Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-05-03 · Heft 36 (3.5.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 36 (3.5.1900)
Date
1900-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449083--50624-2501059
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

720 In der glücklichen, erfolggekrönten Regierungszeit des I I. Jerobeam, der das israelitische Nordreich zu ungeahntem Glanz und zu Macht und Ansehen erhob, versammelte sich das Volk in Betel zu den großen Herbstfesten und vergnügte sich in ausgelasiener Lust mit Sang und Tanz; seit lange fühlte Ephraim sich nicht so sicher und zufrieden; mit dem Siege über den Feind wuchs der Reichthum und das Wohlleben, die alte Sitteneinfalt schwand, morgenländische Pracht breitete sich aller Orten aus. Da tritt Amos, der Hirte aus Thekoa, unter die reichen Zecher, die in wüstem Gelage ihren Göttern Feste feierten, und während Alles von Jubel erfüllt ist über die herrlichen Kriegserfolge in den letzten Kämpfen und die Feldherrn und Edlen von einer irdischen Weltmacht Samarias träumten, stimmt der Prophet die wehmüthige und herzzerreißende Tcdtenklage über die gefallene Jungfrau Israel an: „Gefallen ist und wird sich nimmer erheben die Jungfrau Israel; zur Erde ist sie gesunken und keiner richtet sic auf." Man wird auf den merkwürdigen Sprecher aufmerksam, man umringt ihn, es liegt so viel Hoheit in seinen Worten, eine unwiderstehliche Kraft offenbart sich in seiner Persönlichkeit. Und nun richtet er mit markiger Stimme, daß es wie Donner dröhnt, seine machtvollen Worte gegen die Versammlung. Warum geht Israel zu Grunde trotz äußerer Siege und Erfolge, warum sieht er das Gift schon den Lebensnerv des Voltezerfressen? Die Reichen ruhen auf elfenbeinernen Sophas und auf damastenen Polstern liegen sie dabingestreckt, schlachten die fettesten Schafe und trinken die kostbarsten Weine, klimpern auf der Harfe und halten sich für Sangeskünstler wie David! Und wie haben sie ihren Reichthum gewonnen. Sie haben die Armen ausgebeutet und den Weg der Dulder geneigt bn "-tc h: bux Z' c'bzr und statt die gepfändeten Kleider den Verarmten nach der Thoravorschrift zurückzugeben, legen sie sich aus ihnen nieder bei ihren Opferschmausen und treiben gegen das Thoraverbot Getreidewucher -Lv -2 rx rc\ deßhalb können sie Quaderhäuscr bauen und Weinberge der Lust pflanzen. Sie kennen nur Unrecht, sie, die ausspeichern Gewaltthat und Raub in ihren Palästen; und die reichen Frauen Hetzen ihre Männer aus, die Armen zu bedrücken, und des Arbeiters Lohn, den doch die Satzung mit den Worten ■vrr rÄrj?D ri?n xS schützt, ihm vorzuenthalten. Darum wird der Ewige schlagen die Winterpaläste und die Commervillen, und die Marmorbauten und Elfenbcii Häuser werden vernichtet werden. Und verwüstet werden die Höhen Isaaks und die Heiligthümer Israels verödet und wird wider Jerobeams Haus bestellen das Schwert!" Der im Solde des Königs und des Adel-' stehende Hohepriester Amazja, der dem Götzentempel zu Betel vorsteht, meldet diese lästerlichen und aufrührerischen Worte dem König und gibt dann dem Provheten im Jntereffe der öffentlichen Ordnung den Ratb: „Geh, fliehe nach Juda, iß dort Dein Brot und predige dort!" Amos läßt sich aber durch den gedungenen Psaifen nicht einschüchtern, mit der Kraft, die Gott irr ihn gelegt, predigt er unbeirrt das Wort des Ewigen. Was in Betel der schlichte Hirte aus Tekoa in so elementarer und ergreifender Weise zum Ausdruck bringt, in einer Beredsamkeit, die wie ein mächtiger Wasserfall alles mil sich fortreißend in ungehemmtem Lauf sich ergießt. vernehmen wir im künstlerischen Liede des redegewaltigen Jesaias in Judas Hauptstadt Jerusalem. Es war beim Winzerfeste. Der Weinernte reicher Segen war heimgebracht, aber der frommen Vorschrift, die Nachlese dem Armen zu überlasten, hatte man nicht gedacht, das Jobeljahr war in's Land gekommen, aber die veräußerten Weinberge waren nicht an die Erb. familien zurückgegeben worden. Die Nichtbefolgung des Zinsverbotes hatte auf der einen Seite reiche Schwelger, auf der anderen Seite elende Bettler hervorgerufen. Und während hier auf erschwindeltem Bodens auf gegen die Thorasatzungen den Armen vorbehaltenen Grundstücken lüsterne Prasser ihre wilden Orgien hielten, geht durch die Gasten der jüdischen Hauptstadt der Enterbte, dem die Hartherzigkeit des Reichen wider die Lehre des Ewigen Haus und Hof genommen. Ihm winfet keine Winzerfreude, ihn ladet kein perlender Wein zu frohem Feste; einsam und bekümmert schleicht er in seiner Herzensverbitterung müde seinen Weg, in schwerer Arbeit dem ausbeuterischen Großbesitzer zeitweise dienend. Doch hat alles ihn verlassen, geht eine selbstsüchtige Gesellschaft, die nur das Recht des Stärkeren kennt, über ihn zur Tagesordnung, der edle Prinz aus Davids Geschleckt, den der Ewige zum Propheten erwählt, bleibt nicht theiluamslos, ihn bewegt der Gegen jat, zwischen Reich und Arm, den die Erntefreudc in's Riesenhafte steigert, und er beginnt im Kreise der versammelten Adligen, um tick Gehör zu verschaffen, in der Weise eines lustigen Weinliedes, wie sie beim Winzerfeste vielfach gehört wurden. Doch bald sollten sie es inne werden, wie gar ernst des Liedes Sinn ist. Denn der Prophet deutet das Weinbergslied gar merkwürdig. „Ein Weinberg des Ewigen der Heerschaaren ist das Haus Israel und die Mannen Judas sind die Pflanzung seiner Lust: er hoffte auf Rechtsspruch und siehe Rechtsbruch auf Gesetzestreue und siehe Klage - schrei!" Und nun gebt es wie ein Sturm von ihm aus. Mit Blitzesgewalt zucken feine leuchtenden Worte hinein in die athemlos lauschende Menge: „Wehe Denen, die Haus an Haus rücken, und Feld zu Feld nähern, bis gar kein Raum mehr ist für andere; wollt ihr denn allein wohnen in des Landes Mitte? .... Wehe Denen, die früh am Morgen aufstehen. Berauschendem nach lagen, bis in die Nacht hinein sitzen, vom Weine durch glüht. Es ist Harfe und Laute, und Pauke und Flöte bei ihrem Wcingelaae — doch des Ewigen Wirken sehen sie nicht und seiner Hände Wert betrachten sie nie .... Webe den Helden beim Weintrinken und den Recken beim Mifchtranl: sie sprechen für Bestechung, frei den Frevler und des Unschuldigen Gerechtigkeit nehmen sie birft tu." Dü göttliche Strafe für solches Treiben tvird nicht ausblciben: njn 'bzc zv nb: pb „Darum geht ins

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.