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Der Israelit · 1900-05-10 · Heft 38 (10.5.1900) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 38 (10.5.1900)
Date
1900-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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766 ständniß haben. Wir sollten meinen, die Kreuzzeitung müßte sich, wenn sie in dieser Hinsicht einer Belehrung überhaupt zugänglich wäre, was wir aber gar sehr bezweifeln, an der Gepflogenheit der israelitischen Religionsgesellschaft ein Beispiel nehmen und auch ihrerseits keinen Unterschied kennen zwischen Juden und Nichtjuden, sondern einzig und allein Wissen, Tüchtigkeit, Lehrgeschick und Pflichttreue als die bestimmenden Motive bei der Anstellung eines Lehrers gelten lassen. Wenn wir Zum Schlüsse noch mittheilen, dass der Schulrath der Unterrichtsanstalten der israelitischen Religiousgesellschaft seit mehreren Jahren an dem Grunosatze festhält, nur solche Lehrerinnen für die oberen Mädchenklassen anzustellen — und um solche handelt es sich bei den jüngsten Neuanstellungen — die mehrere Jahre im Auslande waren und der fremden Sprachen auch im mündlichen Gebrauch vollständig mächtig sind, dann haben wir damit auch die Erklärung dafür gegeben, warum eine Anzahl in Frankfurt a. M. lebender jiidischer Lehrerinnen bei Neubesetzung einer Stelle nicht berücksichtigt werden konnte. Also, geehrte Kreuzzeitung, Pardon, Herr Correspondent der „Allg. Ztg. d. Judenth.," auch hier wieder nach „Kunst und nicht nach Gunst." Doch darum ist es dem Herrn Kritiker gar nicht zu thun. Ihm ist es sicherlich ziemlich gleichgültig, ob diese Lehrerinnen, „die sich durch Privatstunden kümmerlich nähren," Anstellung haben oder nicht. Es ist einzig und allein die Richtung der Schule, die ihm ein Dorn im Auge ist. Aber da ist nicht zu helfen. Wollte die Religionsgesellschaft diese auch nur im geringsten ändern, so hätte sie damit die Existenzberechtigung ihrer Anstalten vollends preisgegeben. Daß das aber niemals der Fall sein werde, das haben die leitenden Persönlichkeiten der Gemeinde gerade in den letzten Wochen, anläßlich eines schmerzlichen Ereignisses, des öfteren ausgesprochen. ncx Hamburg, 7. Mai. Ein antisemitischer Reinfall ergötzlicher Art ist der in ihrem Fanatismus blind und toll gewordenen „Staatsbürgerzeitung" zugestoßen. Unter der schrecklichen Ueberschrift „Verjudung von Kunst und Wissenschaft" hatte sie schaudernd berichtet, in die Sachverständigen-Commission bei den königlichen Museen für 1900 bis 1903 sei auch ein Herr James Simon für die Gemäldegalerie „gewählt" worden, und hatte außer der freundlichen Note „Das geht noch über die Judenteppiche in der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche!" die Frage in Klammern beigefügt, „von wem" Herr Simon eigentlich „gewählt" worden sei? Denn die ..Staatsbürgerzeitung" ist sehr wißbegierig und hört außerdem noch das Gras wachsen .... Wir können und wollen dem Ahlivardt-Moniteur Kine Frage beantworten: Kein Geringerer, als der deutsche Kaiser hat, wie die übrigen Mitglieder, so auch Herrn Kaufmann James Simon durch Allerhöchsten Erlaß vom 26. März 1900 (gezeichnet: Studt) in die Commission von Sachverständigen für die Gemäldegalerie der Berliner königlichen Museen berufen! — Seine so oft betonte „Loyalität" tvird das Anti semitenblatt hoffentlich genug Mänuerstolz vor Königsthronen auftreiben lassen, um die furchtbare Anklage nun gegen die richtige Adresse zu schleudern. Lübeck, am Neumond des Jjar. Es war am jüngsten Erev Jaum kippur, als eine der loiirdigsten hiesigen Frauen, nach ihrer Getvohnheit, lange vor der festgesetzten Zeit, sich zum Gange nach der Synagoge zum Kolnidrc-Gebet anschickte. Die hochbetagte Greisin erfreute sich einer bewundernswertsten Rüstigkeit, gegen welche auch der von so manchen jüngeren Männern und Frauen gefürchtete Fasttag nichts vermochte. Frau Hanna G o g e bangte nicht vor dem Fasten, nicht vor der furchtbaren Hitze, die an diesem Abend den Aufenthalt in der Frauensynagoge zu einem ungebotenen sechsten Jnnui stempelt: sie pflegte auszuhalten, bis auch der letzte Vers gesungen war, um dann mit ihrem Gatten nach Hause zu kehren und am anderen Morgen mit demselben als eine der ersten wieder zu erscheinen. Wäre sie doch nur auch dieses Mal mit ihrem Manne zusammen zu Kol nidre gegangen! Herr Gogc tvar vorausgeeilt, um erst noch bei seinem Sohne einzusehen und seiner Gewohnheit gemäß, seinen kleinen Enkel mH sich nach „Schul" zu nehmen, Frau Goge folgte allein bald nach. Nicht weit mehr von der Synagoge entfernt, tvird sie von einem getvaltigen, aus einem Bierhause herausstürmenden Hund, der mehrere Male gegen sie ansprang, so heftig zu Boden geworfen, daß sie einen doppelten Schenkelbruch davontrug. Ein Arbeiter hatte den Vorgang gesehen, sprang hinzu, hob sie vom Boden auf und besorgte eine Droschke, welche die Verunglückte in ihre Wohnung zurückbrachte. Sie ließ es sich trotzdem nicht nehmen, lute immer zu fasten und duldete auch nicht, daß ihr Gatte am Suckaus an ihrem .Krankenlager blieb, weil sie wußte, wie schwer es ihm fallen müßte, außerhalb der Suckoh zu speisen. Die Hoffnung auf eine baldige Genesung erwies sich als trügerisch, lieber sieben Monate hindurch erduldete die Arme alle Qualen des schmerzlichen Krankenlagers, nur durch ihr heiteres Gottvertrauen sich und ihre Umgebung über die trostlose Lage hinwegtäuschend. Einen Lichtblick auf ihr eintöniges, langwieriges Siechthum warf das schöne Lichterfest Ehanukkah. Am Schabbos Ehanukkah feierte Herr Goge seinen 70. Geburtstag. Herr Goge ist seit vielen Jahren Vorsteher der Chewrah.Kadischah. Der Verein wollte seinen verdienten Gabboi gebührend ehren und überreichte demselben in Gegenwart sämmtlicher Mitglieder und im Beisein des Gemeindevorstandes und des Rabbiners einen silbernen Pokal. In wohlgesetzten Reden wurden die Vorzüge des Jubilars und seine vielfachen Verdienste um den Verein, die Gemeinde und ihre Institutionen hervorgehoben. Auch der Rabbiner hatte eine freudige Ueberraschung für diesen Tag sich Vorbehalten. Herr Goge hatte in der Jugend keine Gelegenheit, sich dem Thorastudium zu widmen. Aber seit mehr als 30 Jahren versäumt der eifrige, beschäftigte Kaufmann keinen Tag, so wenig wie den öffentlichen Gottesdienst in

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