Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 39 (14.5.1900)
- Date
- 1900-05-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4t. Jahrgang. »erläge M 39 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Derzemllimg des »U-odm» I«i>r»ttz»m» »«ritz de» di-W» (Obetcntö Lee Isrntlittn. (Schluß) Mannheim, 13. Mai. Alles, was der Oberrath seit Jahr und Tag zur Disereditirung und Beseitigung unserer alten, heiligen Gebete in Scene gesetzt hat, wird durch die plumpe, unverfrorene Dreistigkeit in den Schatten gestellt, die sein allerneuester Vorstoß an der Stirne trägt. Der jüngste ober resp. geheimräthliche Sturmbock hat nicht, wie bei den alten Römern, die Form eines WidderoderSchafskopfes, sondern die Gestalt eines Fragebogens. Sein Inhalt verräth aber mit jeder Zeile den Kopf, dem er entsprungen ist. Unsere oberste israelitische Behörde hat richtig erkannt, daß die Hauptschwierigkeit, die sich ihren Reformbestrebungen entgegen stellt, in dem Umstand 'wurzelt, daß in den breiten Schichten des Volkes kein Bedürsniß dafiir empfunden wird. Deßhalb muß dieses Bediirfniß erst künstlich geweckt werden. So lange an den Oberrath der Wunsch nach Abschaffung unseres synagogalen Gottesdienstes nicht herantritt, lcgitimirt ibn nur seine höchsteigene destruktive Richtung als Reformator des Judenthums. Die bisherigen zu diesem Zwecke veröffentlichten Abhandlungen, Rundschreiben, Maßnahmen, Verordnungen und dergl., haben sich als fruchtlos erwiesen. Deßhalb ist der Oberrath aus ein pfiffiges Mittel verfallen. Er schickt Fragebogen umher, die vierzehn Fragen enthalten und zunächst vor aller Welt feststellen, daß der Oberrath nicht in die Kategorie des bxirH yrr : gehört.. Um denjenigen, welche diese Fragen beantworten sollen, es möglichst leicht und bequem zu machen, sind diesen vierzehn Fragen gleich achtundzwanzig Antnwrten beigegeben, und zwar vierzehn von einem Herrn und vierzehn von einer Dame. Der Adressat braucht sich nun, >vic vorausgeschickt ivird, „natürlich in keiner Weise nach den Probebeantwortungen zu richten: doch wird aus diesen immerhin ersehen werden können, auf welche Punkte es besonders ankommt." Das ersieht man denn in der That mit einer Deutlichkeit. die nichts zu wünschen und nichts mehr zu beantworten übrig läßt. Das sieht der aufmerksame Leser sogar schon aus der Fragestellung, aber da die meisten Leser unaufmerksam sind, hat man mit der „Probeantwort," die hier als Schablone jeder Frage beigegeben ist, noch einen Zaunpfahlwink hinzugefügt, der recht gute Dienste thun kann. Wer nun genau, oder doch ähnlich antwortet, wie ihm da vorgesagt wird, der hat damit bekundet, daß er weiß, worauf's ankommt und hat dabei noch die Bequemlichkeit, nur die oberräthliche Antwort nachsagen oder nachschreiben zu müssen. Wer's anders macht, als es der Oberrath vorschreibt, hat seinen Mangel an feinfühligem Takt verrathen, und weiß nicht, worauf es eigentlich ankommt! Fallen nun die Antworten glücklich nach dem oberrätblichen Diktat aus. dann hat der Oberrath endlich, was ihm so lange gefehlt hat, einen Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit über den bestehenden Gottesdienst und den schwarz auf weiß constatirten Wunsch einer Reformirung! Wenn aber der Versuch mißglückte, wenn die überwältigende Mehrheit sich gegen die Vailletäten des Oberrathes und für Beibehaltung des von unseren Vätern überkommenen Gottesdienstes aussprechen, oder wenn sie sich gar nicht aussprechen und den Fragebogen in den Papierkorb werfen oder ihn noch despektirlicher behandeln sollte? Thörichte Frage! Wenn der Oberrath Fragebogen verschickt, so weiß er ganz genau, an wen er sie schickt. Er wird sie doch nicht an Leute schicken, die ihm eine Antwort geben, welche ihm nicht convenirt. . Sollte es aber selbst unter den Gesinnungsgenossen unseres Oberrathes ehrliche Leute geben, welchen das abgekartete Frage- und Anwortspiel, wie es noch in den dunklen Reminiszensen aus der Religionsstunde lebt, in der Seele zuwider ist, die deßhalb ihre Hand zu einer solchen Düpirung der öffentlichen Meinung nicht hergeben wollen, so kommt unser schlauer Oberrath doch nicht in Verlegenheit. Er erklärt nämlich, daß seiner. Sache ein großer Dienst geleistet wird, wenn die Ausfüllung seines Fragebogens „ohne Namensangabe" erfolgt! Auf diese Weise kann man, dank der vielen Schreibmaschinen, die wie richtige Schreiber, und dank der vielen Schreiber, die wie richtige Maschinen funktioniren, leicht nachhelfen!! Ein leiser Druck genügt bei den einen wie bei den andern. Tie Reformpille, die der mir vorliegende Fragebogen zu schlucken gibt, ist in einige einleitende, allgemeine, den Religionsunterricht betreffende Fragen eingebüllt, die als bloße Staffage hier übergangen werden können. Erst mit der Frage Nr. 8: „Ist in der Synagoge, die Sie an Ihrem Wohnorte besuchen, Orgel-und Mannheimer Gebetbuch eingeführt?" kommen -wir in mertias res. Die Frage wird selbstverständlich bejaht, um durch die in den späteren Antworten nachfolgenden Bemänglungen zu zeigen, daß mit de.r Mannheimer Reform das oberrätbliche Ideal noch lange nicht,erreicht