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Der Israelit · 1900-05-03 · Heft 36 (3.5.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 36 (3.5.1900)
Date
1900-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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_41. Jahrgang. Jfe FS. Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLhum. Begründet von Br. in Itainf Donnerstag, den 3. Mai 566V (1SVV). Leitender Artikel. KMlmltMk Sildcr am iitnt Lide» nnb Wirkt» tu MoWten. Von Rabbiner Dr. Mar Beermann, Jnfterbilrg. Wer lebhaft und anschaulich entschwundene Zeiten in geschichtlicher Betrachtung darstellen will, wird gern zu Vergleichen greifen und durch Hinweis .auf verwandte Erscheinungen der Gegenwart die Vergangenheit und ihre Gestaltungen verdeutlichen und dem Verständniß näher bringen wollen. Solche Analogien geben gewöhnlich nur eine Seite wieder und muffen vorsichtig vom Schriftsteller angewandt und mit einem Körnlein Witz vom Leser verstanden werden. So hat man in den israelitischen Propheten feurige Demagogen gesehen, die als revolutionäre Schwärmer sociale Umwälzungen anstrebten und als proletarierfreundliche Vollsanwälte als freies Mandat dieselbe Aufgabe sich stellten, wie etwa in Rom die Volkstribunen. Die Einseitigkeit dieser Auffassung liegt auf der Hand. Ohne den Leser durch Einzelheiten zu ermüden, sei nur auf die augenfällige Thatsache hingewiesen, das; die Propheten ebenso kräftig wie für die unterdrückten Volkskreise auch für die Wahrung und Erhaltung des religiösen Lebens eintreten und sich ebensosehr als Hochwächter der Gottesherrschaft im Lande fühlen, wie als Anwälte der im socialen Leben Vergewaltigten. Es ist die eine göttliche Kraft ihres Wesens, welche sie nach beiden Richtungen drängt: hier die Uebergriffe der Mächtigen zu wehren und dort für die Hut heiliger Glaubenssahungen einzutreten. Es gehörte übrigens nicht weniger Muth und Unerschrockenheit dazu, den von den Adligen und Fürsten eingeführten fremden Cult zu geißeln, als gegen die wucherische Ausbeutung der Armen durch die reichen Besitzer den Kampf aufzunehmen. Hier wie da ist die Entschloffenheit der Gottesmänner ein erhebender Anblick und ibr Kampf gegen die Laster der Zeit eine unvergeßliche Großthat. Wie man die Propheten „Sturmvögel der Weltgeschichte" genannt hat, weil sie durch Gottes Offenbarung die hcrannahenden politischen Umwälzungen vorhersagten, so zeigen sie sich wehrend und warnend als „das wache Gewissen" in Israel. Ueberhaupt ist die Trennung socicler, politischer, religiöser Thätigkeit für uns Moderne zwar etwas ganz Natürliches; im Geist der Bibel aber ist der Vorschlag der Sklavenentlaffung eines Jeremias ebenso religiöse Forderung wie die Heilighaltung des Sabbats. Die Thora Moses, zu deren Belhätigung sie ihr Volk erziehen wollten, ist ja die gemeinsame Quelle für die sociale, wie für die religiöse Lebensordnung Israels. Ganz im Geiste dieser Thora suchten die Propheten zu wirken, das muß betont werden, weil die sogenannte jüdische Reformrichtung und die Bibelkriti: einen künstlichen Gegensatz zwischen Thora und Propheten konstatieren. Leider fanden die Propheten im Volke ebensowenig die kultischen wie die socialen Heilsvorschriften verwirklicht, daher galt ihr Wirken den: ganzen Pentateuch. Wäre das Gesetz Gottes Staatsgesetz geblieben, hätte es alle Fugen und Theile der Verwaltung wie des Volkslebens erfüllt, es hätten so traurige Mißverhältnisse in sittlicher, religiöser und socialer Hinsicht nimmer entstehen können. Da die pentateuchischen Socialideen auch die Propheten erfüllte, brauchte es keines neuen Programmes; ihre gottgesetzte Aufgabe war vielmehr, im Volke einen Boden für die Erfüllung auch dieser Thoragesetze zu schaffen. Das mögen drei Bilder aus dem Leben der Propheten veranschaulichen: Amos der Hirte, Jesaias der Prinz und Jeremias der Priester, so verschieden an Rang und Stand, haben uns in ihren unsterblichen Reden die Erinnerung an ihr Eintreten für Pentateuch ische Socialgesetze aufbewahrt und ihre Worte wollen wir im Folgenden betrachten.

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