Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 32-33 (23.4.1900)
- Date
- 1900-04-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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657 seine Ueberzeugung aus sprach, daß der Kranke durch seinen Eigensinn zu Grunde gehen werde. Jetzt wäre es zu spät, jetzt könne auch er nicht mehr helfen, könne nicht den verfahrenen Karren aus dem Morast ziehen — warum hatte man ihn nicht früher zugelassen, als es noch Zeit war? — Die Baronin wand sich in unsagbarem Weh, in namenloser Verzweiflung, und nur dem innigen Zuspruch der Gräfin gelang es, sie wenigstens in so weit aufzurichten, daß sie in Gegenwart des Kranken ihre Fassung bewahrte. Doch der scharfe Blick des Leidenden ließ sich durch ihre mühsam erkämpfte äußere Ruhe nicht täuschen, er eriieth nahezu die Wahrheit. Es war in den Vormittagsstunden. Doktor Kühn saß am Bette des Barons und bemühte sich in seiner freundlich heiteren Weise, die Muthlosigkeit des Patienten zu heben, ihm Hoffnung einzuflößen, die er vom ärztlichen Standpunkte aus allerdings kaum mehr hegte. Doch der Kranke schüttelte abwehrend das Haupt. „Sie sprechen gegen Ihre Ueberzeugung, Doktor." „Aber Herr Baron, das ist eine Beleidigung, für die Sie mir als Cavalier Genugthuung schulden, sobald Sie sich erholt haben werden, schicke ich Ihnen meine Zeugen." Ein mattes Lächeln zuckte um Hugo's bleiche Lippen. „Erst wollen Sie mich gesund machen und dann über den Haufen schießen!" „Ganz richtig, das ist meine Absicht. Oder finden Sie vielleicht den Juden nicht satisfactionsfähig?" „Was diesen Punkt betrifft, so sind Ihnen meine Ansichten bekannt. Doch Scherz bei Seite. — Sagen Sie mir ausrichtig, Herr Doktor, wäre es nicht an der Zeit, daß ich mein Haus bestellte?" Der Doktor lachte laut auf. „Pardon, Herr Baron, aber diese Muthlosigkeit —" Der Kranke zog die Stirne in Falten, das Blut, das ihm in die Wangen stieg, ließ seine Erregung erkennen. „Sie lachen nicht über meine Muthlosigkeit," sprach er mit seltsam heiserer Stimme, „Sie lachen vielmehr über meine etwas komische Ausdrucksweise." „Herr Baron, ich muß vielmals um Entschuldigung bitten, aber in der That, ich begreife nicht, Sie, in der Fülle der Jugendkraft —" Der Kranke machte eine abwehrende Bewegung. „Wohin ist die Fülle der Jugendkraft gekommen?" fragte er, seine abgezehrten Hände betrachtend. „Ich darf nicht antworten, wie ich möchte," entgegneie der Arzt lächelnd, „der Herr Baron befinden sich heute in etwas gereizter Stimmung." „O nicht doch, nicht doch," betheuerte der Baron, N'il warmem Blick zu seinem Arzte emporschauend, „wenn es mir auch schlecht geht, so weiß ich doch, wie vielen Dank ich Ihnen schulde." „Und haben mich trotzdem so schwer beleidigt, daß ich in Gedanken schon alle meine Freunde durchgegangen bin. welche sich am Besten zu Zeugen eignen würden bei unserem bevorstehenden Rencontre —" Der Kranke machte eine ungeduldige Bewegung. „Gleich wird der Sanitätsrath Berger kommen und dann der Geheimrath Hopfen und dann Mama. — Und ich hätte so gerne, bevor sie alle kommen, mit Ihnen über eine Angelegenheit gesprochen, die mir sehr am Herzen liegt —" , Bitte sehr, Herr Baron, ich werde nicht unterbrechen." „Es handelt sich um das kleine Mädchen, dessen Zukunft ich, soweit es mir möglich ist, sichern möchte — es ist eine Waise —" „Die Kleine ist in guten Händen," versicherte der A rzt, „der Herr Baron würden eine Freude haben, wenn Sie das Kind sehen würden, so frisch und munter —" „Dürfte ich Elsa sehen?" unterbrach ihn Hugo lebhaft, „würde es dem Kinde nicht schaden, wenn es zu nur kommen würde?" „Ich wüßte nicht, in welcher Beziehung ihm das sch( den könnte. Die Kleine hat die Krankheit erst vor Kurzem durchgemacht, an der der Herr Baron noch lalwriren — eine Ansteckung ist da nicht zu befürchten. Wenn der Herr Baron es wünschen, werde ich Ihren Verwalter beauftragen, die Kleine, etwa in den ersten Rachmittaassiunden, herzuführen." „Wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten," versetzte Hugo, während eine helle Röthe seine Wangen färbte. „Wie das Kind dem Herrn Baron an's Herz gewachsen ist," bemerkte der Arzt lächelnd, „ich glaube, es wird Ihnen woblthun, die muntere Kleine etwa eine Siunde hier zu haben, das Kind wird Ihnen alle Grillen wcgplaudern." „Vielleicht," erwiederte der Kranke, gleichfalls läcvelnd, „das Plaudern versteht es aus dem ff, aber es wird nie dadurch lästig, wenigstens mir nicht." „Dann soll es noch heute kommen, ich werde dafür sorgen. — Aber wie ist es denn, der Herr Baron haben die Kleine damals heimlich entführen müssen, um sie vor der zwangsweisen Taufe zu schützen?" „In dieser Beziehung haben wir nichts mehr zu fürchten," erwiederte der Baron heiter, „ich habe meiner Mama mit Bestimmtheit erklärt, daß ich das holde Kind, wenn es getauft werde, nach zehn Jahren heirathen würde." „Und daraufhin hat die Frau Baronin ihren Plan aufgegeben?" „Vollständig," versicherte der junge Mann lachend — es war wieder sein ehemaliges frisches Lachen, „es ist doch eigentlich schade, ich habe mir durch meine Intervention ein liebliches Bräutchen verscherzt." „Schade ist, daß der Herr Baron diese Erklärung nicht früher ausgesprochen haben. Sie hätten sich dadurch vermuthlich die Krankheit erspart." „Freilich, freilich. Aber es ist ein altes Sprüchwort, wenn die Herren vom Rathhaus kommen, sind sie am klügsten. — Wenn ich nur wüßte', wie ich die Zukunft des Kindes sichern könnte; ich bin nicht majorenn, kann daher über mein Vermögen nicht verfügen — wenn