Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 38 (10.5.1900)
- Date
- 1900-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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765 des Geh. RegierungSrathes Dr. Mayer in einem Aufsatz: „Der Werdegang unserer Gebote." Es ist eine sehr breitspurige, langathmige und langweilige Abhandlung, in der es geradezu von Behauptungen, Folgerungen und Vergleichen wimmelt, melck-e im einzelnen und in ihrem Ensemble in hohem Grade die Kritil herausfordern. Ich werde dieser Herausforderung jedoch nicht Folge leisten, wenigstens jetzt nicht, obwohl eine Zusammenstellung der hier angehäuften Jrrthümer, Schnitzer, Unwahrheiten und Unrichtigkeiten viel Interessantes böte. Zur Kennzeichnung der ganzen Tendenz dieser bestellten Arbeit genügt auch ihre bloße Ueberschrift. Diese Flagge, unter welcher das Ganze segelt, will dem Leser nahelegen, daß unsere heiligen Gebete, die heilige Verehrung nicht verdienen, die sie in der ganzen jüdischen Diaspora genossen und genießen. Unsere Tefilla ist kein großes, einheitliches Ganzes, denn sie ist nicht wie Minerva fertig aus dem Kopf irgend eines Zeus emporgeschossen, sondern sie ist erst allmälig durch Zusätze, Streichungen und Aenderungen das geworden, was sie heute ist; sie hat einen Werdegang! Dieser Werdegang ist jedoch noch nicht abgeschlossen. So gut unsere Altvordern das Recht hatten, an der Tefilla zu feilen und zu modeln, ebenso gut haben es jeder ixbeliebige Konferenzrabbiner und sein Arbeitgeber: Herr Dr. Mayer. Das ist die Quintessenz der ganzen hier aufgetischten Weisheit. Die zahlreichen Eitate und Belege, die der Arbeit im Notenvarterre beigegeben sind, geben dem Ganzen den Anstrich einer gewissen Gelehrsamkeit. Aber in Wirklichkeit haben sie nur denselben Zweck, den der Geifer hat, mit welchem gewisse Schlangen ihre Opfer überziehen, um sie leichter und glatter schlucken zu können. Man kann sich denken, daß es eines großen gelehrten Krimskrams, viel blauen Dunstes und dergleichen bedarf, um unsere alte Tefilla für den Index reif zu erklären. So harmlos und unverfänglich dieser gelehrt sein sollende Firlefanz sowohl hinsichtlich seines inneren Werthes, als seines äußeren Erfolges auch erscheint, um so beachtenswerther ist ein anderes papierenes Geschoß, das der Oberrath der Israeliten gegen das Gebetbuch und den synagogalen Gottesdienst der Israeliten neuerdings gerichtet hat. Dasselbe verdient schon eher ein wenig bei Licht betrachtet zu werden. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 3. Mai. Die „Allgemeine Zeitung des Indenthnms" beschäftigt sich in ihrer Nummer vom 13. v. Monats — dieselbe kommt mir erst heilte zu Gesicht — auch mit der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft. Davon ausgehend, daß die staatlichen höheren Lehranstalten unserer Monarchie ihre Pforten den Lehrern israelitischen Bekenntnisses fast vollständig verschließen, was wir mit dem Herrn Correspondenten der „A. Z. d. I." gleichfalls aufrichtig bedauern, theilt sie ihren Lesern mit, daß an obengenannter Schule in Frankfurt a. M. eine große Zahl von christlichen Lehrern und Lehrerinnen als ordentliche Lehrer angestellt, und daß nach Ausweis des letzten Programms wiederum zwei jüdische Lehrerinnen durch Lehrkräfte christlichen Bekenntnisses ersetzt worden seien. Wenn es mir auch nach sorgfältigster Durchsicht des Programms nicht gelungen ist, einen Anhaltspunkt für letztere Behauptung zu finden, so will ich nicht anstehen, zuzuaeben, daß tatsächlich eine Anzahl von christlichen Lehrern und Lehrerinnen an der Schule wirken. Aber der Herr Verfasser jener Correspondenz irrt sehr, wenn er glaubt, Furcht vor dem Geiste der Aufklärung sei die Ursache dieser Erscheinung. Denn Gottlob! Die Zeit ist unwiederbringlich dahin, da man den, der sich leichten Sinnes über die heiligsten Pflichten unseres Gotteswortes hinwegsetzt, für den Aufgeklärten und Gebildeten, den aber, dem es mit der Erfüllung der Mizwaus ernst ist, der sich noch nicht zu dem erhabenen Gedanken aufschwingen kann, als ob Zeit und Verhältnisse das Korrektiv unseres religiösen Pflichtlebens seien, für einen Finsterling und geistig Zurückgebliebenen hält, .nbsrr i\sn &, ly&nnz Rein, geehrter Herr, nicht die Furcht vor Aufklärung ist es, sondern die Befürchtung, das Gift der Verführung, der jeder Mensch, insbesondere aber das für alles Neue so leicht empfängliche Kindesherz so sehr zugänglich ist, namentlich wenn sie von angeblich gebildeter Seite gepredigt und vorgelebt wird, könnte unfern Kindern an Geist und Seele schaden, das ist es. weßhalb die Verwaltung der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft von jeher das Prinzip vertrat — und hoffentlich auch in aller Zukunft vertreten wird — christliche Lehrer unfrommen jüdischen Lehrern vorzuziehen. Wenn der Herr Correspondent nun, um der israelitischen Religionsgesellschaft etwas am Zeuge zu flicken, den „katholischen Herrn Oberlehrer," derselbe ist in Wirklichkeit Professor, aufmarschieren läßt, um zum mindesten ein Gruseln in der Brust derer zu erwecken, die die internen Verhältnisse dieser Schule nicht kennen, so sei zur Steuer der Wahrheit mitgetheilt, daß nicht die Verwaltung der Schule, resp. der Gemeinde, sondern das kgl. Provinzialschulkollegium zu Kassel genannten Herrn mit der Leitung der Anstalt für die Dauer des Provisoriums betraut hat, und daß gerade der Schulrath der Religionsgesellschaft es war, der Herrn Professor Dr. Sulzbach zum stellvertretenden Direktor, soweit jüdische Angelegenheiten in Frage kommen, nominirt hat. Was nun die Schlußbemerkung anbetrifft, als ob dadurch der „Kreuzzeitung" neuer Stoff für antisemitische Hetzereien geliefert werde, so müssen wir gestehen, daß wir für solche Logik kein Ver