Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1900)
- Date
- 1900-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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883 Hamidrasch Herr Isidor Lamm im Alter von 44 Jahren. Derselbe war ein sehr pfl'.chtg-'lrcuer Beamter und führte in religio [er Beziehung einen tadellosen Leben-Windel. An dem Leichenbegängnisse betheiligte sich ein ungewöhnlich zihlreichrs Publikum. Dr. Salomon Funk hielt eine ergreifende Rede, in welcher er der hervorragenden Tugenden des Verblichenen gedachte. Wer diesen kräftigen Manne gekannt, der hätte nicht gedacht, daß er sobald alldem irdischen Leben abderufen werden wird. Die Nachricht von drm Ableben des sonst vollkommen gesunden Mannewirkte umso überraschender, da das Kranksein nur V2 Tag währte. Der fast plötzliche Tod gab aber anch den dortigen Antisemiten Gelegenheit die unsinnigsten Gerüchte zu verbreiten, welche jedoch diesmal bei der Volksmenge wenig Beachtung fanden. Jedoch wurde von der Staatsanwaltschast gegen einen Schneider, der lange Jahre von den Juden seinen Lebensunterhalt hatte, die Anklage erhoben, weil er die verleumderische Nachricht verbreitete, daß Lamm seinem Leben ein Ende gemacht, weil er ein Christenkind ermordete und sich vor der Strafe fürchtete. Selbst die christliche Berölkerung ergreift ob einer solchen Verleumdung W.derwillen, weil sie von der Ueberzeugung au-geht, daß selbst jene, welche diese Nachrichten verbreiten, einen solchen Unsinn nicht glauben und eine solche strafwürdige That nur deßhalb ausüben, um ihrem Ingrimm gegen die Juden Ausdruck zu geben. In Kistel v.rschied Hennoch LöbKohn im hohen Alter von 90 Jahren. Der Verstorbene widmete jede freie Stunde dem StudiumSdem Talmud, welches sein LebenSelemcnt war. Seine ungcheuchelte Frömmigkeit, sein humanes W.sen gewannen ihm die Sympathien jener, welche Gelegenheit hatten, die trefft chen E genschaften dieses Mannes kennen zu lernen Mit ihm verschwindet ein echter Jehudi, eine Erscheinung, die bei uns in Mähren leider Gottes zu den Seltenheiten gehört. . . . Vorige Woche fand in Kostet die Jnstallirung des Rabbiners Weiß, welcher von der Gemeinde zum Seelsorger erwählt worden, statt. Die Jnstallirungsrede hielt Herr Dr. David Feuchtwang '"2 aus Nikolsburg. Seine geistvolle georegene von echt jüdischem Gciste getränkten Ausführungen fanden ungetheilten Beifall. Herr Rabbiner Weiß ist ein Cor.servativer von echtem Schrot nnd Korn und wir begrüßen diese Thatsache mit Freuden, da nur durch solche Männer, dem weiteren Verfalle des JndcnthumS unseres Landes mit Erfolg cntgegengetreten werden kann. Frankreich. Paris. Die Jewish Colonisation Affociation hat einen großen Prozeß gegen die englische Regierung verloren. Es handelte sich um.die Erbschaftssteuer aus der Verlaffenschaft des Baron Hirsch Obwohl die Gesellschaft geltend machte, daß der Stempel bereits in Frankreich und zum Theil in Oesterreich bezahlt worden ist, wurde sie doch von der ersten Instanz zur Zahlung von 25 Millionen Mark verurtheilt, die in die Kaffe der englischen Regierung fließen. Freilich bleiben die höheren Instanzen noch offen und vielleicht entscheiden sie günstiger für die Gesellschaft, sonst werden die Millionen des Barons, die nach seinem Wunsch wohlthätigen Zwecken bestimmt sind, dazu dienen müssen, die Kosten des südafrikanischen Krieges bestreiten zu helfen. Da benimmt sich die argentinische Regierung viel hochherziger, denn sie hat den Bitten der Jewish Colonisation Affociation nachgegeben und mit Rücksicht auf den wohlthätigen Zweck der Gesellschaft sie von der Bezahlung der Gewerbesteuer befreit. Rußland. Petersburg. Die Regierung hat 60,000 Rubel bewilligt für die Errichtung einer Ackerbauschule im Gouvernement Cherson in Novo-PoltawSk. Die neue Schule ist auch für die jüdischen Kolonieen bestimmt. — In Warschau hat der Polizeimeister die Verfügung, daß jedes Firmenschild den Namen des Geschäftsinhabers tragen muß, dahin erweitert, daß Vor- und Zuname deutlich zu lesen sein müssen. Einige jüdische Kaufleute haben dagegen appellirt und der Senat hat diese Entscheidung annullirt, weil sie über das Gesetz hinausgeht. — Binnen Kurzem werden 50 Familien Grodno vcrlaffen, um nach Mosesville in Argentinien zu gehen, wo sie Verwandte vorfinden. —Das Ruffo-Jewish-Comile hat 6000 Mark für den Fonds zur Unterstützung der Hungersnoth leidenden Juden in Beffarabien bewilligt. — Vor einigen Wochen besuchten die Kinder des Großfürsten Konstantin die große Synagoge. Der Besuch kam ganz unerwartet und so mußte in aller Eile das zunächst wohnende Vorstandsmitglied herbeigeholt werden. Herr Meierowitsch erklärte den hohen Gästen die ganze Einrichtung des Gotteshauses und beim Abschied hinterließen dieselben eine namhafte Summe zur Verthcilung unter jüdische Arme. — Wie kleinlich oft die Fragen sind, mit denen sich in jüdischen Angelegenheiten der Senat befassen muß! So hat derselbe jetzt nach jahrelangem Rechtsstreit entschieden, daß jüdische Setzer in Petersburg weilen dürfen. Dieses Recht war nämlich den 8 oder 10 Personen, um die es sich im ganzen handelt, abgesprochen worden, und diese hatten sich an die höchste Instanz gewendet. Die Leute hatten Recht, aber wie jämmerlich sind noch die Zustände, wenn die Austreibung von einigen Menschen, die freilich Juden sind, den Behörden so wichtig erscheint. — In Nikolajeff hat die Verhandlung gegen die Veranstalter der Judenhetze stattge- .funden. Neun Personen wurden zu drei Jahren