Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 35 (30.4.1900)
- Date
- 1900-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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709 Stirne berührte, „soll ich Ihnen ein kaltes Tuch auf den .stopf legen?" „Nein," sagte Hugo lächelnd, indem er ihre Hand an seine Lippen drückte, „ich habe jetzt gar keine Schmerlen. Aber nun erzähle weiter, wie gefällt es Dir bei Frau Steinhart? Bist Du gerne dort?" „Sehr gern," versicherte das Kind, „dort ist es gerade so wie auf unserem Hof, bevor das große Feuer Alles verbrannt hat. Dort sind Kühe und Hühner, und Ziegen und Gänse auch. Und Frau Steinhart macht alles gerade so, wie die Mutter es gemacht hat. Am Freitag Abend zündet sie Lichter an und betet dabei. — Wissen Sie, lieber Herr Baron, dort bei Frau Stcinhart sind sie Alle Juden, da esse ich auch Suppe und Fleisch und Alles, was die Andern essen." „Die Andern? — wer sind die Andern? — Du mußt mir Alles ganz genau erzählen." „Nun ja, das will ich auch. Die Andern sind Herr und Frau Steinhart, Victor und Marianne." „Victor und Marianne sind Herrn und Frau Stcinharts Kinder?" „Ja, Victor ist ein Knabe und Marianne ist ein Mädchen." „Sind das kleine Kinder oder große? Kommen ste auch mit dem Kopf bis zu Onkel Werners Uhrkette?" „Marianne ja, die ist gerade so groß, wie ich. Aber Victor ist viel größer, der kommt gewiß mit dem Kopf schon bis zu Onkel Werners Bart, d. h., ganz gewiß weiß ich das nicht, aber ich glaube es." „Du bist ein gewissenhaftes Persönchen," sagte der Kraute, mehr und mehr amüsirt. „Gewissenhaft?" — wiederholte sie, „was heißt das, gewissenhaft?" „Wenn man immer nur das Gute thut, wovon man mit Bestimmtheit weiß, daß es recht ist, dann ist man gewissenhaft." „Aha, jetzt versiebe ich's, ich will auch immer nur das thun, was recht ist. Und bei Frau Steinhart, da sind an allen Thüren an der Seite so ganz kleine Glas, röhren angenagelt—" „Glasröhren sind an den Thüren angenagelt? — wazu denn das?" „Damit man jedesmal, wenn man durch eine Thür geht, daran deuten soll, daß man immer gewissenhart sein muß." „Das ist ganz schön, wenn man daran immer denk-, aber ich weiß mur nicht, was die kleinen Glasröhren dabei zu thun haben." „Die sollen daran erinnern, lveil in den kleinen Nähren ganz kleine Pergamentrollen sind, worauf geschrieben steht, daß man Gott lieb haben muß und nichts thun darf, was Gott verboten hat." „Ei, ei, das ist ja interessant. — Und Du hast das gelesen, was auf den Pergamentrollen steht?" „Nein, ich kann doch noch nicht lesen, ich lerne es jetzt erst bei Victor. Aber Herr Steinhart hat mir gesagt. was darauf geschrieben steht, darum sehe ich immer hinauf, wenn ich durch eine Thür gehe und denke daran, was da geschrieben steht." So plauderte die Kleine fort, wohl eine Stunde lang, und der Kranke lauschte ihren Worten, ihrer lieblichen Stimme mit sichtlichem Vergnügen. Endlich mahnte Werner zum Aufbruch. „Komm Elsa, es ist Zeit, sage dem Herrn Baron gute Nacht." „Schon?" fragte sie bedauernd, „es ist ja noch ganz hell. Darf ich nicht noch hierbleiben?" „Ich fürchte, Dein Geplauder könnte dem Herrn Baron doch zu viel werden und überdies habe ich Frau Steinhart versprochen, daß Du vor Abend zu Hause sein wirst." „Lassen Sie sie noch ein Weilchen hier," bat der Kranke, „Sie wissen, wie mich ihr Schwatzen freut." „Mein Schwatzen freut Sie?" rief sie laut auflachend, „das ist schön! das ist schön! da werde ich noch viel mehr schwatzen." „St, Elsa, st! Du vergißt, daß der Herr Baron kraut ist." „Aber er wird schon bald wieder gesund werden, nicht wahr, lieber Herr Baron? Und wenn Sie gesund sein, werden Sie hinaus kommen auf den Hof zu Frau Stcinhart, nicht wahr? — Onkel Werner hat mir gesagt, daß Sie's versprochen haben." „O, nüe gerne würde ich mein Versprechen halten," sagte der Kranke, schmerzlich aufseufzend. „Wirst Du auch immer an mich denken, Elsa? :— Wirst mich nie vergessen?" „Ich denke immer an Sie, und alle Abend, wenn ich mein Nachtgebet gesagt habe, dann sage ich: bitte, lieber Gott, laste den lieben Herrn Baron auch gut schlafen. Aber am Tage denke ich auch an Sie. Und nichi wahr, Sie werten and) zu Frau Steinhart kommen?" „Ich weiß nicht," versetzte Hugo gepreßt, „ich glaub, ich gehe zum lieben Gott —" „Zum lieben Gott wollen Sie gehen? Wo der Vater und die Mutter sind? — Ach bitte, lieber Herr Baron. sagen Sie dann dem Vater und der Mutter, daß ich immer brav sein will und daß ich nie etwas thun lotst, was der liebe Gott verboten hat. Das wird sie fr.men. — Wollen Sie?" — Er hielt ihre beiden Hände in den seinen und blickte luit überströmenden Augen in das unschuldsvolle liebliche .Kindergesicht. Plötzlich aber schrie Elsa laut auf. „Nein, nein!" ries sie laut schluchzend, ..Sie sollen nicht zum lieben GoK gehen! Lieber Herr Baron! — bitte! — bitte!" „Um's Himmelswillen, Elsa!" rief Werner, auf sie zueilend. Gleichzeitig stürzte die Baronin in das Zirnmer. „Gerechter Gott! Kind, lvas treibst Du? Dieser Laim im Krankenzimmer!" „Er hat gesagt, er geht zum lieben Gott," schluchzte das Kind, sich von Werner losreißend und zu der Baronin eilend, deren Knie es umfaßte. „Leiden Sie's