Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1900)
- Date
- 1900-04-23
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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677 verstand ihren Unverstand, uno oft bediente er sich starr des scharfen Tadels oder der strengen Strafe, der bitteren Ironie. Wenn er etwa die lärmenden Primaner zurechtwies, da verlieh ihnen seine Ironie nur den Titel „die Herren Primaner," und er hatte genug erreicht. In ähnlicher Weise strafte er, wo ihm schläfrige Theilnahmslostgkeit des Schülers am Unterricht entgegentrat. Es kam nicht oft dazu. Sein Vortrag regte an. denn über seinen Worten ruhte der Hauch einer Poesie, die uns Alle begeisterte. Sein Sprachgefühl war so ausgebildet, seine Art sich auszudrücken, so gewählt, daß man ihn ohne Uebertreibung nicht nur einen Meister, nein, einen Künstler des Wortes nennen konnte. Hatte der Wechsel der Zeiten seinen Worten einen Beigeschmack gegeben, so wußte er sie zu verwerfen. „Fromm," „religiös," waren Worte, die er ausschied. P f l i ch t g e - treu war ihm fromm, und „religiös" war eine Bezeichnung, die für einen Bekenner des Judenthums nicht paßte, denn das Judenthum ist keine Religion, es ist ein Gottesdienst von der Wiege bis zum Grabe. So „berichtigte und bereicherte" er im Unscheinbarsten und Kleinsten unsere Anschauung. Unvergeßlich werden wohl allen seinen Schülern die Stunden geblieben sein, da er uns in den Geist der jüdischen Gesetze, in den Geist der Propheten einführte. Wie lebten sie auf die Gestalten eines Jesaias, eines Jirmijahu's, eines Hosea, wenn wir ihre Worte aus seinem Munde vernahmen! Wahrlich, als Kinder schon fühlten wir es, daß nichts Veraltetes es war, was aus dem Schristenschatze der Propheten uns entgegentönte. Lebensvoll für die Gegenwart, bestimmend für die Zukunft wußte er feine Rede zu gestalten, was einst in längstvergangenen Tagen der Seber Mund gesprochen. Mit der ganzen Wärme seines fühlenden, weichen Herzens sprach er zu uns: wir fanden Thränen beim Lesen des wir „lernten beten" von einer n:r, bewegt und ergriffen waren wir, wenn er an den Prophetenvers anlehnend, die ganze Gluth der Sehnsucht schilderte, die „Mutter Zijaun" nach ihren in die Ferne, in die Irre gegangenen Kindern erfüllte — „sind sie doch der Wolke gleich, auf Nimmerwiedersehen in's Eril gezogen, aber nein, mit der Heimathstreue der Taube kehren sie einst tvieder." — Und wenn er den „alten Jeschurun" zur Hand nahm und uns jene Perlenschätze vorführte, die in seines Vaters Schriften enthalten rvaren, Keiner vermochte den Ton so meisterhaft zu treffen, der den Aufsätzen über das „zeitgemäße Judenthum," über die vier Chanukkah u. s. iv. so recht entsprach, wie er. Und die Erläuterungen, die er uns hierzu gab, sie standen so sehr auf der Höhe des Inhaltes des Vorgetragenen, sie waren i in ihrer schwungvollen Sprache so dem Ganzen ange-! paßt, daß sie, weitentfernt uns den Gegenstand zu verleiden, uns mäcktig dazu antrieben, zu Hause nachzu- : lesen, was er so wunderbar packend vorgetragen. Unübertrefflich war seine Art der Vorbereitung zu den. Festtagen. Sein ganzes Herz war dabei, wenn es galt, die Piutim zu erläutern; da war es besonders die Tiefe seines Gemüthes, die uns die herrlichen Piutim zu 7!-! theuer machte. Noch heute vermeine ich es zu hören, wie er uns erklärte, wie xov np-: 7122- Tpi, wie das tiefe Verstummen der Gottesgeschöpfe die lauteste Predigt der Gottesallmacht sei, noch heute Hallen mir seine Frühlingsgedanken im Geiste nach, zu denen, ein fETi-tr ihn zu begeistern wußte. Soll ich nun noch davon sprechen, wie er jedes Kind der Schule kannte, wie ihm jedes an's Her; gewachsen war, wie jede Schlußseier der Schule ein wahrhaftes Familienfest war. gekrönt durch die ergreifenden Worte, die er „seinen Söhnen und Töchtern" beim Verlassen der Schule aus den Lebensweg mit hinaus gab! Soll ich noch erzählen, daß stets der Schul» entwachsene Mädchen erfolgreich um die Gunst baren, „seinen Stunden" weiter beiwohnen zu dürfen! Ich breche ab. Nur flüchtige Striche sind es zur Zeichnung des Bildes unseres tbeuren. unvergeßlichen Lehrers. Sie sind nicht verloren gegangen, seine Worte uns Anregungen. Haben sich doch buchstäblich schon in drei Generationen „die Prophetenhefte" vererbt, jene Aufzeichnungen. die oft von der Großmutter bis zur Enkelin in der Unterrichtsstunde bei ihm niedergeschrieben worden sind. Nur kurze, flüchtige Stricke zum Bilde des herrlichen Mannes uwllken nur beisteuern,!veil das Herz uns trieb, uns selbst gewisiermaßen zu prüfen, ob '0 Manches noch hatten geblieben sei von all' dem, :vas der theure Heimgegangene als sein Lebenswerk betrachtete. Ruhe in Frieden! großer Meiner! Wir wahren, in. Treue Dein Vermächtnis;. Im Leben als gereifte Männer und Frauen haben wir erst recht begriffen, was Tu erstrebtest. Wir wollen unfern Kindern Deinen Geist einpflanzen und ihnen sagen, daß Tn uns lehrtest, bei aller Durckgeisiigung der Gottesgebore, sie als Gebote Gottes vor allem in 2 b a r u m z u f e ß s n. Glücklick sind wir im Bewußtsein, daß Tu, gteicy Deinem großen Vater. Muße fandest, uns in f ch r i tili ck e m Nachlaß das Ergebniß lebengestaltender Forschung, gereist am Baume jüdischer Erkenntniß, als ibeuerste Erbschaft darzureichen. Liebevoll wollen wir uns durch sie wappnen und stählen, und so wird Tein Angedenken, geliebter Lebrer, für weiteste Fernen zu:n Segen gereichen. H.