Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1900)
- Date
- 1900-04-23
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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676 schützen und zu bewahren. Und so rufe ich dem langjährigen Kollegen und Vorgesetzten im Namen der Schule den Scheidegruß zu und lege an seinem Sarge den Dank nieder sür alles das, was er der Schule geleistet, dafür, wie er sie gefördert hat und spreche es aus, daß in diesem Geiste auch mit Gottes Hilfe die Schule, soviel an uns liegt, von Lehrern und Eollegen weitergeführt werden soll. Wir setzen aber auch das Vertrauen in die Zukunft, daß die Schule wieder den Mann wird finden, der in diesem sie erhaltenden Geiste weiter arbeiten wird: wir dürfen dieses Vertrauen hegen, weil wir wissen, daß unsere Schule ein Gotteswerk ist, daß es die Wahrheit ist, der sie dient, und daß ein solches Werk nicht wird von Gott verlassen werden. Und so wird mit Gottes Hilfe die Lücke, wenn sie auch noch so groß ist, mit der Zeit minder schwer empfunden werden und dies ist der tröstende Gedanke, mit dem wir von diesem Grabe Abschied nehmen dürfen. So ziehe hin mit Frieden in den ewigen Frieden hinein. Unvergessen bleibt, was Du hier auf Erden geleistet hast. Die Schule bewahrt Dich in gutem Angedenken. wie sie es Deinem theuren Hingeschiedenen Vater bewahret hat und so ruhe sanft, bis Gott die Zeit tommen läßt, in welcher die Gräber sich öffnen und Er wieder zum Leben ruft die Dahingegangenen, bis zu der Zeit, wo jedes Leid und jeder Schmerz schwindet und in Frieden und Eintracht die Menschheit sich eint und bizu der Zeit, von der es heißt: MertorHr. Mentzel Airs- T*? Bis Lehrer. Von einem seiner dankbaren Schüler. Wenn es in schmerzensreicher Stunde, da das thranenumflorte Auge trostlos in die Zukunft hinausweint ob des Verlustes eines Führers und Bannerträgers, wenn in dieser Stunde, da die bange Frage alle Gemütber beherrscht, wer einzutreten vermöchte in den Riß, den der Heimgang eines Mannes, wie Direetor Dr. Mendel H irsch zurückgelaffen, wenn es in diesem Augenblick etwas gäbe, das uns Trost und Muth spenden könnte, so ist es der Gedanke, daß wir uns der Wirksamkeit des theueren Heimgegangenen nahezu ein halbes Jahrhundert erfreuen durften. Freilich, Männer von der genialen Kraft eines Dicector Mendel Hirsch verlassen uns in einem Lebensalter von hundert Jahren noch zu früh! Aber Gottes Weisheit läßt auch den Besten, den Trefflichsten und den Unentbehrlichsten nicht ewig auf Erden wandeln. Wir, wir kleine Menschen, könnten sonst sorglos unser Leben verbringen, könnten uns daran gewöhnen, im Schatten des führenden Geistes unthätig zu weilen. Wüßten wir doch, daß der große Mann u. Führer für alles Schwere schon kämpfen würde, für alles Erstrebenswerthe mit der Macht seiner Persönlichkeit einträte und mit der Helle seines Geistes entscheiden würde zwischen heilig und unheilig. Ist doch gerade die energische Stellungnahme zu den Neuerscheinungen, welche der Wandel der Zeiten unaufhörlich bringt, das Wesentlichste im Wirken führender Männer. Darum bringt der Hintritt eines solchen Großen uns die aufrüttelnde Mahnung, nun s e l b st st ä n d i g zu g e h e n , wo wir bisher so sicher und zielbewußt geführt worden sind. Und da hieße es wahrlich das Verdienst des großen Mannes verkleinern, fänden wir nach solch' vorbildlichem Leben, wie er es gelebt, den Muth nicht, ohne ihn weiter den rechten Weg zu wandeln. Hat er doch in tausende von Gemüthern seinen Geist gesenkt, zu Erwachsenen in der Reife ihres Urtheils gesprochen und auch gleichzeitig das empfänglichste Lebensalter, unsere glückliche Jugendzeit, beherrscht und wie ein sorgsamer Gärtner befruchtet! Zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem ich als Schüler zum letzten Male sein Wort vernommen. Und doch, wie lebensfrisch steht sie noch vor mir da, die freundliche Gestalt! Wie vornehm war sein ganzes Wesen' Vornehm war schon sein Gruß, den er auch dein kleinsten Schulkinde entbot. So hatte ich nur Einen außer ihm grüßen sehen. Sein Vater Samson Raphael H i r s ch s. A. war es, der tief den Hut vor jedem Schulkinde zog. Mit diesem achtungsvollen Gruß allein machte er die Kleinen groß und flößte ihnen ein Selbstbewusstsein ein, das sicherlich kein geringes Moment sittlicher Erziehungsbestrebung bildet. Und der Sohn hatte sich auch diese Grußart, wie so Vieles von seinem großen Vater, angeeignet. Hatte er nicht Recht mit dieser Jugendachtung? War es doch ein großes Problem, das mit dieser kleinen Heranwachsenden Jugendschaar gelöst werden sollte. Geisteserleuchtung, Herzensveredelung, Entwickelung aller Anlagen und Kräfte des Schülers, und alles dies nicht im Gegensatz, nein, im innigsten Verein mit dem unverbrüchlichen alten und ewig jungen Gottesgesetze, das war in der gedrängtesten Kürze des Wortes „das große Problem." Dieser großen Aufgabe ward er in seiner meisterhaften Weise gerecht, ihr widmete er sich mit dem Scharfsinn seines Urtheils und der Feinheit keines Fuhlens. Ueber seinem Unterrichte wehte der Geist seines großen Vaters s. A., dessen Welt- und Naturanschauung, dessen Svmbolik der Gottesgebote, dessen heitere Lebensauffassung er uns lehrte. Und wie reich und vielgestaltig waren die Mittel, über die er verfügte, um uns, seine Schüler, zu gesetzestreuen Juden und tüchtigen Menschen heranzubilden! Sein Auge, es konnte auch strenge blicken, und scharf blitzte es hinter den Brillengläsern hervsr, wenn er Mängel und Gedankenlosigkeit entdeckte. 'Aber er drückte es gerne zu. denn er lebte mit der Jugend, er