Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1900)
- Date
- 1900-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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vorbereitet, noch vor derselben aber ist es spurlos verschwunden. Jetzt, nach fast zehn Jahren, ist ei<Exemplar wieder zum Vorschein gekommen und hat die vorlieliegende deutsche Uebersetzung ermöglicht. Dieses Exemplar wird dem British Museum in London übergeben und somit fortan Jedermanns Einsicht zugänglich sein. So ist das Buch von seinem scheinbar unabwendbaren Schicksal der Vernichtung entrissen und Dank einem glücklichen, wunderbaren Zufall ist ein historisches Dokument von unvergleichbarem Werth für die Wahrheit gerettet; bleiben in demselben doch für die Dauer der Zeilen wohlbewahrt die Zeugnisse und Urtheile über die Juden in Rußland und über das Recht in der russtschen Judensrage, alle abgegeben von den besten russischen Patrioten, den Vertretern der verschiedensten Berufs- und Gesellschaftsklassen ihres russischen Vaterlandes. Kann die Wahrheit durch zuverlässigere und sachkundigere Zeugen bekundet, — kann das Recht durch competentere und unparteiischere Richter gesprochen werden? Das ist die Frage, die das Buch an das öffentliche Urtheil richtet. Diesem allein gebührt die Antwort.^ Könitz, 22. Mai. (Die Sonne bringt es doch noch an den Tag.) sVon unserem Spezial- Corrcsponderttenj. Rach einem langen, langen Winter, nach einenr Frühling, der nur Regen, Schnee und Sturm uns hier im Osten brachte, scheint heute zum ersten Male die Sonne und erfreut des Menschen Herz. Alles athmet froh und begrüßet freudig das rosige Bild. Auch wir, die Israeliten in Könitz, auch wir fangen an von dem entsetzlichen Druck, der fast 10 Wochen auf uns gelastet, aufzuathmen. Denn es beginnt Tag zu werden indem geheimnißvollen Dunkel des entsetzlichen Mordes, wofür jeder einzelne Christ uns Alle verantwortlich hat gemacht. Ein christlicher Schlächtergeselle, auf den schon vor Wochen der Verdacht ruhte, daß er an dem Morde betheiligt gewesen, ist gestern gefangen hier eingeliefert worden! Mit diesem Gesellen hat es folgende Bewandtniß: Er war bis zum 15. März d. Js. Lehrling bei denl christlichen Meister Hoffmann, mit dessen Tochter der ermordete Winter nachweislich und unwidersprochen ein Verhältniß hatte. Lange vor Ablauf seiner Lehrzeit hat Meister H. ohne Zuthun der Innung diesen Lehrling freigesprochen, d. h. mit dem Gesellenzeugniß entlassen, ihm einen neuen Anzug gegeben und in die Heimath (bei Danzig) geschickt, woher er gestern in Begleitung zweier Gendarmen hier in Untersuchung eingeliefert worden ist. Welches Ergebniß diese Untersuchung haben wird, kann ich nicht wissen. Man vermuthet aber stündlich noch andere Verhaftungen, da die Commission aus mehrerenH auswärtigen (Berliner) Justizbeamten schon zwei! Tage unausgesetzt berathen. Die Bestattung der Leichentheile wird nunmehr bestimmt am Sonntag, den 26. d. M. hier in Könitz erfolgen. Es droht eine große antisemitische Demonstration. Sämmtliche Vereine mit ihren Fahnen werden sich betheiligen. Hoffentlich werden die Behörden alle möglichen Vorkehrungen treffen, sonst droht ein namenloses Unglück. Die „Staatsbürgerzeitung" ist fleißig bei der Arbeit, um die Gemüther auszuregen. D?e „Danziger Zeitung" schreibt: „Die zum Theil sehr auffälligen Widersprüche in den bisher in der Mordaffaire abgegebenen eidlichen Zeugenaussagen, werden für einzelne Zeugen, wie aus bester Quelle verlautet, sehr ernste Folgen haben." Zu der Schwester eines katholischen Geistlichen, die die gewagtesten Beschuldigungen gegen einen Juden beschwor, sagte der Untersuchungsrichter in Gegenwart des Juden: Fräulein, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß wir für Meineide auch Zuchthäuser für Katholiken haben! Hanau. Aus dem Prooinzial-Rabbinate Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern ist gegenwärtig nichts Erfreuliches zu berichten. Durch den vor einigen Monaten erfolgten Heimgang des Bankiers Josef O p p e n h e i m, des Provinzialrabbinen Dr. Ko r e f b r und durch das in jüngster Zeit erfolgte Ableben des Rabbi M i ch a e l F ü r t h f. A. hat nicht nur die Gemeinde Hanau, sondern auch das Vorsteheramt der genannten drei Kreise einen großen Verlust erlitten. Waren es doch Männer gewesen, die zu den im wahren Sinne des Wortes gehörten und unsere religiösen Interessen nach Innen und Außen in jeder Beziehung vertreten und gewahrt haben. Wenn auch durch das Eintreten von beachtenSwerther Seite drei andere Mitglieder von auswärts von Königlicher Regierung zu Kassel in das Vorsteheramt der Israeliten berufen wurden, so wird die Lücke in der Gemeinde Hanau, wie auch außerhalb dennoch tief empfunden. — Die Rabbinerstelle ist zur Wiederbelebung ausgeschrieben. Wie verlautet ist die Zahl der Bewerber nicht klein. Aus dem Lande ist man agitatorisch für einen streng-frommen n thätig. Der größte Theil der Gemeinde Hanau, wo der Sitz des Rabbiners ist, tritt gleichfalls für einen solchen Rabbinen ein. Dagegen erheben einige K ugköpfe ihre Stimme mit dem Verlangen, daß em Rabbiner der sogenannten gemäßigten Richtung, d. h. ein Rav, der sich mit den Frommen hält und den Neologen Recht gibt, zur Anstellung gelangen möge. Die Uebergescheiten wollen gar einen „neuen 21" haben, indem sie vorschützen, daß nur ein solcher Seelsorger den Frieden in der Gemeinde zu erhalten und dabei alle , Gläubigen -'selig: zu machen im Stande ist. Sicher ist es aber, daß in unserem Rabbinate kein