchen toloranten Rabbiner". Diese Rede hat selbstverständlich „gezündet" und wurde mit Beifall und Händeklatschen anfgenommen. Einige andere Gesinnungsgenossen aus der Versammlung führten nuu weiter aus, daß es höchst wichtig sei, daß die Gemeinde einig bei den königlichen Behörden vorstellig werde, daß wir einen liberalen Rabbiner bekommen, wie diesen die Gemeinde nöthig habe. Vollkommen schloß sich diesen auch der derzeitige Vorsitzende der Vorsteheramts der Israeliten an. Er schloß mit dem schönen Wortspiel in Hanauer Mundart: „Lieber kan (keinen) als Cahn (Fulda)". Allgemeines Bravorufen war der Lohn deS geistreichen Redners. Als sich darnach zwei andere Leute erhoben, um die Nothwendigkeit eines orthodoxen Rabbinen darzuthun, wurde ihnen alsbald von dem Leiter der Versammlung das Wort abgeschnitten, mit der Begründung, sie müßten sachlich sprechen. Natürlich, wer seine Stimme nicht für den alleinseligmachenden Liberalismus erhob, der spreche nicht zur Sache! Die Versammlung gipfelte darin, daß ein Comite von fünf Leuten gebildet wurde, welches für die Gemeinde bei den Behörden die nöthigen Schritte unternehmen soll.- Ein Trost ist uns wenigstens geblieben, daß sich in dies Comite auch unser als orthodox bekannter Gemeindeältcfter Herr Anselm Fürth ’"J wählen ließ. Mit Gottes Hilfe wird es einer orthodoxen Mehrheit des Vorsteheramts der Israeliten und der Thatkraft unseres Rabbinatsverwesers, Provinzial-Rabbiner Herrn Dr.Cahn zu Fulda, gelingen, die Pläne der sogenannten Liberalen zu vereiteln und das Rabbinat für uns und die 33 frommen zugehörigen Landgemeinden wie bisher unterorthodoxer Führung zu erhalten. Stolp (Pommern), 28. Mai. Ueber die Krrwalle, die hier vorgekommen sind, berichtet die „Ostsee Ztg.": ,,Jn dem Kontor einer Kohlenhandlung in der Langenstraße hatte sich ein Arbeiter des Hausfriedensbruch schulvig gemacht und es hatte ein Polizist zur Hilfe geholt werden müssen, der die Verhaftung des Excedenten vornehmm wollte; der Arbeiter aber widersetzte sich und stach schließlich mit einem Messer auf den Polizeibeamten ein, der seinerseits von der blanken Waffe Gebrauch machte. Es wurde weiter polizeiliche Hilfe herangezogen und der Arbeiter in das Polizeiwahrsam gebracht. Dieser Vorfall spielte sich um 6 Uhr Abends ab. Er hatte eine Menge von Leuten angezozen, die zum Theil für den Arbeiter Partei nahmen. Ihre Schaar wuchs im Laufe des Abends immer mehr an; sie demonstrirten vor der Polizei, durchzogen die Straßen, stießen antisemitische Hetzrufe aus und zertrümmerten in einigen Läden jüdischer Kaufleute die Fensterscheiben. Die Polizei war dem Treiben gegenüber machtlos, und man wandte sich daher schließlich an den Kommandirenden des Husarenregiments, der eine Schwadron zu Pferde und mit blankgezogenem Säbel gegen den Haufen aussandte, indem er die Gewalt über die Stadt in die Hand nahm. Gegen 10 Uhr waren die Straßen gesäubert und der Tnmult zu Ende." Oesterr.- Ungar. Monarchie. Wien, im Mai. Wie alljährlich hat die hiesige Cultusgemeinde zur würdigen Einleitung des kommenden Wochenfestes am — Himmelsfahrtstage! eine Mädchen-Confirmation veranstalten lassen. Die beiden Herren Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n und Dr. Schmiedl wurden mit der Durchführung des uns sonderbar scheinenden Aktes betraut. Ersterer gab in seiner Ansprache unumwunden zu, daß der-