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Der Israelit · 1900-05-03 · Heft 36 (3.5.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 36 (3.5.1900)
Date
1900-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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721 Exil mein Volk aus Unverstand," in diesen Worten kündet Jesaias das Verhängnis,, das über Juda, als seiner Sünde Frucht, Hereinbrechen werde. Und es erfüllte sich die Weissagung; aber ehe die Flammen Jerusalem zerstörten, sollte noch einmal in seiner Mitte die Leuchte der Prophetie erstrahlen in einem aus Anathot gebürtigen Priester, „dem Manne, der das Elend geschaut," in Jeremias. Als Nebukadnezar auf dem Zuge nach Aegypten Jerusalem belagerte, war es dem Propheten gelungen, die Reichen zu bewegen, den hebräischen Knechten, die nach der Pentateuch-Vorschrift nach sechs Dienstjahren zu entlassen sind, die Freiheit zu schenken. Als aber Nebukadnezar die Belagerung aufgab und das Volk wieder frei aufathmete, da vergaßen sie bald treulos die heiligen Eide, mit denen sie die Freilassung besiegelt und zwangen die Unglücklichen wieder in die alte Frobne. Dieser schnöde Treubruch durste nicht ungerächt bleiben. Jeremias, der sich von Anfang seiner Sendung als die eherne Höhe und die eiserne Mauer fühlte, gegen die das Volk und seine Fürsten vergeblich anstürmten, trat furchtlos gegen die meist adligen Frevler auf und geißelte in öffentlicher Rede das unerhörte Verbrechen. Er wußte, daß Noth und Verfolgung sein Los sein werden, aber als Held seiner Ueberzeugung konnte er für die Wahrheit wohl dulden und bluten, aber sie nicht vergessen und verleugnen. Ohne Rücksicht auf die Machthaber, die ihn wegen seiner lästerlichen Reden schon einmal gestraft hatten, ruft er ihnen wieder die gellenden Worte in die verwöhnten Ohren: Zion wird ein Trümmerhaufen und Jerusalem ein umpflügtes Feld!" Das Unglück kam eiligen Schrittes. Unter den Steinen des zerstörten Heiligthums wurde der prophetische Geist nicht mitbegraben. Die Ideale, für die die Seher lebten und starben, gewannen neue Gestaltung nnb Vertiefung in der nun kommenden Blüthezeit der Thora sckebeal pe. Was die Propheten unter Thränen gesäct, das ging bei den Männern der Mischna und Gemara zur herrlichen Heilsernte auf. Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deutschland. Berlin, 30. April. Es ist bekannt, daß es keine, noch so rückständige, an das graue Mittelalter erinnernde Anschauung gibt, die nicht im preußischen Herrenhause ihre Vertretung findet und darum überrascht es uns nicht, daß Herr Hertzberg-Lottin sich an die Siaatsregierung mit folgender Interpellation wenden will: „Welche Schritte gedenkt die kgl. Staatsregierung zu tbun, um weiten Kreisen der christlichen Bevölkerung die Gewißheit zu verschaffen, daß die in den letzten Jahren vorgekommenen unaufgeklärten Morde an christlichen Jünglingen und Jungfrauen nicht von den Juden begangene sogenannte Ritualmorde sind?" Die Frage lautet sehr naiv und könnte den Anschein erwecken, daß der Interpellant sich von dem Glauben an den sog. Ritualmord selber frei fühlt. Aus der Begründung geht aber hervor, daß er ein wascheckuer Antisemit ist, der die „Staatsbürgers." wie gutem Erfolge aufmerksam gelesen hat, denn die Begründung lautet: „Der bisher unaufgeklärte Mord des Gymnasiasten Winrnr in Könitz hat die Bevölkerung großer Theile Westpreußcns und Hinterpommerns umsomehr in berechtigte Aufregung versetzt, als der Befund der Leichentheile ebenso wie die ungesühnt gebliebenen Morde in Sturz und kanten auf eine besondere Verwendung des menschlichen Blutes schließen läßt. Da nun in weiten Bollskreisen der Glaube vorherrscht, daß die jüdischen Geheimschriften die Verwendung von Christenblut für rituelle Zwecke gebieten, außerdem zufällig bei diesen Morden wie auch bei denen in Böhmen und Tisla-Eßlar die eisten Spuren der Thäterschaft, welche indeß im Laufe der gerichtlichen Verhandlungen immer verwischt wurden, aus jüdische Thäter deuteten, so erscheint es allein im Interesse der jüdischen Bevölkerung geboten, daß durch eine authentische Uebersetzung aller jüdischen Geheimschriften der Nachweis geführt wird, daß diese Schriften keinen Anhalt für den Volksglauben bieten. Dem Interpellanten liegt nicht nur daran, endlich Klarheit über die Motive zu diesem mysteriösen Morde zu schaffen, sondern er möchte auch hauptsächlich die christliche Bevölkerung darüber beruhigen, daß seitens ihrer berufenen Vertreter Alles geschehen wird, um eine Verdunkelung des Thatbestandes zu verhindern. Die Bevölkerung wird durch diese Gewißheit hoffentlich abgehalten werden, sich durch Provokationen seitens der Juden zu Gewaltthätigkeiten Hinreißen zu lassen, die schließlich nur den Juden nützen und die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe von der dieser Erregung zu Grunde liegenden scheußlichen Mordthat abzulenken geeignet erscheinen. Ist es doch durch die Unruhen in unseren Nachbarstädten schon so weit gekommen, daß der Herr Minister des Innern die Hauptaufgabe der Polizeiorgane zunächst in der Unterdrückung des überschäumenden Unwillens einer erregten Bevölkerung sieht. Möge sich die christliche Bevölkerung daher einer so tiefernsten Sache würdigen Zurückhaltung befleißigen!" Berlin, 29. April. Aus der Generalversammlung des Vereins „L e h r l i n g s h e i m Pankow," die heute unter der Leitung des Vorsitzenden, Herrn Kommerz'.-'urath I. L ö w e, in den Räumen der „Ressource von 1874" stattfand, ist nichts Wesentliches zu berichten. Die Punkte der Tagesordnung riefen keine Debatte hervor, den Kassenrevisoren wurde Decharge ertheilt. die bisherigen Revisoren der Kasse, die Herren Julius Kohn und Emanuel Appel, wiedergewählt und die Feststellung des Etats für 1900—1901 genehmigt.

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