Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 40 (17.5.1900)
- Date
- 1900-05-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton Wcrch einer wahren Megeven heit. 25! Von Friedrich Rott. „Elsa ist fortgefahren mit Frau Werner," sagte Frau Steinhart. „Fortgefahren? — Aber sie wird doch zum Esten nach Hause kommen?" Frau Steinhart schüttelte den Kopf. „Sie läßt Euch vielmals grüßen, sie wird längere Zeit bei Werners bleiben." „Ach, wie schade!" riefen beide Kinder und Marianne wandte sich weg, um eine aufsteigende Thräne mit dem baumwollenen Handschuh, den sie noch nicht abgelegt hatte, zu trocknen, während Viktor mit zusammengezogenen Braunen davon rannte und allerhand Schimpfworte vor sich hin murmelte, ohne selbst zu wissen, wem dieselben gelten sollten. Das war heute ein stilles Mittagessen, Marianne war traurig und ließ das Köpfchen hängen und Viktor >var verdrießlich und dermaßen grob gegen seine Schwester, daß er sich eine ernste Rüge seines Vaters zuzog. ■ „Er hat es nicht so böse gemeint," sagte die Mutter entschuldigend, „aber Elsa fehlt ihnen — und mir auch," fügte sie lächelnd und doch seufzend hinzu. Es währte mehrere Tage, bevor sich die Familie an die Abwesenheit des ihnen allen lieb gewordenen fremden Kindes gewöhnt hatte. Der Sabbat war gekommen. Die Stadt lag so nahe, daß Steinhart die Synagoge besuchen konnte. Von seinem Sohne begleitet, hatte er dem Abendgottesdienste beigewohnt und beide befanden sich auf dem Heimwege. „Was ist Dir, Viktor?" fragte der Vater, den Knaben kopfschüttelnd betrachtend, der schweigend neben ihm einherschritt. „Du bist seit einigen Tagen so wortkarg, so verdrießlich — sage mir, was Du hast —" „Ich ärgere mich," erwiederte Viktor erröthend, „und — und —" fügte er mit etwas belegter Stimme hinzu, „ich kann nicht begreifen, daß Ihr zugegeben habt, daß Elsa jetzt wieder bei Nichtjuden ist, wo sie nichts Ordentliches essen kann, wenn sie nicht am Ende doch —" „Halt ein," unterbrach ihn der Vater, „lästere das Kind nicht, das sich bereits so herrlich bewährt hat. Und wenn ich es auch begreiflich finde, daß es Dir unangenehm ist, daß Elsa wieder bei Werner's ist, so hättest Du Dir doch sagen müssen, daß zwingende Gründe vor, Händen sein müssen, da wir darein gewilligt haben. Allerdings habe ich nicht das Verfügungsrecht über sie, 817 aber Werner wäre nicht darauf bestanden, wenn ich nicht zugestimmt hätte." „Darf ich diese Gründe nicht wissen?" fragte/Viktor schüchtern. „Du darfst den Grund wissen," erwiederte Steinhart nach kurzer Ueberlegung, „Du bist kein Plauderer und wirst mit Niemandem darüber sprechen — auch nicht mit Marianne." „Selbstverständlich nicht — also?" „Also wir haben Elsa fortgeben müssen, weil ihre Sicherheit bei uns in Gefahr war." „Elsa's Sicherheit in Gefahr? — Wer könnte einem so kleinen Kinde etwas thun wollen?" „Du weißt nicht, daß sse mitten im Scharlach zu uns gebracht worden ist —" „Mitten im Scharlach? Ich glaubte, sie wäre gleich bei ihrer Erkrankung zu uns gebracht worden, weil sie bei Werners nichts essen konnte." „Das war nicht der Grund," entgegnete Steinhart, „sie ist zu uns gebracht worden, weil sie bei Werners in Gefahr war, getauft zu werden." „Getauft?" schrie Viktor voll Entsetzen. „St! st!" mahnte der Vater, „es ist nicht rathsam, derartiges auf der Landstraße auszuschreien." „Und doch habt Ihr sie wieder zu Werners gelassen?" „Weil sie gegenwärtig wieder in derselben Gefahr ist -" „Und da habt Ihr sie fortgelassen!?" „Ruhig, ruhig Kind. — Ich fange an zu fürchten, daß es meinerseits nicht gescheidt war, Dich von dieser Sache in Kenntniß zu setzen." „Aber lieber Vater, Du hast doch selbst gesagt, daß ich kein Plauderer bin." „Ich wollte Dich nicht verletzen. Kind; ich weiß sehr wohl, daß ich keine Indiskretion von Dir zu besorgen habe. Aber Du solltest doch mehr Vertrauen zu unserer Einsicht haben." „Verzeih," flüsterte der Knabe beschämt, „aber — aber — wie ist sie denn eigentlich jetzt bei Werners weniger in Gefahr als bei uns?" „Weil Werners übergesiedelt sind und weil ihr gegenwärtiges Domizil hier nicht bekannt ist — und weil auch Niemand ahnt, daß das Kind wieder bei ihm ist." - ' Viktor athmete wie erleichtert auf. „Gott sei Dank! -- Aber wohin sind sie Ubergesiedelt?" „Das will ich Dir lieber nicht mittheilen, Du könntest möglicherweise nach ihrem Aufenthalt gefragt werden." „Aber ich würde ihn doch nicht nennen," rief der Knabe erregt, „eher würde ich mich tödten lassen." „Davon bin ich überzeugt," versetzte Steinhart lächelnd, „aber ich sehe nicht ein, weßhalb ich Dich in Gefahr bringen sollte, Dich eventuell tödten zu lassen, wenn ich denselben Zweck erreichen kann, indem ich Dich über Elsa's Aufenthaltsort im Dunkeln laste. — Überdies könnte es auch für Elsa von Nutzen sein, wenn