Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 35 (30.4.1900)
- Date
- 1900-04-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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708 winnen. Agenten durchreisen sogar schon Rußland und iw Gouvernement Grodno sollen 160 Familien bereit sein, auszuwandern, sobald das Reisegeld aus Paris eintrifft. Rumänien. Bukarest. Allen Klagen aus Rumänien schenkt merkwürdiger Weise die europäische Presse so gut wie gar kein Gehör, während sie doch sonst für die Klagen unterdrückter Völkerstämme in den fernsten Weligegenden einzutreten sucht. Mit welcher Grausamkeit die rumänischen Machthaber gegen die Juden Vorgehen, zeigt jenes furchtbare Verbrechen, welches vor zwei Jahren an ausgewiesenen rumänischen Juden verübt wurde und das erst jetzt zur Kenntniß der Oefsentlichkeir gelangt. Damals wurden fünfzig rumänische Juden gefesselt auf ein Floß gebracht und von zwei rumänischen Gendarmen, sowie von vier Ruderknechten donauabwärts eskortirt. Des Nachts verließen Gendarmen und Ruderknechte das Floß, nachdem ste vorher die Stricke gelöst hatten, welche die Floßpflöcke mit dem Floß verbunden hatten. Das Fahrzeug zerschellte und die fünfzig Juden ertranken. Derjenige, welcher damals den Befehl zu dem teuflichen Werke gab, ist heute — ein hoher rumänischer Beamter. Die „Agence Romaine" erhielt zwar den Auftrag, die Thatsache in Abrede zu stellen, allein wer der ähnlichen Vorgänge unter Bratianu sich erinnert, wird diesem Dementi nur skeptisch gegenüberstehen. Die rumänische Regierung ist wiederum einmal gcnöthigt, an den europäischen Geldmarkt sich um eine Allleihe zu wenden. Wäre es nicht an der Zeit, daß die Finanzwelt sich endlich auch der traurigen, ja geradezu verzweifelten Lage der unglücklichen Juden in Rumänien erinnerte? Feuilleton. WcrcH eirr er wahren WegeberrHeit. 20j Von Friedrich Rott „Aber nun mußt Du mir erzählen, wie Dir's geht und wie Dir's die ganze Zeit hindurch gegangen ist." „Gut geht's mir, ganz gut." „Das scheint so. Du siehst ja aus, wie eine Rosenknospe." „Wie eine Rosenknospe?" wiederholte sie lachend. „Sie machen nur Scherz, ich habe ja gar keine Stacht ln." „Freilich nicht, ich habe mich geirrt, das kommt, weil ich Dich schon so lange nicht gesehen habe. — Aber nun erzähle, wie es Dir die ganze Zeit gegangen ist." „Gut ist mir's gegangen, ganz gut. Aber wissen Sic/ fuhr die Kleine im Flüstertöne fort, indem sie sich mehr zu ihm neigte, „ich loohne gar nicht mehr bei Onkel und Tante Werner. Das kommt, weil der Herr Sanitätsrath so böse war." „Was hat er Dir denn gethan?" fragte Hugo. „Gethan hat er mir nichts, aber er hat zu Tante Werner gesagt, sie soll mir die Nase zuhalten und mir Hbbnersuppe in den Mund gießen." „Nun, bat die Tante das gethan?" „O nein, ich darf ja bei Tante Werner keine Hühnersuppe essen, sie ist ja keine Jüdin." „Ja, ja, ich erinnere mich," sagte Hugo, mehr und mehr belustigt, „aber nun erzähle weiter, was hat der Herr Sanitätsrath noch gesagt?" „Ich lveiß nicht mehr alles, geschrieen hat er ganz laut, und dann hat er Braten zu mir gesagt — oder nein, nicht Braten — Judenbraten hat er gesagt." Sie lachte laut auf. Hugo lachte mit ihr. „Aber nun mußt Dll weiter erzählen. Was ist geschehen, als der Sanitätsrath fortgegangen ist?" „Er ist gar nicht fortgegangen," erwiederte sie lachend, „er ist fortgelaufen und hat die Thüre so stark zugervorfen, daß der Schlüssel mitten in's Zimmer geflogen ist." „Ei, ei, ei! — und wie ist es dann weiter gegangen?" „Wie es dann weiter gegangen ist? — Warten Sie, ich muß mich erst besinnen. Ja, ich weiß schon. Am andern Morgen ist ein Herr Doktor gekommen und da hat die Tante mich angezogen und hat mich in einen Korb gelegt, worin Betten waren, und der Herr Doktor hat mich zugedeckt. Und die Tante hat so viel geweint und hat gesagt, der Herr Sanitätsrath will mir was Böses thun, was der liebe Gott nicht haben will, darum wird der Herr Doktor mit mir wegfahren. Und der Herr Doktor hat gesagt, ich darf gar nichts sprechen und muß ganz ruhig liegen, sonst kann ich gar nicht wieder gesund werden, und Tante Werner hat gesagt, daß ich alles thun muß, was der Herr Doktor sagt. Und dann ist der Korb zugedeckt und in den Wagen getrogen worden, und ich habe gar nichts gesprochen und bin auch ganz ruhig gelegen. Darum bin ich auch gesund geworden, hat Frau Steinhart gesagt." „Frau Steinhart? — wer ist Frau Steinhart?" „Sie wissen nicht, wer Frau Steinhart ist?" fragte die Kleine, ihn verwundert anschauend. „Onkel Werner ist doch bei Frau Steinhart gewesen, als ich hin gekommen bin und da hat der Onkel gesagt: der Herr Baron bai gesagt, daß Du bei Frau Steinhart bleiben sollst und daß Du alles thun mußt, was Frau Steinhart sag«-" «Ja, ja, ich erinnere mich," sagte Hugo, indem er mit der Hand über die Stirne fuhr, „ich hatte nur daran vergessen, weil ich krank bin." „Haben Sie Kopfschmerzen?" fragte Elsa besorgt, inden' sie mit dem Rücken ihrer kleinen Hand leise seine