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Der Israelit · 1900-05-03 · Heft 36 (3.5.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 36 (3.5.1900)
Date
1900-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41 ♦ Jahrgang. Erste Beilage M M 36 -rs Jferntlit“. leitender 2lrtikel. um Woniher Word Von unserem Spezialkorrespondcnten. Könitz, 1. Mai. Om'-bcn leuchtet die Sonne des ersten Maitages durch das Fenster einer durstigen Stube in einem noch bescheideneren Gasthofe in der Nähe von Könitz. Hier, im Nordosten beginnen erst jetzt die Bäume zu knospen ant* nach dein langen, langen Winter beginnen die Menschen aufzuathmen. Denn es will Frühling werden! Doch nur Frühling in der Natur — Israel aber fühlt sich bedrückt. Die Stimmung hier und fast in ganz Westpreußen (siehe Nachrichten) ist sehr trübe. Denn nach ist das Dunkel der entsetzlichen Mordthat nicht gelichtet und — darüber sind sich auch die Kriminalisten einig: sie >vird wahrscheinlich nie gelichtet werden! Sechs Wochen sind nach der That vergangen und noch leine sichere Spur. Ich sagte es schon in meinem ersten Berichie: in den ersten Tagen dachte kein Mensch an das Märchen des Ritualmordes, bis die — Staatso ii r g e r zeitun g ihr jährliches Requisit des — Abonnentcnfanges hervorholt und durch ihre aufreizenden Artikel auch die Polizei aus falsche Fährte führte. Inzwischen hat der Mörder sämmtliche Spuren verwischt und das Räthsel bleibt ungelöst, der schmachvolle Verdacht aus uns ruhen und Wochen, Monden, vielleicht Jabre werden vergehen, bis sich die jüdischen Geichäfisleute von den Folgen erholt haben. Wer im Stande ist. sich vom Geschäft zurückzuziehen, und das sind nur sehr Wenige, oder wer nur die Mittel hat in einer anderen Provinz sich auf's Neue zu etablieren, der zieht sicher in absehbarer Zeit aus dieser Provinz >veg und nur der ärmere Theil bleibt in den schon armen Gemeinden zurück. Ich befinde mich augenblicklich 11Meilen von Könitz — in Schlochau, einer Gemeinde von etwa 70 meist wenig bemittelten, aber religiösen Mitgliedern, die trotz aller Hepp, Hepp-Rufe :>och räglieb zwei Ala! die Synagoge besuchen, um dort in inbrünstigem Gebete den Hüter Israels auzurufen, nah er helfen möge. Allan hat. in Parenthese sei es lner Ocaicrfi, in den Reforingevet'oiichern die Formel z'i'vbab' ansgemerzt oder umgewandelt! wer aber aUi uio,lich gelvisse Tageszeitungen lesen must, kann mit gutem Gervisscn das a'cr* ~zrr:, -pyn beten. —- Die haar größeren Geschäfte, die seit Wochen säst brach argen, haben sich getröstet, - wann hätte der fromme Jehudi sein Gamsu letauwo nicht zur Hand!? Die kleineren Geschäftsleute aber, Viehhändler, Fleischer etc., die auf dem Lande ihre Kunden suchen muffen, dürfen sich in den Dörfern nicht mehr sehen lassen. In Städten, wo doch noch einzelne Polizisten oder Gendarme sich sehen lassen, hört man nur versteckte Hepp- Hepp-Rufe oder es fliegen nur in dunkler Nacht die Steine durch die Fenster jüdischer Einwohner, aber auf dem Lande feiert der antisemitische Teufel wahre Orgien. Der westpreußische Bauer ist überaus beschränkt; er glaubt sogar, was die Staatsbürgerzeitung schreibt. Am meisten leiden, so absurd es klingt, die jüdischen Hausfrauen unter der modernen Judenhetze. Die christlichen Dienstmädchen sind vielfach «us den Häusern der jüdischen Herrschaften geflohen, weil man ihnen, ä la Staatsbürgerin, weiß gemacht, sie werden geschlachtet. Einzelne Hausfrauen zahlen in den kleinsten Städten, wo bisher für 90—100 Mk. per Jahr ein tüchtiges Mädchen zu haben war, bis 200 Mk. und sind froh, daß sie dafür eine Bedienung bekommen und behalten. Untenstehend gebe ich die Nachrichten wieder, die die durchaus korrekte „Konitzer Zeitung" bringt: B a l d e n b u r g , 24. April. Hiesige Bewohner lassen sich leider weiter zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen hinreißen. Diese Leute bedenken nicht, daß die Stadt und somit jeder Steuerzahler für den angerichteten Schaden haftet. Die Synagoge ist zum zweiten Male arg zugerichtet worden. Nachdem eine Menge Fenster zertrümmert waren, stiegen die Ruhestörer hinein, um daselbst ihr Unwesen zu treiben. Von den drei Kronleuchtern wurden zum Theil sämmtliche Arme vermuthlich mit Steinen oder Hämmern abgeschlagen. Der Kantorsitz ist zertrümmert, Bänke, Vorhänge und Teppiche vernichtet. Ferner wurden zwei enthäutete junge Ziegen vorgefunden. W i e l l e, 26. April. Wie in vielen Orten der Provinz, so zeitigt auch hier der in Könitz verübte Mord arge Ausschreitungen gegen die Juden, deren Zahl mit der Zeit sich von etwa 8 auf 2 Familien verringert hat. Allabendlich sammeln sich viele Personen vor den Wohnungen der Juden an, dieselben unter lautem Hepp - Hepp - Rufen mit Steinen bombardierend. Die Erregung gegen die Juden wächst mit jedem Tage, und aehi die allgemeine Stimmung dahin, nichts mehr von den Juden zu kaufen. S ch l o ch a u , 20. April. Jetzt bat sich heraus, gestellt, daß der hier aufgefuudene Menschenschädel von einem Arbeiter aus Lust am Unheilstiften an den Fundort gelegt ist. Da infolge des unheimlichen Fundes neue Unruhen entstanden sind, dürfte dein betr. „Spaßvogel" der Scherz theuer zu stehen kommen. Anzeige gegen ibn ist bereits erstattet. Die Nachricht von dem Schädelfunde haben auch die antisemitischen Zeitungen gebracht. Diese Aufklärung aber lvohlweißlich verschwiegen. So wird's ge macht. ganz a Ia Rabbi von Bacharach.

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