Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 39 (14.5.1900)
- Date
- 1900-05-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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805 weise offen gelassen hat. Das alles braucht ja gar nicht seine Ansicht zu sein, er hat sie ja nur den fingirten Personen seines A. B. C. in den Mund gelegt. Gewiß! Aber er hat sie als Probe in den Mund gelegt, damit inan wisse, worauf es besonders ankommt! Das weiß man jetzt allerdings, und das ist die erfreuliche Seite, die inan auch diesem Herostratenwahne abgewinnen kann. Wer sich noch weiter über die eigentlichen Pläne und Absichten unseres Oberrathes einer Täuschung hingibt, von tvelcher hier die Probe vorliegt, der will sich täuschen lassen und trägt mittelbar einen Theil der Verantwortung, von der keiner frei ist, der sich nicht mit dem ganzen Ausmaß seiner Kraft dagegen erhebt. In einer bekannten Reformgemeinde kam einmal der Rabbiner auf die Idee, den zweiten Tag abzuschaffen. Er schickte Fragebogen an die Gemeindemitglieder, die auf die Frage, ob der zweite Feiertag beibehalten oder abgeschafft werden solle, mit Ja oder Rein antworten sollten. Unter den eingegangenen Antworten lautete eine: „Feiertage beibehalten. Rabbiner abschassen!" „„Diese Antwort ist die einzig richtige auf die Frage des Oberrathes, ob unser altes Gebetbuch beibehalten oder abgesetzt werden sollte."" Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 8. Mai. Das neuerbaute Genesungsheim in Lehnitz, welches dem Verein „Jüdisches Genesungsheim" von den Begründern geschenkweise überlasten ist, ist am 1. Mai seiner Bestimmung übergeben und mit 81 Personen eröffnet worden. Das stattliche, geschmackvoll von den Architekten Höninqer und Sedelmeier im Landhausstyl ausgeführte Gebäude ist auf einem zur Anstalt gehörigen, sieben Morgen großen Terrain belegen. welches von meilentveitem fiskalischen Wald umschlossen ist. Die vor einem Ziergarten belegene Vorderfront gewährt einen weiten Blick über den von der .Havel durchflossenen ausgedehnten Lehnitzsee; die Lage ist überaus gesund und malerisch. Im Ganzen bietet das Heim bequem Raum für 60 Erholungsbedürftige. Die Zimmer sind für eine oder zwei, nur wenige für drei Personen bestimmt, zeichnen sich durch Geräumigkeit und Helligkeit aus und sind zum größten Theil mit Balkons versehen; außerdem ist von allen Seiten für geräumige Hallen Sorge getraaen, welche den Erholungsbedürftigen auch bei ungünstiger Witterung den Aufenthalt in freier Luft gestatten. Ein Gemüsegarten soll den Insassen der Anstalt Geleaenheit zur Gartenarbeit schaffen. Das Haus ist mit Wasserleitung, elektrischem Licht und Telephon versehen. Anmeldungen sind an das Bureau, Große Präsidentenstraße 3, zu richten. Berlin, 10. Mai. Die von Herrn von Hertzberg- Lottin im Herrenhause vorbereitete Interpellation wegen der angeblichen Ritualmorde, ist am Widerstande der Mehrheit der conservativen Fraction des Herrenhauses gescheitert. Die Einbringung derselben wird daher unterbleiben. Ncnstcttin (Hinterpommern), 10. Mai. (Von unserm Special - Correspondenten.) Von Hammerstein, wo ich den gestrigen Bericht schrieb, bis hierher sind nur wenige Meilen. Hier ist die Provinz Westpreußen zu Ende. Pommern beginnt. Von Schneidemühl bis Könitz, von dort bis Rakel (Verndsburg etc.) und endlich von Könitz bis hierher, ist die Bevölkerung in heller Wuth, die Juden in tiefster Trauer. Gott sei Dank, hier sehe ich zum ersten Male seit zehn Tagen ein neues Bild; höre für einige Stunden nicht mehr das antisemitische P e e h (ein neues Schlagwort in Verbindung mit dem historischen Hep-Hep! — Es ist hier ruhig, nicht etwa aus dem Grunde, weil die Kultur bei den Hinterpommern weiter fortgeschritten, sondern weil die Stadtverwaltung hier im Jahre 1880 bei dem bekannten Synagogenbrande ein sehr theures Lehrgeld bezahlt hat. Auch hier bereiteten sich mehrere Male Revolten vor; — es ist doch ein zu großes Vergnügen, sich aus den Läden der Juden all liditum Maaren zu wählen, die man nicht zu bezahlen braucht. Allein kaum war die Rachricht der Polizei, resp. dem Landrathsamt bekannt gegeben, daß sich hier die Unruhen zu wiederholen drohen, da sprengten 8—10 berittene Gendarmen dazwischen, zogen blank und der Pöbel stob, theils mit blutigen Köpfen, auseinander. Das ist das einzige probate Mittel gegen die verderbliche Judenhetze und wenn ebenso energisch in Hammerstein (und Vendsberg, wohin ich in der nächsten Woche komme) vorgegangen worden wäre, es hätte nicht zu der geschilderten Störung kommen können. Neustettin ist ein nettes Städtchen von 10,000 Einwohnern, mit 80 Familien Juden, die einen Rabbiner (Dr. Worms) und einen Cantor besolden. Auch hier hat sich seit 15 Jahren die früher sehr bedeutende Gemeinde stark reducirt. In absehbarer Zeit wandert die Judenheit des Ostens nach — Berlin. Fünf Minuten von Hammerstein liegt ein Schießplatz, wo an dem letzten Samstag 800 Mann Militär lagen. Auf die dringende Depesche des Vorstandes von Hammerstein telearaphirte das Kommando in Stettin: sofort Militär einscheiten! Diese Antwort wurde auf dem Telearaphenamte unterdrückt, resp. bis Montag Früh zurückbehalten. Inzwischen konnten die Bestien in Hammerstein in aller Ruhe ihr Zerstörungswerk vollenden. Der Vüraermeister und die Polizei haben sich nickt gerührt. Ich gebe soeben einem hiesigen Photographen den Auftraa. in Hammerstein die zerstörte Svnagoge für diese Zeitung photographisch aufzunehmen. Dauendorf (Elsaß). Die hiesige orthodoxe Gemeinde hatte durch den Tod ihres Vorstehers. Herrn Leopold Lehmann s. A. (der „Israelit" hatte sei-