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Der Israelit · 1900-05-14 · Heft 39 (14.5.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 39 (14.5.1900)
Date
1900-05-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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804 ' ist. Es scheint, daß das alte rrrv -pnto w 7^ neva '2 im badischen Ländchen, nach der Vorstellung unseres Oberrathes, noch heute Giltigkeit hat. So viel Städte, so viel Götter und Gottesdienste. Und das ist für den geheimräthlichen Schaffensdrang des Oberrathes ein großes Glück. Könnte man in Karlsruhe, Bruchsal und Heidelberg Gott ebenso verehren, wie hier in Mannheim, so brauchte man ja kein neues Gebetbuch und könnte in diesen Gemeinden einfach die Mannheimer Postille — Tfillo hätte ich beinahe gesagt — einführen! Aber heute kann man keinem Juden in Qffenburg zumuthen, daß er so zu Gott bete, wie sie es in Mannheim thun und den Mannheimern nicht, daß sie sich mit einem Gottesdienste befreunden, wie er — anderwärts maßgebend ist; das Verdienst des Oberrathes soll ja eben darin bestehen, den Stein der Weisen, d. h. einen Gottesdienst zu finden und zu erfinden, bei dem sich Alle wohl fühlen. Wenn Herr Dr. Mayer so lange lebt, bis er das zuwege gebracht hat, erreicht er ein Alter, das dem von Methusalem noch um ein beträchtliches über ist. Das kann er schon aus den Antworten ersehen, die er selber seinen Katechurnen vorgesagt hat. Seiner Dame sprechen die Gesänge an und sein Herr findet sie langweilig. Die Dame findet beim Neujahrsgottesdienste alles schön, mit Ausnahme der — Gebete! Die recitative Vortragsweise regt sie nicht an, während ihr Mann diese eigenartigen Melodien kennt und schätzt. Wird's nun das neue Eleborat der Frau oder dem Manne recht machen, oder beiden? Es gibt noch eine dritte Alternative: keinem. Da unter den badischen Lesern des „Israelit" sich wohl nicht allzuviel finden werden, die von dem Oberrath mit der Zusendung eines solchen Fragebogens beehrt wurden, so dürfte es von Jntereffe sein, einmal eine Probe aus dieser Frag- und Antwort-Weisheit hierherzusetzen. 12. „Welchen Eindruck macht auf Sie der Gottesdienst am Nenjahrfeste?" Dame: „Am Vorabend dürfte er durch schöne Gesänge etwas reichhaltiger ausgestattet sein. Auch sollten nicht beide Abende sich völlig gleichen. Den Frühgottesdienst kann ich nicht beurtheilen, da ich erst zum Hauptgottesdienste komme. An diesem ist alles schön, mit Ausnahme der eigentlichen Gebete, die der Kantor blos recitirt, ohne wirklich zu singen. Der alterthümliche Sprechgesang regt mein Empfinden nicht an, weil ich ihn nicht von Kindheit auf gewohnt bin, während mein Mann diese eigenartigen Melodien kennt und schätzt. Die vielen gleichmäßigen und langen Gebete, die ich hebräisch nicht verstehe, haben, auch wenn ich sie in der deutschen Uebersetzung verfolge, für mich nichts Erbauendes; ich fühle mich an diesem Tage an und für sich in gehobener Stimmung und laste das Unverständliche und Ungenießbare einfach über mich ergehen. Es ist sogar bester, die Uebersetzung nicht zu lesen, denn mit den Anschauungen einer früheren Zeit, vom lieben Gott als Richter, von Engeln, Geburtstag der Welt, Gerichtstag, Jerusalem, Tempel, Opfern u. s. w. kann man sich doch nicht mehr befreunden." H e r r: „Bezüglich der Vorabende stimme ich mit der Dame überein. Den Frühgottesdienst besuche ich seit Jahren kaum mehr. In dem Hauptgottesdienst möchte ich den alterthüinlichen Sprechgesang des Kantors nickt misten, da er mich so sehr anheimelt, auch wenn ich die Gebete selbst nicht verstehe. Im Uebrigen stimme ich mit der Dame überein! Die Uebersetzung lese ich kaum (ich benütze überhaupt kein übersetztes Machsor), darum stören mich auch die von der Dame erwähnten veralteten Anschauungen nicht; wenn ich sie mir gegenwärtig halten w.üßte, würden sie mich, als mit den andern im Widerspruch stehend, allerdings sehr stören." Man schaudert vor der Frivolität, mit der da eine israelitische Behörde unsere höchsten, heiligsten Anliegen der Herabwürdigung und Verachtung preisgibt. Das ist also der Geist dessen, woraus es dem Oberrath ankommt, das ist seine Probe-Antwort! Wenn es außerhalb des Oberrathes wirklich noch Glieder der badischen Judenheit geben sollte, die einer solchen Blasphemie fähig sind, welchem Abgrund treibt dann unser Allerheiligstes entgegen, falls diese goteslästerliche Anmaßung wirklich der Maßstab dafür werden sollte, wie in Zukunft der Gottesdienst bei uns sich gestalten sollte' Ich glaube das nicht und ich vermuthe, daß es auch unser Oberrath nicht glaubt. Es scheint sogar, als ob er diese gottlose Anschauung erst künstlich durch seine Fragebogen züchten zu müssen glaubt, um die Masse für das neu zu schassende Gebetbuch reif zu machen. Wer aber Gott nicht mehr als Richter anerkennt, der hat ihn geleugnet, denn er hat ihn zu einem Götzen degradirt, der in keinem Zusammenhang mit dem sittlichen Verhalten der Menschen steht. Man mißverstehe das nicht. Ich möchte keiner Auffassung und Denkweise ihre Freiheit verkümmern. Wer sich mit Gott, seinem geofsenbarten Willen, der Welt als Werk seiner Schöpfung und den übrigen hier beachselzuckten fundamentalen Wahrheiten des Judenthums nicht befreunden zu können glaubt, der hat das lediglich mit sich und seinem Gewissen abzumachen und ist nur Gott dafür verantwortlich. Aber sich Juden nennen und die Prinzipien des Judenthums verleugnen, sich als israelitische Oberbehörde geriren und das, was jedem Israeliten heilig, in dieser Weise der Verachtung preiszugeben, Gott als Richter zu leugnen und für Gottesdienst zu schwärmen, den Mund mit Religion und Religionsunterricht voll zu nehmen und die Grundvesten zu erschüttern, von welchen jedes religiöse Bewußtsein getragen wird, das ist eine Pfäfferei, die mit ihrer Unerträglichkeit und Ungeheuerlichkeit zum Himmel schreit. Freilich, Herr Regierungsrath Dr. Mayer setzt sein verbindlichstes diplomatisches Lächeln auf und thut entrüstet über diesen zelotischen Eifer, der ganz das Hinterpförtchen übersieht, welches er sich vorsichtigerrinrniTmiriiMif

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