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Der Israelit · 1900-04-23 · Heft 32-33 (23.4.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 32-33 (23.4.1900)
Date
1900-04-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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656 an &e. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. B e e r ttt a n n oder an den Unterzeichneten hier zu wenden. B. P e s s e n , Cantor. Feuilleton Wcrch einev wahren Wegebenheit. I8j Von Friedrich Rott. „Weil Du für den Judendoktor blind eingenommen bist, der Sanitätsrath ist jedoch entschieden anderer Ansicht." „Der Sanitätsrath behandelt ihn auch?" fragte die Gräfin. „Leider nicht," erwiederte die Baronin mit schmerzlichem Seufzer. „Als unser langjähriger Hausarzt und Freund ist er zwar heute morgen gekommen, er hatte, ich weiß nicht durch wen, von Hugo's Erkrankung gehört, und ich war glücklich, als ich ihn gesehen habe. Er hat mir in jeder Beziehung Recht gegeben, er findet das Vorgehen Doktor Kllhn's geradezu unverantwortlich. Aber denke Dir nur, Hugo hat die Stimme des Sanitätsrathes erkannt und hat darauf sofort den Bedienten heruntergeschickt und mir sagen lassen, er wolle jetzt schlafen und wünsche durch Niemanden gestört zu werden. Ich bin darauf allein zu ihm gegangen und habe ihm vorgeschlagcn, während der Anwesenheit des Sanitätsrathes die Augen zu schließen und gar nichts mit ihm zu sprechen. Alles umsonst —" Die Gräfin schüttelte den Kopf. „Mir ist der Sanitätsrath zwar auch keine sympathische Persönlichkeit, aber diese entschiedene Abneigung Deines Sohnes gegen ihn nimmt mich dennoch Wunder. Doch Patienten haben häufig Launen, die ihnen bei wiedererlangter Gesundheit selbst nicht erklärlich sind. — Doch brauchst Du es, meiner Ansicht nach, nicht zu bedauern, dem Wunsche Deines Sohnes Dich gefügt zu haben. Wenn der Sanitätsrath mit der Behandlung des Arztes, zu dem Dein Sohn Vertrauen hat und auch haben kann, nicht einverstanden ist, so hätte es, namentlich bei Berger's anmaßendem Wesen, den Collegen gegenüber zu den unangenehmsten Auftritten kommen und den Patienten in Wirklichkeit aufregen können. — Wer ist jetzt bei ihm?" „Ein barmherziger Bruder, den der Jude hergeschickt hat." „Verzeihe, liebe Emma, wenn ich mir erlaube, Dich auf etwas aufmerksam zu machen. Doktor Kühn behandelt Deinen Sohn auf dessen ausdrückliches Verlangen, ich glaube daher, daß es Hugo ärgern resp. aufregen würde, wenn er Dich in dieser verächtlichen Weise von dem Arzte reden hörte, dem er nun einmal sein Vertrauen geschenkt hat." Die Baronin erröthete und murmelte einige ihr vielleicht selbst nicht verständliche Worte. Die Gräfin gewahrte mit Befriedigung, daß ihre Freundin doch allmählich ruhiger geworden und stand endlich mit der Versicherung auf, sie werde recht bald wiederkommen. »Ja, ja, komme bald wieder, Adele -— ich bin so unglücklich — so unglücklich! — Ich habe ja Niemanden auf der Welt als ihn! Und wenn er mir nun genommen würde! — Großer Gott!" — „Um's Himmelswillen, Adele! Ich begreife nicht, wie Du diese Worte nur über die Lippen bringst. Wer wird denn gleich das Aergste fürchten —" „Wie sollte ich denn nicht das Aergste fürchten, wenn ich zu dem Arzte, der ihn behandelt, nun einmal kein Vertrauen haben kann." „Da ist Dir freilich schwer zu helfen. Weißt Du was? Ich werde dem Doktor sagen, er möge Hugo Zureden, um Deinetwillen zu gestatten, daß der Sanitätsratb auch zu Rathe gezogen werde." Die Gräfin hielt Wort und Doktor Kühn ließ es sich in Wirklichkeit angelegen sein, den Baron zu bewegen, den langjährigen Arzt seiner Mutter zu empfangen. Doch Hugo, sonst so rücksichtsvoll in Betreff der Neigungen und Wünsche Anderer, ließ sich nicht so leicht dazu bewegen. Er behauptete, die Anwesenheit des Sanitätsrathes nicht ertragen zu können, und das mochte in gewisser Beziehung seine Richtigkeit haben, denn wenn er sich auch nicht darüber äußerte, im Innern seines Herzens gab er dem Sanitätsrath Schuld, seine Krankheit veranlaßt zu haben; nur der Uebereifer des klerikal gesinnten Arztes hatte, seiner Ansicht nach, die Baronin auf die Idee gebracht, das kleine Judenmädchen taufen zu lassen, wodurch wiederum er dermaßen außer Rand und Band gerathen war, daß er, alle bisherige Vorsicht vergessend, das kranke Kind sogar umarmt hatte. Ueberdies hatte er das vollkommenste Zutrauen zu seinem Arzte, das der schwere Verlauf der Krankheit, nach Ansicht der Baronin allerdings, durchaus nicht rechtfertigte. Der Kranke litt unsäglich, doch seine Mutter litt nicht weniger, als er, vielleicht sogar noch mehr, denn in ihrem Schmerz klagte sie sich an, des Sohnes Krankheit verschuldet zu haben. Auf die Dauer konnte Hugo jedoch den vereinten Vorstellungen seiner Mutter und seines Arztes nicht widerstehen, schließlich willigte er ein, auch den Sanitätsrath zu Rathe zu ziehen, doch außer ihm noch einen dritten Arzt, denn er hielt sich überzeugt, daß der Sanitätsrath in jedem Falle die bisherige Behandlung verurtheilen werde, dem sollte der dritte völlig unparteiische Arzt Vorbeugen. Der Sanitätsrath erhob jedoch am Krankenbette keinerlei Einwendungen gegen das bisherige Verfahren, allein mit den Kollegen erklärte er dasselbe jedoch vollständig verfehlt, während er der Baronin unumwunden

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