Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 36 (3.5.1900)
- Date
- 1900-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1U wesenen Sorgfalt und Hingebung darauf hin; auch die Lebensführung der jüngeren Lehrer ist eine frömmere geworden. In den Anschauungen der israelitischen Bevölkerung hat sich auch eine Wendung zum Guten geltend gemach! Es gilt nicht mehr als Vollendung der Bildung, über das jüdische Religionsgesetz sich hinwegzusetzen und über Eeremonien zu spotten und verbotene Speisen zu genießen. Dies Alles datiert vom Eintritt unseres KirchenratheS in den württembergischen Dienst. Tie Gemeinden, soweit sie jüdisch fühlen, blicken mit Vertrauen auf Herrn Dr. Kroner und fühlen sich gestärkt im Bewußtsein, an demselben einen Rückhalt zu besitzen. Roch heute sind sie der Vorsehung dankbar, daß sie ihnen diesen Mann beschieden hat. Welche Fülle guter Samenkörner streut er bei seinen Inspektionsreisen, aus welchen er unermüdlich thätig ist, aus. In die kleinste Landgemeinde kommt er und prüft Schulen und Synagogen, inspicirt Schechita und Mikwa, mahnt und bessert, hilft und räth. Von seinen Schöpfungen ist des Oefteren in diesen Blättern berichtet worden. In Stuttgart selbst hat er einen Talmud-Thora-Verein gegründet, wo dreimal wöchentlich „gelernt" wird. Ferner den israelitischen Iünglingsverein, um die Jugend für jüdischen Geist und jüdische Bestrebungen zu gewinnen, sowie den Landesasglverein zur Pflege der Wohlthätigkeit und bereits ist dieser zum Sammelpunkt aller auch der bisher sich sernhaltenden jüdischen Kreise geworden. Was die Schechita betrifft, so wurde sie den Vorschriften des Judenthums entsprechend organisirt, die Metzger in Stuttgart dahin gebracht, daß sie nicht mehr selber die Schechita ausüben; im Lande wurde ebenfalls das Schächten durch die Metzger beschränkt und für die Zukunft ihnen die Autorisation dazu verweigert. Die Rcligionsschule wurde neu eingerichtet, die Zahl der Lehrer vermehrt, an den höheren Schulen Religionsstunden eingefiihrt und vom Herrn Kirchenrath zum Theu selbst ertheilt, in welchen er Schüler und Schülerinnen durch seinen meisterhaften Unterricht entzückte und de" Religion gewinnt. Eine Vereinigung der Rabbinen, die der Herr K »'ck/urath gegründet hat, ist Ursache schon von manchen guten Einrichtungen geworden und findet ein Rabbiner Rückhalt an dem Vereine seiner Kollegen, wenn er für den nrn p-r in seiner Gemeinde eintreten will. Auch auf die Ausbildung der Religionslehrer und Vorsänger hat sich der wohlthätige Einfluß des Herrn Kirchenrath erstreckt. Haben doch die damaligen Zöglinge der Lehrerbildungsanstalt nach seinem Amtsantritt wabrgenommen, wie ein merkbarer Ruck nach rechts von ihrem Lehrer gemacht worden ist. Die Zahl der Stunden und der bei dem Religionsunterricht gegebenen Fächer ist vermehrt, der Unterricht intensiver geworden, und auch gegenwärtig wirkt daselbst zur Genugthuung aller Kreise des Landes und nicht zum wenigstens auch zu derjenigen des Lehrerstandes eine akademisch und theologisch ausgebildete Kraft, welcher auch die Gesetzestreuen Vertrauen entgegenbringen. I So sehen wir überall eine Wendung zum Besiern und Anfänge von neuen, der Entwicklung noch harrenden wohltbätigen Einrichtungen. Möge uns der Allgütige diesen Mann nur noch recht lange erhalten. O e st e r r. - U n g. M o n a r ch i e. Budapest, 26. April. Justizminister Ploß beantwortete heute die Interpellation des antisemitischen Abgeordneten Zmestal in Angelegenheit des „Rameßtoer Kindesmordes," der im „Israelit" seinerzeit ausführlich besprochen wurde. Der Justizminister erklärte ganz einfach, daß mit Ausnahme dessen, daß man in der genannten Ortschaft den Leichnam eines Knaben in einem Keller aufgefunden, alle Angaben des Interpellanten falsck seien. Es ist unwahr, daß die Leiche „blutleer" ansgefunden wurde, es sei vielmehr behördlich erwiesen, daß sie in einer Blutlache gelegen. Es ist ferner nicht wahr, daß Spuren blutiger Handabdrücke bis in die Wohnung des jüdischen Schuldieners Jakob führten. Alan habe überhaupt in der Wohnung des Betreffenden unter der Schmutzwäfche blos ein blutbeflecktes Hemd gesunden, das aber nicht dem Manne Jacobsohn gehörte. Es sei nicht wahr, daß die Frau des Schächters Nürnberger unter ihrem Kleide verborgen irgend ein Gefäß gehalten und sich in der Richtung nach dem Fundorte der Leiche fortbewegt hätte. Es sei schließlich eine Unwahrheit, daß im Laufe der Untersuchung eine jüdische Deputation beim Minister vorgesprochen hätte, Redner kann vielmehr konstatiren, daß von einem Ritualmorde gar keine Rede sei. Auf die Frage des Interpellanten, ob der Minister geneigt sei, dahin zu wirken, daß in „dieser jedenfalls geheimnißvollen und verdächtigen Mordaffaire" unverzüglich vorgegangen werde, antwortet der Minister, daß die Interpellation selbst eine Verzögerung der Untersuchung nach sich gezogen habe, weil Redner in Folge derselben die Akten einverlangen mußte. Wenn der Interpellant unter Raschheit aber das versteht, daß zwei von ihm verdächtigte Individuen in Untersuch ungshaft gezogen werden, so müsse Redner erklären, daß er hierauf keinen Einfluß nehmen wolle. Die Untersuchung und das ganze Verfahren wird vollständig noriimr geführt. Der Interpellant suchte sich durch die Erklärung, daß „er selber an keinen Ritualmord glaube," aber — es dennoch für möglich halte, daß fanatische Juden eines solchen fähig seien — aus der Affaire zu ziehen, aber das ganze Haus lachte über die kuriosen Bocksprünge dieses bekannten politischen Gauklers. Mit Ausnahme der antisemitischen Volkspartei hat das ganze Haus die Antwort des Ministers zur Kenntniß genommen. Trotz der apodiktischen Erklärung des Ministers, hielt der alte Kauz seine Behauptung aufrecht, daß eine jüdische Deputation im Justizministerium in dieser Angelegenheit vorgesprochen. Der Minister machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und würdigte den antisemitischen Volksbethörer — den feine jüdischen Landsleute auf's Schild gehoben — keines weiteren Wortes.