Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 41 (21.5.1900)
- Date
- 1900-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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$41 Thatsache, daß der nunmehr 90jährige, durch großes, talmudisches Wißen ausgezeichnete Rabbi Lob Adler '"J in Hamburg, einer der Talmudlehrer des verewigten Direktors, diesen, der damals erst kaum 18 Jahre zählte, veranlassen wollte, eine Jeschiba zu besuchen, weil er in ihm einen frühreifen Geist erkannte, durch rasche Auffassung und scharfen Verstand gleich ausgezeichnet. Allein sein bereits feststehender Plan führte ihn auf die Universitäten nach Berlin und Bonn, woselbst er neben philosophischen und pädagogischen Studien besonders dem Geschichtsstudium oblag. Und als er mit 22 Jahren als Lehrer an die Unterrichtsanstalten der israelitischen Religionsgesellschaft nach Frankfurt a. M. kam, da erkannte auch er, gleich seinem großen Vater s. A., bereits das Ziel aller Weis^it und Unterweisung in der Gottesfurcht. „Ihm dünkte die Schule ein Gotteshaus, sich selbst betrachtete er als einen zum Dienste im Allerheiligsten bestimmten Priester, berufen, an dieser Stätte zu wirken mit der ganzen Macht seines Geistes, mit der ganzen Gluth seines Herzens und der ganzen Thatkraft seiner starken Seele." „Wahrlich," so fuhr der Redner fort, „ihm waren die Lippen mit einer feurigen Kohle berührt worden. Wie konnte er erglühen, und welche Glut konnte er in seinen Hörern entfachen! Von diesem jetzt leider verwaisten Platze hat er mit machtvoller Beredtsamkeit zu den Geistern und Gemüthern so vieler Schülergenerationen gesprochen, bald begeisternd und bald mahnend, bald ermunternd und bald verweisend, bald schalkhaft und voll behaglichen Humors und bald tiefsinnig und erschütternd, bald wie ein hochgebildeter Weltmann und bald mit den wuchtvoll eifernden Worten unserer Propheten aus der Vorzeit." Was den Heimgegangenen zur Leitung der ihm unterstellten Unterrichtsanstalten ganz besonders befähigte, das war ein starker Wille und ein schneller, kluger Blick für das Gelungene, wie für das Verfehlte. Seiner stets wach- und sorgsamen Fürsorge verdanken diese Anstalten sehr wesentlich ihre gegenwärtige Blüthe und den hoffnungsvollen Stand ihrer Entwickelung, viele Collegen seiner Anregung ihre pädagogische Aus- und Weiterbildung. Die höchste Wonne aber, die der Entschlafene häufig und in so hohem Maße kostete, bestand darin, „das Herz der Armen zu erfreuen und die Waisen aufzurichten." Zum Schluffe seiner warmempfundenen und tief zu Herzen gehenden Rede deutete der Redner mit Bezugnahme auf den Verblichenen die folgende Talmudstelle: „Als Rabbi n gestorben war, da erblickte man plötzlich die Sterne des Himmels," womit gesagt sein sollte, daß Rabbi srn “i in Israel nicht mehr seinesgleichen hatte. Er war die Sonne seiner Zeit und verdunkelte alle gelehrten Mitlebenden. Als er gestorben war, da kamen die Geister geringeren Grades zur Geltung, in der sonnenlosen Nacht fingen die Sterne an, eine schwache Leuchtkraft zu entwickeln. Mit einem Trosteswort an die trauernde Familie und mit einem eindringlichen Mahnwort an Schüler u. Schülerinnen, sich für ihr ganzes Leben das geistige Bild ihres Direktors zu bewahren, schloß der Redner, und mit dem B'am xbv -{So 's Gebete, in ergreifender Weise von Herrn Cantor Friesländer vorgetragen, endete die ebenso einfache als würdige Feier. Könitz, 17. Mai. (Zwei Corpus delicti in der Mordaffaire.) sVon unserm Spezial- Correspondenten.j Bekanntlich spielte in der ersten Zeit das ominöse Taschentuch a la Desdemona eine gar gewaltige Rolle in der Affaire. Was hat beispielsweise das Berliner Schandblatt, die „Staatsbürgerin," über dieses Tuch gefabelt, geschwindelt und gelogen. Es sollte unter allen Umständen einer Jüdin gehören, mindestens aber von einer Jüdin gestickt sein. Die Besitzerin meldete sich nicht; sie hat die Bekanntmachung, die selbst in amerikanischen Zeitungen nachgedruckt wurde, und in Deutschland selbst in dem kleinsten Blättchen mit Abbildung des A. gestanden, nicht gesehen. Die harmlose Gattin des noch harmloseren Kreisschulinspektors. Wir versagen es uns, daran Reflectionen zu knüpfen, und die besagte Zeitung hat nun noch den Muth, folgende Bosheit daranzusetzen, indem sie sagt: „Von den Söhnen des Kreisschulinspektors sind öfters alte Kleider an Kleiderjuden verkauft worden, wobei es schon möglich ist, daß in diesen ein Taschentuch stecken geblieben ist." Also die Söhne des Kreisschulinspektors machen Geschäfte mit den Kleidern ihrer Mutter!! Doch nur Muth, es wird weiter geschwindelt; in den Mitteln sind die Antisemiten bekanntlich nicht sehr wählerisch. Am 15. d. M. schreibt die „Staatsbürgerzeitg.": Eine als Zeugin vernommene Frau Wolfs hat in mehrstündiger Vernehmung eidlich ausgesagt, daß ein Lehrling des Gärtners Blaszyk am Mordtage im Aufträge Ernst Winter's bei Lewy einen Strauß abgegeben hat. Das würde also darauf hindeuten, daß Ernst Winter bei Lewy eine Zusammenkunft, wahrscheinlich doch mit den Jüdinnen, mit denen er pouffirte, gehabt hat. Noch auffallender würde dies, wenn es sich bestätigen sollte, daß der Kaufmann Tuchler dem Gärtner fünfhundert Thaler Schweigegeld gegeben habe, wie der Lehrling ebenfalls zugestanden haben soll. Es soll dem Untersuchungsrichter erst nach vielen Mühen gelungen sein, des Lehrlings habhaft zu werden, um ihn zur Aussage zu bringen. Es sind immer dieselben Spuren, auf die man stößt, und es ist kaum zu verstehen, daß nach dieser Richtung hin nicht mit größerem Nachdruck vorgegangen wird. Also ein neues Corpus Delicti, ein veritables Bouquet, abgegeben am Mordtage durch einen Lehrling an Winter, der bei der Abnahme, wie eine andere Zeitung weiß, betrunken schien. Die Sache ist in der That sehr verdächtig, und so überaus wichtig und für Lewy, daß der jüdische Kaufmann Tuchler dem Lehrling 1500 Mk. Schweigegeld geboten hat. Zwei Dinge sind wahr: Der Blumenstrauß und die Existenz des Kauf-