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Der Israelit · 1900-05-31 · Heft 44-45 (31.5.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 44-45 (31.5.1900)
Date
1900-05-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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904 lieben, Milde üben, in Dcmuth wandeln mit deinem Gott!" Jesaias hat eine noch kürzere Formel ausgestellt npnx uwa n „Strebet nach Gerechtigkeit, wirket im Geiste der Liebe!" Amos fand endlich die allumfassende Einheit: rm mim-. „Folget mir nach und lebet nach meinem Vorbild!" Diese gewaltige Aufgabe, die Heiligung Gottes in der Heiligung unseres Lebens zu bekunden, welche ein andrer Prophet in den kurzen Satz faßte v>mpn ^xn npn» ttnp: „Der heilige Gott will geheiligt werden durch gerechten Wandel" und ein Rabbi kernhaft lehrt in der Mahnung e:ssw er» D'trtpo ax „heiligt Euch, so heiligt ihr mich", hat nun bei ihrer Verwirklichung eine Fülle von Schwierigkeiten zu überwinden. Das Leben mit seinen vielseitigen Anforderungen und Kämpfen lenkt unfern Geist mannigfach von seinem Ideale ab, es war daher nöthig, das ganze Dasein des Juden mit gesetzlichen Vorschriften zu durchflechten, die jede Arbeit und jeden Genuß begleiten und sein ganzes Streben verklären, sein Wirken mit Heiligkeit umhauchen, sein Schaffen in Heiligkeit tauchen und selbst über das Gemeine und Sinnliche Weihe und Reinheit gießen. Durch die Grenzen, die von der Religion dem Wirken und dem Genießen gezogen werden, gewinnt unser Leben allgemach eine ideale Ausgestaltung, und es ist ein feiner Zug rabbinischer Schriftdeutung, wenn der Midrasch Noomis Worte “jbs 'zbn *>mz „wohin du gehst, gehe auch ich", als einen Hinweis auf die Schranken auffaßt, welche Israels Glauben überall dem Eigenwillen aufftellt nzv a*<nr. *]b t.bx. Durch die ständige Begleitung von Ge- und Verboten wird in dem Juden allgemach ein wunderbares Feingefühl für Erlaubt und Unerlaubt, für Gut und Böse gezüchtet, es wird sein Empfinden für Pflichterfüllung und Pflichtverletzung bis ins zarteste entwickelt, und indem alle Lebensregungen, jedes Werk und jede Ruhe, jedes Leid und jede Freude, die Höhen des Lebens und die Niederungen des Daseins, mit gottgewollten Mizwosthaten erfüllt werden, gewinnt sein Ecdenwandel jene Abklärung und Harmonie, die wir in täglicher Andacht erbeten: ■pe* nan*6 uzzb -im „Mache einig, erfülle ganz unser Herz von Liebe und Verehrung zu deinem Namen." In diesem Sinne ebnet die Thora mit all ihren Normen unseres Lebens Wege, um sie dem großen Hochziel der npnp zuzuwenden »m ^bo x^x rmx mmn bz und es wird uns immer klarer, wie die Religion Israels sich vollends untreu werden müßte, wenn sie sich damit begnügte, subjektive Herzenssache zu werden, eine Art Leukotheaschleier, in den sich jeder nach Belieben hüllen und darin träumend dem Wogengebrause des Lebens überlassen kann. Eine der schönsten Folgen des HeiligkeitsstrebenS ist die wachsende Kraft der Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, jene hingebende Liebe, wie sie Abraham ibn Esra mit seiner Schriftdeutung -paa -m*? ranw „Du sollst so viel Gutes Deinem Nächsten erstreben als Du Dir selbst wünschst" uns ans Herz legt. Nachdrücklich wird in einer überaus dunklen Midraschstelle die selbstlose Liebe als Krone des religiösen Baues hingestellt 'nrp*6 nby nu>a. Mose hat dreimal heilige Himmelshöhen erstiegen, einmal nmtm als er seine Sinnlichkeit abgetödtet hatte, zweitens vnw ppi;tra als er sich von den Schlacken menschlicher Jrrthümer und Voruriheile geläutert hatte, und drittens ,-ra»yx "n» ibxjiw als er jene opferreiche Liebe gegen Israel geübt, die zu sprechen vermochte: "peaa xj ’jna „Tilge mich lieber aus Deinem Buche, als daß mein Volk zu Grunde gehen soll!" Derselbe Amoräer, der als Ziel der Religion die Nacheiferung Gottes in der Heiligkeit hinftellt, betont auch den Geist der Liebe, der alle Lehren der Thora durchweht: nr6nn mm tr: “Bia* n*: „ihr Anfang und Ende ist Menschen' freundlichkeit". Vom Gedanken der Liebe sind alle Mizwos getragen nicht nur die Gebote, deren bloßer Wortlaut schon Liebe kündet, wie die Vorschriften über Wohlthätigkeit, über Thierschutz, auch im Sabbatgebot ist des Knechtes, im Festgesetz des Fremden gedacht. Und wenn uns die Speisegesetze an Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung gewöhnen, wenn sie uns lehren, entsagen und verzichten zu können, so vermögen auch sie uns empfänglicher zu machen für die Lehren der Hingabe und Selbstlosigkeit. Daß das Judenthum eine Lehre der Liebe ist nan mm wird wohl zugestanden, daß es aber diese Liebe allen Menschen unterschiedslos zu zollen heißt, wird von der Böswilligkeit bestritten trotz der Wucht von Beweisstellen für die allesumschließende Menschenliebe Israels. An nicht weniger als 36 Stellen der Schrift wird jede Kränkung des Fremden — selbst nur durch lieblose Worte — verboten. D;r Talmud nennt sogar den, der des Fremden Recht beugt, ein Gottesleugner. Dmn auch die Nichtjuden sind Kinder Gottes, sie sind die Pflanzungen des Ewigen wie Israel jrmx V?x ama rmrb und ihre Frommen werden liebliche Rosen genannt wie die Gerechten in Juda vna n'pnjs )bs e’äw wpbb\ Hat einer der bedeutsamsten Kirchenväter die Tugenden der Heiden glänzende Laster genannt, so hat der talmudische Zeitgenosse dieses Mannes im Gegensatz zu solcher Engherzigkeit die Wohlthätigkeit der Nationen als Gottwohlgefälliges Sühnopfer gepriesen rxiin b'öix^ -ian und gerne ward in den jüdischen Schulen als ein leuchtendes Beispiel treuer Elternverehrung auf den Heiden Dama ben Retina gewiesen. Und ungefähr zu der Zeit, als die Scholastik durch Vernünftgründe zu erhärten suchte, daß alle Verwerfer der Dreieinigkeit ewiger Verdammnis anheimfielen, hat der geistreiche und wahrheitsliebende Enkel Raschis Rabbi Samuel ben Meir

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