Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 40 (17.5.1900)
- Date
- 1900-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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813 Trieb aufgestachelte Menschenwille, dessen Herrschaft unser Leben zu einem verlorenen gestaltet. Da ist Ehrgeiz und Ruhmsucht, da ist Genußsucht und Habgier, da ist Neid und Mißgunst, da ist Kleingläubigkeit und Trägheit und Bequemlichkeit, da sind all die tausend und abertausend Formen, in denen der böse Trieb sich offenbart und durch die er den Menschen hinabzieht aus der reinen Sphäre des Idealen und Lebenspendenden in die dumpfe Niederung des Gemeinen und Lebenkürzenden! Oder was ist es anders, als dieser lebenkürzende Erdentrieb, der in unserer Zeit wie das Schwert im Kriege wüthet, von jüdischen Händen gleich einem Meisel geschwungen wird über den Steinen des Gottesaltares? Mit zitternder Hand anfangs und mit zagendem Finger erhebt man den Meisel, bald aber schwingt man ihn muthvoll und sicher, und Stück um Stück sinkt von den heiligen Steinen zur Erde nieder. Was Gott geboten zur Beglückung des Menschen und zur Krönung und inhaltreichen Ausgestaltung seines Lebens, was die Weisen aus Ehrfurcht vor dem Gottesaltare in planvoller Voraussetzung angeordnet, was den Vätern heilig und unantastbar gewesen, was Tausende vor uns begeistert hat zu opferfreudigem Thun, gestärkt und gestählt hat in Tagen der Bedrängniß, entflammt hat zu standhaftem Ausharren, ob auch tausend Tode drohten, — das fällt täglich u. stündlich unter dem entweihenden Meisel des „Zeitgeistes" und der irdischen Rücksichten! Da tönt denn das Weisheitswort unserer Alten wie mit Donnerlaut in das Treiben unserer Zeit hinein: "rxon bv ispon nx |h ü'x „Es ist nicht gestattet, es ist widernatürlich und thöricht und sündhaft, den Lebenverkürzer zu schwingen über dem Lebenverlängerer," das Unendliche zu messen an dem Vergänglichen, dem, was himmlichen Höhen entstammt, mit den zerstörenden Waffen der Erdensphäre zu nahen, das für die Ewigkeit Geschaffene nach den wechselnden Bedürfnissen des Tages zu modeln! Es bedeutet Entweihung des Heiligsten, Entweihung unseres Lebensaltares, wenn wir ihn errichten aus „behauenen Steinen," nein, N22vn rix rusnniö’te c'jnx aus unbehauenen, ganzen Steinen soll er erbaut werden, unversehrt und unangetastet sollen die Mizwoth uns bleiben, von keinerlei Rücksicht gekürzt und gemodelt: vielmehr soll der lebenspendende Geist, der in ihnen waltet, auch auf uns übergehen, sich in uns entfalten und sieghaft darniederringen den lebenkürzenden Geist der Erde, den Feind alles Hohen und Heiligen! So nur werden wir würdig, den unendlichen Zoll des Dankes abzutragen, den wir unserer Thora schulden und zu dessen unentwegter Entrichtung uns das nahende Schowuothfest auf's Neue begeistern möge. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeit Deutschland. Hamburg, 14. Mai. Eine Trauerbotschaft, zur tiefsten Wehmuth stimmend, durcheilte am vergangenen Freitag alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Hamburgs. „Lehrer Wormser ist tobt 1" Ob dieser Worte erbebten die Herzen vieler Hunderte unserer jüdischen Mitbürger, und nach Hunderten zählte das Trauergefolge, das sich heute vor dem Krankenhause der jüdischen Gemeinde einfand, um dem geliebten Lehrer, dem segensreich wirkenden Menschenfreund, dem edlen, rastlos thätigen Helfer der Verlassenen und Unterdrückten die letzte Ehre zu erweisen. Mir sei es vergönnt, dem Andenken dieses hochherzigen Mannes einige Worte des Nachrufes in Ihrem gesch. Blatte zu widmen. Daniel Wormser s. A., in einem kleinen Schwarzwald-Dörfchen geboren, entstammte einer armen, frommen Familie. Schon im zarten Knabenalter des Vaters beraubt, lernte der Verblichene frühzeitig den Ernst des Lebens kennen. Nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten, die sich dem mittellosen Knaben entgegenstellten, gelang es ihm, sich in Karlsruhe unter der Aegide des Herrn Qberrathes Altmann s. A. dem Thorastudium zu widmen und sich gleichzeitig an dem dortigen Seminar für den Lehrerberuf vorzubereiten. Der damalige Leiter des Karlsruher Seminars war ein direkter Schüler Pestalozzi's, und ein wahrer Jünger dieses Meisters der Erziehungskunst ist auch Daniel Wormser s. A. geworden. Mit dem Reifezeugniß eines Lehrers für Stadtschulen versehen und vom Oberrath Altmann s. A. mit dem Ehrendiplom 'isn„ geschmückt, trat D. Wormser in's Schulleben hinaus. Zuerst wirkte er als Lehrer in einem badischen Orte, dann in München und hernach unter Dr. E. Löb s. A. als Lehrer an der Gemeindeschule zu Jchenhausen in Bayern. Von hier aus kam er 1864 als 24jähriger Mann an die hiesige Talmud-Thoraschule, die zur Stätte seiner dauernden Wirksamkeit wurde. Voll der höchsten Begeisterung für den erhabenen Beruf eines Lehrers und eingedenk der Worte unserer Weisen: „Nehmet besondere Rücksicht auf die Kinder der Armen, denn durch sie wird die Thora in Israel verbreitet," ergriff D. Wormser seine Lehrthätigkeit mit einem Feuereifer und einer nie ermüdenden Thatkraft, die unerreicht dasteht. Rastlos arbeitete dieser strebsame Mann an seiner geistigen Vervollkommnung. Dem Studium unserer heiligen Thora und dem Vertiefen in die Werke pädagogischer Schriftsteller lag D. Wormser s. A. mit hingebendem Fleiße ob. Noch als oOjähriger Mann unterzog er sich mit Erfolg dem Mittelschullehrer- und Rektoratsexamen. Sein ganzes Wissen stellte er in den Dienst der Erziehung zur Re liqion.