Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 38 (10.5.1900)
- Date
- 1900-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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MW WWW 769 sehen, wie gut ich dcis Glas zertreten iverde, in tausend SpLtter." „Nein, nein, Du darfst kein Glas zertreten," warnte Elsa, „sonst könntest Du Dir einen Splitter in den Fuß treten." „D Du kleines Närrchen, ich werde schon vorsichtig sein. Weißt Du denn nicht, daß jeder Bräutigam bei der Tiauung ein Glas zertreten muß?" „Wirklich? das muß er thun?" fragte sie verwundert. „Aber warum denn?" „Ganz genau weiß ich selbst nicht warum, aber ich weiß, daß man es muß. — Aber wir werden uns doch sehr freuen, wenn wir Hochzeit machen werden, nicht wahr, Elsa?" „Ganz gewiß," bestätigte diese, „bei der Hochzeit gibt es doch viele gute Sachen — Gänsefüße soll es auch geben." „End Chokolade, Kuchen und Torten!" „Die kannst Du essen, Marianne, ich will nur td>'ii'.scsüße und Kalbsschnitzel. — Aber warum willst Du denn ein Glas zertreten, Viktor?" „Ich habe Dir doch schon gesagt, weil das jeder Viäl.iigai" thun muß." „Na ja, aber ich meine, warum er es thun muß?" „Ich glaube, damit lote uns auch bei der größten Freude erinnern sollen, daß, wenn es Gottes Wille ist, die Freude sich in Trauer umwandeln kann, so schnell, wie ich aus einem ganzen Glas lauter Glasscherben machen kann." „Denke nur," ries Marianne, „tvenn Du bei Eurer Hochzeit einen ganzen Teller voll Gänsefüße vor Dir haben würdest und der Phylar >vürde aus einmal auf den Tisch springen und seine Schnauze hineinstecken!" Alle drei lachten hell auf und dann ging die Unterhalt.N'g in gleichem Tone weiter. Die Eltern lauschten lächelnd dem munteren harmlosen Plaudern. „Gewöhnlich ist es mir nicht lieb, wenn ich Kinder brim Essen sprechen höre," sagte Herr Steinhart, „aber wenn ich höre, mit welchem Behagen Elsa von Gänsefüßen und Kalbsschnitzel spricht, dann steigert sich meine Hochachtung für das kleine, charakterfeste Mädchen. Wie gerne ißt sie Geflügel und allerlei Fleischspeisen in>d hat doch nahezu sechs Monate lang jeder Versuchung —" Ein Klopsen an der Zimmerthüre unterbrach ihn und aus sein einladendes „Herein" trat der bisherige Berivalter der Baronin Waldstein in das Zimmer. „Dnkel Werner!" jubelte Elsa und sprang ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er hob sie empor und küßte sie auf die Stirne, dann ergriff er die ihm dargereichte Hand des Hausherrn und schüttelte sie herzlich, indem er sich vor Frau Steinbart verneigte. „Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie zu so ungetvöhnlicher Zeit überfalle." „Aber ich bitte sehr, Ihr werther Besuch ist uns stets angenehm, und unserer Elsa auch; nicht tvahr?" Die Kleine nickte glücklich lächelnd. Werner hatte sich auf den Sessel niedergelassen, den Viktor für ihn herbeigeschoben, Elsa thronte auf seinen Knien. „Wie sind Sie denn mit unserer Kleinen zufrieden. Herr Steinhart? — Ist sie brav?" „Sehr brav ist sie," erwiederte der Gefragte. „In jeder Beziehung sind wir mit ihr zufrieden," fügte Frau Steinhart hinzu, indem sie Elsa, freundlich zunickte. „Das freut mich," sagte Werner, „ich habe es aber auch nickt anders erwartet." Die Kleine schmiegte sich an ihn. „Und >vie geht's Tante Werner^ wird sie nicht auch Herkommen? — ich möchte sie gerne sehen." „Die Tante läßt Dich vielmals grüßen, sie möchte ihr kleines Mädchen auch gerne Wiedersehen. Darüber wollte ich eben mit Herrn Steinhart sprechen. Dürfte ich Sie vielleicht ersuchen, Herr Steinhart, in einem anderen Zimmer —" „Bitte sehr," sagte der Hausherr, indem er aufstand und auf eine seitwärts liegende Thüre zuging, die er öffnete. „Wenn's gefällig ist, dort sind wir ungestört. Ick muß nur sehr um Entschuldigung bitten, daß es drinnen dunkel ist, aber wir haben heute Sabbat, da kann ich kein Licht hinein tragen." „Hat nichts zu sagen," versicherte Werner, „was wir miteinander zu verhandeln haben, dazu gebrauchen wir kein Lickt." „Aber im Finstern ist es doch recht ungemüthlich," bemerkte Frau Steinhart, „wenn der Herr Verwalter vielleiwt die Güte haben wollte, einen Leuchter mit hinein zu nehmen —" „Wenn Sie es erlauben, mit Vergnügen." Er ließ das Kind von seinen Knieen gleiten, indem er versicherte, daß er sehr bald wieder hereinkommen iverde. Dann nahm er einen der Leuchter mit brennender Kerze und folgte dem Hausherrn in das anstoßende Ziinin.er. Herr Steinhart schloß die BerbindungSthürc, bat seinen Gast, sick in einem Fauteuil nieder zu lasten und setzte sick ihm gegenüber. Er erwartete, daß der Verwalter beginnen iverde, als dieser jedoch zu zögern schien, sprach er: „Sie scheinen mir nichts Gutes mitzutheilen zu haben, Herr Berivalter." „Alles ist gut, lieber Freund." entgegnete Werner, „es kommt nur auf den Standpunkt an, von dem aus wir es betrachten." „Bon meinem Standpunkt aus scheint das, was Sie mir mitzntbeilen haben, nicht eben rosiger Natut zu sein —" sagte Stein hart mit erzwungenem Lächeln. Werner schüttelte den Kops. „Sie mißdeuten mein Zögern, darum will ich kurz und ohne weitere Einleitung Ihnen den Sachverhalt mittheilen. — Schon vor ungefähr drei Wochen inachte mich Graf Edgersdorf, ein Freund meines seligen Herrn, darauf aufmerksam, daß die Baronin Waldstein ihren ehemaligen Plan, den zu durchkreuzen Baron Hugo sein junges Leben geopfert hat, ivieder aufgenommen zu haben scheine. Da er Miste, daß ich dem jungen Baron in dessen letzter Stunde gelobt habe, über dessen Schützling zu wachen,