Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 40 (17.5.1900)
- Date
- 1900-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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812 denn je. Den „Altar aus Steinen," auf dem einst in l alter Zeit die heiligen Opferhandlungen vor sich gingen, ihn haben wir in der Wirklichkeit verloren; in der Idee ist er uns unverloren! Wir alle tragen ja das unsichtbare, aber auch unzerstörbare Heiligthum unseres Herzens in uns. wir alle sind ja gotterwählte Priester, die, zu einem stolzen „Reiche von Priestern" vereinigt, ihre heiligen Altäre auferbauen, die Altäre ihres Lebens. Nun, und welches sind die Steine zu unserem Lebensaltar? Es sind die Mizwoth, die göttlichen Satzungen, die Gebote und Verbote, durch deren gewissenhafte Beobachtung wir den Willen unseres himmlischen Vaters erfüllen. Jedes dieser Gebote, das wir vollziehen, jedes dieser Verbote, das wir achten, jede gute That und jedes versöhnende Wort, alles Walten und Wirken nach dem Willen dessen, der einst vom Sinai gesprochen, all das sind Bausteine zu dem religiösen Lebensaltare, den Israel seinem Gotte errichtet. Und von diesem Altäre, dessen Errichtung unsere unabweisbare Jsraelitenpflicht ist — 'b ntpyr D’jsx cxi nnn — und der in seiner Totalität die Verwirklichung des Gottesgesetzes in unserem Thun und Lassen darstellt, auch von i h m heißt es, daß wir ihn nicht auferbauen sollen aus behauenen Steinen, denn hätten wir erst den Meisel über ihn geschwungen, so hätten wir ihn entweiht!! O, wie trifft diese Satzung unsere Zeit bis in's innerste Herz! Wie weist sie mit strengem Finger auf den Grundschaden hin, der das religiöse Leben unserer Zeit beherrscht und den zu bekämpfen die Pflicht jedes wahren Juden ist! bv “pan1? x“s: rrren ■pxon by ixpon nx spp pwx ,mx bv> mjp *apo ‘»nrn mx „Der Altar verlängert die Jahre des Menschen, das Eisen verkürzt die Jahre des Menschen. Es kann nicht gestattet sein, den Lebenverkürzer zu schwingen über dem Lebenverlängerer!" Dieses Midraschwort wird uns die tiefe Bedeutung aufhellen, die jenem Gesetze cutcf) für uns innewohnt. „Der Altar verlängert die Jahre des Menschen!" Wörtlich traf dieser Ausspruch zu auf den sichtbaren Altar im Tempel zu Jerusalem. Denn wenn von dem Menschen, der Gottes Willen mißachtete, das Prophetenwort gilt: man x*n nxunn tpsn „Die sündige Seele muß sterben," wenn der Frevler, der seine reine Seele den befleckenden Einflüssen des Körperlichen preisgibt, damit sein Leben verwirkt hat. so war es die symbolische Opferhandlung auf dem Gottesaltare, die das zerstörte Gleichgewicht wieder herstellte und den aufrichtig Bereuenden und gewissenhaft Bekennenden dem Leben zurückrettete. „Der Altar verlängert die Jahre des Menschen." In weit höherem Sinne gilt dieses Wort von jenem unsichtbar-heiligen Altar, den der Jude zu allen Zeiten seinem Gotte errichtet und dessen Bausteine die göttlichen Satzungen sind. Nicht, als ob wir uns in wörtlichem Sinne ein langes Leben sicherten, wenn wir nach Gottes Willen auf diesem Altäre opfern. Wie wären wir kurzsichtig, wollten wir dieses annehmen! Wir sehen ja fast täglich, wie mancher getreue Jsraelspriester, der mit beispielloser Selbsthingabe seines Gottesaltars gewartet, in ein frühes Grab sinken muß, eh' er die heilige Aussaat vollendet, die er hinieden zu streuen gedachte; und wir sehen nicht minder häufig den leichtfertigen Gottesleugner, der durch seine Worte und Thaten den Gottesaltar verunehrt, bis in ein hohes Greisenalter sein treuloses Werk üben. Von Abraham sagt die heilige Schrift:'w nbx' 'n it?x cn-rx "n ’jtr „Dieses sind die Lebensjahre Abrahams, die er lebte!", die er lebte, erklären die Alten, denn vermöge seiner Frömmigkeit und seiner Gotteshingebung war Abrahams Leben ein wahres Leben! Es gibt Menschen, die alt werden, ohne daß sie gelebt haben, das heißt, ohne daß sie ihre Tage mit dem ausgefüllt haben, was erst unser Leben ausmacht; denn nicht, daß wir athmen und gesund sind, und essen und trinken und uns freuen, ist unser Leben, sondern daß wir alle auch diese körperlichen Aeußerungen unseres Daseins in den Dienst dessen stellen, um deßwillen wir geschaffen sind, in den Dienst unserer unsterblichen Seele. Nun wohl! Ein solch wahres Leben sichert uns der Gottesaltar, den wir errichten. In den Stunden, während deren wir an ihm bauen, streifen wir alles Irdische von uns und richten unser Auge und unseren Geist nach den Höhen des Unvergänglichen empor; da fühlen wir. daß wir „der Gottheit näher sind als sonst," denn da zeigt sich das Abbild des Göttlichen in uns wirksam in seiner ganzen gottentstammten Herrlichkeit. In diese Stunden konzentrirt sich der ganze Werth unseres Daseins, diese Stunden sind die lodernden Flammen. die ihre erhellenden und erwärmenden Strahlen auf unser Gesammtleben werfen und es mit ihrem Schimmer vergolden und verklären. Ja, „der Altar verlängert unser Leben," lassen wir nur seinen Aufbau unseres Lebens Inhalt bilden und jeder unserer Augenblicke wird mit jenem echten Goldgehalt erfüllt sein, den selbst ein Jahrhundert der Gottvergessenheit nicht aufzuwiegen vermag, und wie Gott einst, als Israel muthig sein natPJi ntw» rief, zum Engel des Todes sprach: Ueber alle Nationen sollst du Macht haben, nur über diese nicht, so werden auch >vir durch unsere treue Arbeit an dem Gottesaltare Tod und Vergänglichkeit überwinden, denn „der Altar verlängert die Jahre des Menschen." Wie anders aber, wenn wir in unseres Lebens Mittelvunkt nicht den Aufbau des Gottesaltares stellen, sondern seine Zerstörung! Da bewahrheitet sich das andere Wort: x^s: „Das Eisen verkürzt die Jahre des Menschen!" Wo das Eisen wüthet, wo es. zum Schwerte geschärft, von wahnwitziger Menschenhand geschwungen wird, da werden abgeschnitten die Ströme des Lebens, Tod und Vernichtung halten traurige Ernte und blühende Menschenleiber sinken in allzusrühe Gräber! So auch wiederum aus religiösem Gebiet. Ist es der Gotteswille, dessen Befolgung uns wahres Leben sichert, so ist es andererseits der durch den irdischen